Kultur : Hungriges Loch

Das Jewish Film Festival steht vor dem Aus

Silvia Hallensleben

Im Juni erst hatte das Berliner Jewish Film Festival mit einer kleinen Retrospektive und einem schmucken Jubiläumsband „die ersten zehn Jahre“ seines Bestehens gefeiert. Jetzt, da man gerade an der Terminplanung für die nächste Ausgabe saß, sieht es so aus, als würde das Festival der seit Jahren schwelenden Finanzkrise der Jüdischen Gemeinde zum Opfer fallen. Die Krise hatte die Neuwahl von Repräsentantenversammlung und Vorstand im letzten Jahr orchestriert. Nach seiner Wahl zum neuen Gemeindevorsitzenden hatte Albert Meyer angekündigt, das Finanzloch mit Ansprüchen auf gemeindeeigene Immobilienwerte und Einsparungen bei Personal- und Verwaltungskosten lösen zu wollen. Im März wurde dann der Wirtschaftsplan verabschiedet – mit der Auflage, weiter nach Einsparmöglichkeiten zu suchen. Vom Filmfestival war bis dahin in diesem Zusammenhang nie die Rede. Doch nun wird bekannt, dass der Gemeindevorstand plant, ausgerechnet die Mittel für die populäre Veranstaltung zu streichen.

Es sei nicht der erste Angriff auf ihren Etat in den letzten Jahren, sagt Nicola Galliner, die als langjährige Leiterin der Jüdischen Volkshochschule vor zehn Jahren aus einem Teil des Etats das Filmfestival gegründet und ihm seitdem ein unverwechselbares Profil gegeben hat. Die Volkshochschule war damals ein Lieblingskind von Heinz Galinski. Seit dessen Tod wurde immer wieder am Budget herumgeknabbert, so Frau Galliner. Doch nun wolle man gleich auf ein Viertel des Sachmitteletats verzichten, jene 50000 Euro, die das Festival kostet: „Dabei sind wir einer der wenigen Bereiche der Gemeinde, der kein Defizit macht. Wir werden bestraft, weil andere falsch gerechnet haben.“ Teuer sind besonders Schulen und Personal. Vom Gesamtetat der Gemeinde beträgt der Anteil der Volkshochschule nicht einmal zwei Prozent.

Dabei hat das gemeinsam mit den Freunden der Deutschen Kinemathek jährlich im Kino Arsenal veranstaltete internationale Jewish Film Festival Ausstrahlung weit über die Stadt hinaus. Und es ist wohl die bedeutendste Aktivität der Gemeinde, die auch nicht-jüdischen jungen Berlinern Einblicke in historische und zeitgenössische jüdische Lebenswelten gibt. Viele wichtige Filme aus aller Welt waren nur hier zu sehen.

Auch Albert Meyer, seit Mai auch in Nachfolge von Julius Schoeps Kulturdezernent, betont seinen Respekt vor der „einzigartigen Institution“, verweist aber auf die Sparzwänge, die es nötig machten, die Finanzierung des Festivals durch die Gemeinde zumindest zeitweilig auszusetzen: Zwei Jahre noch, dann sei das Finanzloch gestopft. Außerdem stehe er derzeit mit einem privaten Sponsor in Verhandlung. Eine andere Möglichkeit könne sein, die Veranstaltung „als eigenständiges Ereignis“ in die Jüdischen Kulturtage im Herbst zu integrieren: Für das in der Öffentlichkeit profilierte Filmfest ein riskantes Manöver mit erheblichem Autonomieverlust – und eine organisatorische Einbahnstraße.

Ohne institutionelle Unterstützung aber gehe es nicht, meint Nicola Galliner, „schließlich wird die Jüdische Gemeinde zu einem Großteil aus öffentlichen Geldern gefördert“. Da sei es nur angemessen, dass ein Teil der Arbeit an die Öffentlichkeit zurückgehe. Die Planungen für nächsten Sommer müssten jetzt dringend anlaufen. Hoffen wir, dass die Jüdische Gemeinde auch in Zukunft ihre Verantwortung für eines ihrer herausragenden Kulturereignisse übernimmt.

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