Kultur : Huren, Dealer, Puppenspieler

Das 58.Filmfestival von Locarno versammelt Sittenbilder einer jungen, vor der Zeit gealterten Generation

Christiane Peitz

Ein Mensch verschwindet aus seinem Leben. Nein, hier soll nicht schon wieder von Wim Wenders’ neuem Film „Don’t Come Knocking“ die Rede sein, der in Locarno für einen Programm-Höhepunkt sorgte (Tsp. vom 8. 8.). Seltsame Koinzidenz: Auch der deutsche Wettbewerbsbeitrag, Florian Hoffmeisters Spielfilmdebüt „3 Grad kälter“, erzählt von einem, der abhaut. Keinem alten, sondern einem jungen Mann, der wie Wenders’ Westernheld von sich sagt, er fühle sich wie ein Gast in seiner eigenen Existenz.

Implosion einer Entfremdung: Man lebt so vor sich hin, und plötzlich stimmt alles nicht mehr. Hat vielleicht noch nie gestimmt. Aus diesem Psychostoff weben etliche Regisseure in Locarno nicht etwa hippe Kino-Action oder nervöses Ego-Shooting, sondern fast schon klassische Melodramen. Stille Bilder, große Gefühle: Das junge, engagierte Kino, wie es sich seit jeher in Locarno präsentiert, entdeckt das Politische im Privaten. Im Mikrokosmos von Familie, Liebe und Clique finden sich die Erschütterungen der Gegenwart seismografisch aufgezeichnet: soziale wie gesellschaftliche Echos auf die Unruhen des 20. und 21. Jahrhunderts. Die neueste Innerlichkeit ist politisiert – und der Krieg findet in den eigenen vier Wänden statt.

In „3 Grad kälter“ kehrt Jan (Sebastian Blomberg) vom Urlaub am Meer nicht zurück – und taucht erst fünf Jahre später zu Hause in Nürnberg auf. Regisseur Hoffmeister und Ko-Autorin Mona Kino erzählen weniger vom Verschwinden als vom reduzierten Leben derer, die der Flüchtling hinterlässt. Vom Alltag, mit dem man sich arrangiert hat. Vom Lieben und Leiden auf Sparflamme, von Desillusion und Zukunftsangst. Lauter junge Menschen, vor der Zeit gealtert: Sittenbild einer verstörten Generation. Auch das hat Hoffmeister mit Wenders gemeinsam: Die Schauspieler Bibiana Beglau, Meret Becker, Alexander Beyer oder Katharina Schüttler werden von der Regie immer wieder allein gelassen. Jeder schweigt für sich allein. Hoffmeister bemüht sich um eine verhaltene, differenzierte Gestensprache, aber sein Minimalismus kippt immer wieder ins Banale.

Allerdings weiß der Regisseur, der bisher vor allem als Kameramann („Liegen lernen“, „One Day in Europe“) gearbeitet hat, wie man Emotionen zu Filmbildern verdichtet. Die geduckten Häuser in der Provinz, der Bahndamm, ein Hallenbad, eine Klinik: lauter stille, kühle Metaphern für die Entfernung zwischen den Menschen. Sind alle so nah, sind so schrecklich weit weg: Distanzen, die Hoffmeister in Cinemascope ausmisst, dem Format des menschlichen Blickfelds.

Vom Fremdsein in der eigenen Haut erzählt auch der in Locarno heftig umstrittene schweizerische Wettbewerbsbeitrag „Snow White“ des Produzenten und Kultfilmers Samir. Zuletzt war der 50-Jährige mit „Forget Bagdad“ auf dem Festival zu Gast, einem Dokumentarfilm über irakische jüdische Kommunisten und ihre vielfache Exil-Identität. Nun erklärt er in langen Interviews, warum er nun auf einen explizit politischen Stoff verzichtet und von den 20-Jährigen in Zürich erzählen möchte. Von Hip-Hop, Drogen und Sex, vom schnellen, falschen Leben der Party-Generation. Auch „Snow White“ versteht sich als Melodram.

Ein Party-Girl aus reichem Hause verliebt sich in einen politisch engagierten Hip-Hop-Star aus dem Einwanderer-Milieu: Romeo und Julia an der Zürcher Goldküste (so nennt der Volksmund das Viertel der Superreichen). Sie driftet ab, er lässt sie im Stich. Was sich erst wie ein sympathisch altmodischer Klassenliebeskampf ausnimmt, mündet schnell in eine abgeschmackte Drogenstory. Trotz formaler Wagnisse mit Split Screen und experimenteller Kinosprache reproduziert Samirs Bildästhetik eben jene simplen Rollen-Zuschreibungen, die sie zu kritisieren vorgibt. Frauen sind Huren, Männer sind Dealer, Zuhälter oder Traumprinzen, die ihr Geschäft mit den Gefühlen anderer Leute machen. Totale Warenwelt: Genauso sexy und schutzbedürftig zeigt Samir die Frauen in „Snow White“. Früher nannte man es Ausbeutung.

Kinogeschichten über das Fremdsein im eigentlichen Wortsinn haben in Locarno ebenfalls Tradition. Zu diesen Migranten-Filmen zählt Yilmaz Arslans Wettbewerbsbeitrag „Fratricide“ (Brudermord): ein Kurdendrama über Asylbewerber und Kleinkriminelle, Einsamkeit, Familienbande und freundschaftliche Solidarität. Der jugendliche Held in dieser deutschen Koproduktion des türkischstämmigen Regisseurs versucht verzweifelt, den Teufelskreis der Gewalt zu sprengen. Aber auch Arslans differenzierte Zeichnung des Migranten-Milieus fällt bald der archaischen Wucht blutiger kurdischer Rituale zum Opfer. Will der Regisseur etwa sagen, dass Kurden doch immer nur Blutrache und Ehrenmorde üben und der Krieg den Türken und Kurden irgendwie in den Genen steckt?

Am Sonnabend werden in Locarno die Leoparden vergeben. Die Kinohelden dieses Festivals haben schon jetzt eines gemeinsam: Sie sind Zwangscharaktere, allesamt nicht Herr ihrer selbst. Ihrem Schicksal entkommen sie nicht. Und die Freiheit, die sie meinen, bleibt ein frommer Wunsch.

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