Kultur : Hurra, die Bühne brennt!

Kleine Formate, große Wirkung: Russisches Theater bei den Berliner Festwochen

Christoph Funke

Geballte Ensemblekunst und musikalischer Glanz, getragen von einem mächtigen Theater-Apparat, das wird Anfang November beim Gastspiel des Mariinsky-Theaters St. Petersburg in der Deutschen Oper zu erleben sein. Das Schauspiel innerhalb des russischen Festwochen-Schwerpunkts gibt sich bescheidener. Hier dominieren Miniaturen, die auf den konventionellen Theaterraum überlegen verzichten. Nicht ein zahlenmäßig großes Publikum wird eingeladen, sondern eine kleine Schar von Neugierigen, die sich auf das Ungewöhnliche einlassen will, auf Intimität und Fantasie. Eine Ausnahme, im Anspruch an geschichtliche und räumliche Dimension, gab es dabei doch: die Aufführung von Puschkins Versdrama „Boris Godunow“ durch russische Schauspieler unter der Leitung des britischen Regisseurs Declan Donnellan in der Berliner Parochialkirche.

„Boris Godunow“ ist von einer nüchternen, überlegenen Betrachtung geschichtlicher Abläufe geprägt. Ein Herrscher kommt, ein Herrscher geht, der eine ist so beliebig wie der andere. Nur Ungerechtigkeit und Grausamkeit bleiben. Declan Donnellan stützt sich in seiner Inszenierung auf dieses nüchterne Wissen um die Vergeblichkeit aller hochfliegenden Anläufe zu Vernunft und Menschlichkeit. Er verfährt dabei unaufgeregt, fast lässig. Das Spiel findet auf einem raumgreifenden, nach allen Seiten offenen Podest unter dem Kuppelraum der Parochialkirche statt. Das Kommen und Gehen auf dieser durch Stufen erreichbaren Welt zeigt die Genauigkeit und die Beliebigkeit der Vorgänge zugleich. Die Szenen fließen ineinander, Entfernungen werden aufgehoben, fast alle Spieler verkörpern mehrere Figuren, es herrscht ein flirrender Zeitenwechsel – es ist, als wären alle am Machtkampf um den Zarenthron Beteiligten immer da, und zugleich auch immer im Dunkel außerhalb des Podestes. Sie gehören zusammen, auf welcher Seite sie auch stehen, und sie bewegen nichts. Am Ende, als der falsche Dimitri am Ziel ist, steht das Ensemble wie erstarrt da: der steife Schrecken über etwas Neues, das dem Alten gleicht.

Weltgeschichte findet im „lilikanischen“ Theater aus Moskau nicht statt. Aber bisher nicht für möglich Gehaltenes geschieht. Kaum daumengroße Puppen-Winzlinge aus leichtestem Schaumstoff-Material agieren im Miniatur-Modell eines prächtig ausgestatteten Opernhauses – mit Publikum, Orchester, Bühne, Beleuchtung, Vorhang und tausend raffinierten Details. Die Spieler und Besucher, die Musiker und der Dirigent in diesem prachtvollen Haus sind voller Leben - aber so klein, dass man sie gerade noch wahrnehmen kann.

Nur drei erwachsene Zuschauer dürfen sich auf Stühlen vor das Puppenhaus hocken und durch die winzigen Scheiben die Wunder des Bühnengeschehens genießen. Alle anderen müssen sich mit den von Videokameras hergestellten Abbildern im Raum zufrieden geben. Dieses Moskauer Theater der Visionen und Träume, geleitet von Ilya Epelbaum und Maja Krasnopolskaja, lädt Regisseure ein, auf der winzigen Bühne in fünfzehn Minuten Geschichten zu erzählen, Ideen zu verwirklichen, die im gewöhnlichen Theater nie eine Chance hätten. Beim Berliner Gastspiel schickte Anatoli Vassiljew Molières „Menschenfeind“ ins Rennen, einen blutrot gekleideten Jüngling, agil und voller Temperament, ein Wunder an Beweglichkeit, der gegen die ganze Welt antritt, Personen beschimpft, Mobiliar zertrümmert, Häuser einstürzen lässt und die ganze schöne Stadt Paris einfach abfackelt (es brennt wirklich auf der handbreiten Bühne!), ehe er sich mit Pferdchen und einem Karren voller Gepäck aus dem Staub macht. Danach eine weitere Untergangsvision: Der italienische Autor und Maler Tonino Guerra bringt die Sintflut. Das Wasser erfasst die durchsichtigen Prestigebauten der Welt-Metropolen, steigt immer höher, bringt die Statik der grazilen Konstruktionen ins Wanken und Stürzen. Schließlich überflutet der Regen, als Wasserdampf, auch das Miniatur-Opernhaus und seine Umgebung. Ein Wunder an Poesie und Weisheit, erschaffen durch die geradezu unglaubliche Beherrschung einer auf Streichholzgröße verkleinerten Welt.

„Ich bekam einfach Lust, den Größenwahn zu schildern“, schrieb Tschechow 1894 in einem Brief über seine drei Jahre vorher erschienene Erzählung „Der schwarze Mönch“. Dieser „Mönch“, eine Luftspiegelung, ein Fantasiegebilde, steht nicht nur für überreizte Nerven, sondern auch für eine Erweckung, für die Feier des schöpferischen Genies und seine tiefe Gefährdung. Kama Ginkas, 1941 in Kaunas geboren und heute ein herausragender Regisseur des russischen Theaters, bringt die Novelle eigentümlich, zunächst fast befremdend auf die im Rang des Festspielhauses aufgebaute kleine Bühne. Die Darsteller, so scheint es, memorieren einfach den Text der Erzählung, verweigern sich dem Spiel, flechten nur wie zufällig einen Dialog in den Bericht ein. Er schafft so mehrere Ebenen, nimmt die Position des Lesers ein, der in seiner Fantasie die geschriebene Geschichte neu und anders hervorbringt. In der zweiten in Berlin gezeigten Arbeit von Kama Ginkas spielt die Solistin Oksana Mysina mit Fragmenten aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“ – zwischen Heiterkeit und Tragik. „KI From Crime“, seit Jahren in Moskau und auf Festivals erfolgreich, bewegt sich am Rand des großen Romans. Die Energie der Schauspielerin ist erschütternd, enervierend – ein großartiges Kleinod.

Weitere russische Festwochen-Gastspiele: „Die Vorstellung“ (Theater der obdachlosen Jugend) vom 1. bis 4. Oktober und „Plastilin“ von Wassili Sigarjew unter der Regie von Kirill Serebjannikow am 4. und 5. Oktober im Haus der Berliner Festspiele.

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