Kultur : Hurra, die Schule rappt

Im Kino: „Das fliegende Klassenzimmer“ landet im Techno-Zeitalter

Christian Schröder

Voll cool: Kästner ist jetzt HipHop. „Zeig dich und lass’ dich nicht verbiegen / Bleib Optimist und lass’ dich nicht unterkriegen.“ So rappen die Kinder am Ende, die Bässe tschackern, und die Lichtblitze zucken. Und das im Internat des weltberühmten Thomanerchors zu Leipzig! Breakdance statt Bach, eine Kulturrevolution! Der Beat ist von heute, aber in dem Sprechgesang steckt noch die gute alte Kästner-Moral: „Gemeinsam gehen wir nach vorn / Und jeder, der was dagegen hat / Kriegt was auf die Ohr’n. / Wer ist schon gerne allein?! / Viel besser ist Zusammensein!“ Dann heben die Kinder ab, mitsamt Bühne und Aula und Schule und segeln durchs Weltall, dorthin, wo alle Wünsche erfüllt werden und die toten Dichter schlafen.

„Das fliegende Klassenzimmer“ in der Regie von Tomy Wigand („Fußball ist unser Leben“) ist die dritte Verfilmung von Erich Kästners Roman aus dem Jahr 1933. Für den ersten Film hatte Kästner 1954 noch selber das Drehbuch geschrieben, in der zweiten Adaption spielte Blacky Fuchsberger 1973 den Lehrer Dr. Bökh. Jede Generation braucht ihre eigene Klassiker-Version. Das Produzententeam, das jetzt „Das fliegende Klassenzimmer“ in die Kinos bringt, hatte schon vor drei Jahren mit „Pünktchen & Anton“ (1,8 Millionen Zuschauer) und vorletztes Jahr mit „Emil und die Detektive“ (1,6 Millionen) Erfolg. Der deutsche Film kriselt, doch Kästner geht immer. Bislang jedenfalls.

„Das fliegende Klassenzimmer“ ist ein Spiel im Spiel. Eine Gruppe von Internatsschülern inszeniert ein Theaterstück, das vom „Schulbetrieb handelt, wie er in Zukunft vielleicht wirklich stattfinden wird“ (Kästner), mit fliegenden Klassenfahrten zu den Pyramiden von Gizeh und an den Vesuv. Derlei Science Fiction könnte angegilbt wirken, der Film rettet sich mit einem Kniff. Die Schüler entdecken das Manuskript des Stücks in dem ausrangierten Eisenbahnwaggon, den sie für ihre heimliche Treffen nutzen (schon bei Kästner vorgesehen), und befinden: „Das rappt!“

In einer Schlüsselszene beschimpft der Hauptheld Jonathan (Hauke Diekamp) den eigentlich sehr liebenswerten und darum auch von allen Schülern geliebten Lehrer Dr. Bökh (Ulrich Noethen): „Sie sind nichts weiter als ein Einschleimer, und ihre Versprechungen sind bloß beschissene Lügen!“ Einschleimertum ließe sich auch dem Film vorwerfen, der den aktuellen Jugendjargon benutzt, um eine nicht ganz so aktuelle Wertewelt zu beschwören. Der heutige Internatsalltag scheint sich kaum von dem vor 70 Jahren zu unterscheiden, vielleicht ist das ja wirklich so. Der Lehrer bittet vor der Klasse altsprachlich mit „Silentium!“ um Ruhe, Unterklässler fürchten nichts mehr, als von Älteren „Zwerg“ genannt zu werden, und noch immer ist es ein beliebter Ulk, den Klassen-Kleinsten im Papierkorb neben der Kreidetafel aufzuhängen.

Alle sind sie wieder da, die famosen oder kauzigen Figuren der Vorlage, Matze Selbmann, der Boxer werden möchte (Frederick Lau), der schöne Theo (Nicolas Kantor) und Rektor Kreuzkamm, der vom TV-Komiker Piet Klocke gespielt wird und deshalb besonders nussknackermäßig durch die Flure stelzt. Der „Nichtraucher“ (Sebastian Koch), Bahnabteil-Bewohner und Kinderfreund, trägt eine Bohème-Lederjacke und hat eine Republikflucht-Vergangenheit. Und der Thomanerchor singt „Jauchzet, frohlocket!“

„Das fliegende Klassenzimmer“ war Kästners pädagogisch ambitioniertestes Buch, im Vorwort schrieb er: „Wie kann ein erwachsener Mensch seine Jugend so vollkommen vergessen, dass er eines Tages überhaupt nicht mehr weiß, wie traurig und unglücklich Kinder zuweilen sein können?“ Der Film macht sich Kästners Onkelhaftigkeit zu eigen, indem er Merksatz an Merksatz reiht. „Vertrauen setzt Einander-Verstehen voraus.“ – „Vielleicht ist ein gebrochenes Bein besser als ein lebenslanges Minderwertigkeitsgefühl“ – „Freunde darf man nicht im Stich lassen, auch nicht im Internat.“

Jajaja, Kästner hat mit allem total Recht. Aber zu viel Moral verträgt ein 110-Minuten-Film einfach nicht. Familienunterhaltung ist umso anstrengender, je mehr man dabei lernen soll.

In Berlin ab Donnerstag in 23 Kinos

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