Kultur : Hunger auf mehr

Der Filmemacher Jacques Doillon feiert wieder einmal die Jugend: „Ich habe dich nicht um eine Liebesgeschichte gebeten“

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Carrément à l’ouest – voll daneben, was das Mädchen Fred (Lou Doillon) da macht. Freds Freund wird gerade von Alex (Guillaume Saurrel) so verhauen, dass man meint, die Knochen knacken zu hören. Und was macht Fred? Sie trifft sich heimlich mit dem maushaften Schläger Alex, reißt die braunen Augen ganz weit auf, wirft ihm Blicke zu und holt ihm etwas später ein mysteriöses Päckchen aus einem ranzigen Pariser Hinterhof. Zu langweilig, das Leben. Hunger auf mehr. Was Verbotenes tun, langsam eine Nacht vorbereiten, die unvergesslich werden soll. Das geht meistens schief, weil sich unvergessliche Nächte so schlecht planen lassen. Fred ahnt das, und deswegen ist sie mit verzweifelter Konsequenz bei der Sache.

„Warum machst du das“, fragt der Schläger irgendwann. „Schließlich hab’ ich deinen Freund verprügelt.“ - „Weiß nicht. Mal sehen“, antwortet Fred, und in ihren Augen blitzt es dabei herausfordernd. Das Päckchen bringt Geld, Fred und Alex gehen in einen Club, lernen Sylvia (Caroline Ducey) kennen und mieten eine Hotelsuite der Luxusklasse. Echte Stiche hängen dort an den Wänden, es gibt eine Badewanne – und man möchte nichts lieber sehen als die drei zerrupften, orientierungslosen Menschen im heißen Wasser, auf dass sie sich den Straßenschmutz hinter den Ohren abschrubben. Passiert aber nicht. Stattdessen: kein Sex, höchstens mal ein Kuss, aber trotzdem eine ménage à trois, wie sie schmuddelig-klassischer nicht sein könnte. Absurde Dialoge: Kennt man einen, kennt man alle. Doch kommt alles immer ein bisschen anders, ein bisschen echter.

Wie das wohl gewesen sein mag, für die 19 Jahre alte Lou Doillon, so charakteristische Momente des Abschieds von der Kindheit unter der Regie ihres Vaters Jacques Doillon zu drehen? Jane Birkins Tochter scheint jedenfalls jeden Morgen eine neue Talent-Dusche zu nehmen, so frisch spielt sie in „Carrément à l’ouest“ (deutscher Titel: „Ich habe dich nicht um eine Liebesgeschichte gebeten“), der zwischendurch auch mal zäh sein kann wie die Blutstropfen, die Freds Freund zu Beginn aus der Nase sickern. Aber das nervöse Herumrutschen im Kinosessel lohnt sich – mit dieser Schlusseinstellung, nein, damit hat niemand gerechnet.Esther Kogelboom

Steinplatz, fsk Oranienplatz, Hackesche Höfe (alle OmU)

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