Kultur : Hunger nach Trends

Vom Exportschlager zur Saisonware: Warum die herausragende junge Kunst aus Deutschland ein Label wie „Kraut Art“ gar nicht nötig hat

Katrin Wittneven

Ein neues Kürzel geistert durch den Kunstbetrieb: „YGA“: Young German Art, zeitgenössische Kunst aus Deutschland. Gar vom „Siegeszug der Kraut Art“ ist dieser Tage im „Spiegel“ zu lesen. Und schon stellt sich so mancher vor, wie es sich die Sammler in den VIP-Lounges der Kunstmessen zuraunen, um danach alles mit der Aufschrift „Made in Germany“ zu ordern. So entstehen Kunstmarktklischees, keine Trends. Dabei stimmt es sogar prinzipiell: Seit einigen Jahren schon ist neue deutsche Kunst am internationalen Markt gefragt, vor allem die Malerei – man denke nur an die Erfolgsgeschichten des 1960 geborenen Neo Rauch oder des 40-jährigen Franz Ackermann, für deren Gemälde es inzwischen Wartelisten gibt und Sammler schon bis zu sechsstellige Summen zahlen. Sie stehen nicht alleine da: Längst haben so unterschiedliche Künstler wie Daniel Richter, John Bock, Kai Althoff, Jonathan Meese, Monica Bonvicini, Frank Nitsche oder in der Nachwuchsgeneration Tim Eitel, Kerstin Kartscher oder Björn Dahlem die Märkte erobert. Auch Sabrina van der Ley, Künstlerische Leiterin des Berliner Art Forum, bestätigt: „Seit rund vier Jahren verkauft sich Kunst aus Deutschland stetig besser in alle Welt und begeistert auch die Kuratoren der großen internationalen Ausstellungen.“

Deutsche Kunst ist also en vogue, und doch wird ein aufgesetztes Label wie „YGA“ der Vielfalt der jungen Szene kaum gerecht. Schon deshalb nicht, weil es so unverblümt an YBA, die Young British Artists angelehnt ist. Die aktuelle Situation in Deutschland aber ist mit der englischen Kunstszene Mitte der Neunzigerjahre, als Künstler wie Damien Hirst, Dinos & Jake Chapman oder Tracey Emin mit eingeweckten Tierhälften oder sexuell mutierten Schaufensterpuppen für Sensation sorgten, nicht vergleichbar. Einzelne Sammler heizten da den Markt an, die Kunst wurde – nicht zuletzt indem die Auktionshäuser auf den rasant rollenden Zug aufsprangen – ebenso schnell zum Spekulationsobjekt wie die Künstler in den Klatschspalten auftauchten.

Bei der deutschen Kunst unterscheidet sich die Situation schon deshalb von dem Londoner Hype, weil die Sammler zahlreicher sind und weltweit verteilt. Zudem ist die junge Generation langsam gewachsen und anders in die internationale Ausstellungsszene eingebettet: „Kontinuierlich ist in Deutschland seit den Sechzigerjahren interessante Malerei entstanden“, sagt etwa Frank Lehmann von der Dresdner Galerie Gebrüder Lehmann, die mit Eberhard Havekost oder Frank Nitsche gleich zwei Stars der Stunde im Programm hat. Sie setzen auf eine allmähliche Preisentwicklung, damit auch die Sammler mitwachsen können. Allein in den letzten drei Jahren haben sich die Preise für Gemälde von Havekost (6000 bis 30000 Euro) zwar mehr als verdoppelt, doch die Wertsteigerung verläuft kontinuierlich, so dass auch die frühen Sammler mitwachsen können.

Auf permanente Mischkalkulation mit jungen Künstlern setzt Judy Lybke von der Galerie Eigen + Art (Berlin/Leipzig). Mit Neo Rauch, Olaf und Carsten Nicolai, Akos Birkas oder Tim Eitel und Martin Eder vertritt er Künstler verschiedener Generationen und Preislagen. Für ihn kommt der Erfolg gerade der jungen deutschen Maler nicht überraschend, sondern ist von älteren Erfolgskünstlern wie den Becher-Schülern vorbereitet worden. Eine Modeerscheinung sieht auch der New Yorker Galerist Friedrich Petzel nicht: „Es ist mir gar nicht bewusst, dass es sich bei ,Neuer Deutscher Kunst’ um einen neuen Trend handelt. Mit Künstlern wie Polke und Kippenberger hat es doch immer hervorragende Protagonisten gegeben. In meiner Galerie in New York zeige ich seit geraumer Zeit Skulpturen von Tobias Rehberger und Björn Dahlem und von der in New York lebenden deutschen Künstlerin Charline von Heyl. Der 2002 verunglückte Michel Majerus hatte hier eine fantastische Ausstellung und kurz darauf zeigten wir Cosima von Bonin. Im Mai wird Dirk Skreber sein Debüt in New York haben.“

Ein Markenzeichen wie „YGA“ vereinheitlicht, was höchst heterogen ist: Was hat schon ein Berliner Malerberserker wie Jonathan Meese mit den formal geradezu antiquierten Werken der Leipziger Schule zu tun? Zudem lässt sich kaum noch ein junger Künstler auf eine Ausdrucksweise beschränken. Und schon ein einziger Rundgang etwa durch die Galerien Berlins macht offenkundig, dass heute ebenso viel Skulpturen wie Installationen, Fotografien, Videoarbeiten und Gemälde entstehen – eben diese Vielfalt hat zum Erfolg der jungen Kunst aus Deutschland entscheidend beigetragen. Aber die Kunstwelt liebt die Trends und spätestens nach den großen Malereiausstellungen des letzten Jahres war auch die Renaissance der Gemälde vorhersehbar.

Dabei lässt sich die internationale Kunstszene längst nicht mehr auf Länder und Regionen begrenzen. Künstler sind moderne Nomaden, die im weit verzweigten Netz der Biennalen herumreisen, an vielen Orten der Welt Stipendien wahrnehmen oder ihre Arbeitsräume dort haben, wo die Ateliers günstig sind. Und nach wie vor zählt Berlin zu den favorisierten Standorten. „Auf dem diesjährigen Art Forum Berlin wird das in der neuen Sonderausstellung ,Made in Berlin’, kuratiert von Zdenek Felix, sichtbar werden“, erzählt Sabrina van der Ley. Noch ein Label, aber immerhin werden die eingeladenen Künstler nicht nur aus Deutschland kommen.

Mancher sieht in dem Label gar den Anfang von Ende. Guido Baudach von der Berliner Galerie Maschenmode, die mit eher sperrigen Werken junger Künstler wie Björn Dahlem, Thilo Heinzmann oder André Butzer arbeitet, hält es für bedenklich, dass Kollegen sich auf der letzten Armory Show in New York das Schildchen „Young German Art“ an den Stand haben hängen lassen und damit dazu beigetragen haben, eine gesunde Marktlage zum Hype werden zu lassen.

Zwar sollte ursprünglich mit der Kennzeichnung nur darauf hingewiesen werden, wer Fördergelder für den Messeauftritt erhalten habe, aber schlussendlich feuerte das schlichte Schildchen die Aufmerksamkeit an und wirkte namensgebend, was speziell in der amerikanischen Presse Kreise zog. „Ein Hype ist immer begrenzt und zerstörerisch“, meint Baudach, „weil er inflationär wirkt und letztlich auch einen Ausverkauf bedeuten kann. Die Kunst, die in Deutschland entsteht, hat so etwas gar nicht nötig“.

Die aktuelle deutsche Kunst reüssiert am Markt, weil sie gut ist – und nicht, weil sie deutsch ist. Dennoch: Immer mehr Messen und der schnelle Erfolg junger Künstler haben in den letzten Jahren den Umsatz enorm beschleunigt. Gerade ein schneller – und ebenso launischer – Kunstmarkt ruft Trittbrettfahrer auf den Plan und birgt die Gefahr der „One-Hit-Wonder“. Letztlich wird sich auf Dauer nur Qualität am Markt halten. Rosig sieht daher Judy Lybke der Zukunft entgegen: „Eine neue Bewegung ist das zwar nicht, aber viele dieser jetzt diskutierten jungen Künstler aus Deutschland werden ihren Weg gehen. Sie sind nicht einmal mehr vom Erfolg aus der Bahn zu werfen.“

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