Kultur : Hut ab, Folklore!

KLASSIK I

Jörg Königsdorf

Es gab durchaus Gründe, einem Dvorak-Dirigat von Simon Rattle skeptisch entgegenzusehen: Wie würde der große Kommunikator mit dieser emotional direkten Musik klarkommen, die schnell Gefahr läuft, in schmetternde Postkarten-Folklore abzukippen? Doch Rattle und seine überragend disponierten Philharmoniker scheinen sich genau dieser Gefahr bewusst zu sein und vermeiden alle musikantischen pseudo-tschechischen Verniedlichungen. Sein Dvorak, das wird schon in der „Waldtaube“ klar, siedelt ganz nah bei Janacek und Mahler: In dem unnachgiebig insistierenden Taubenruf verschmelzen wie später bei Janacek (der das Werk 1896 uraufführte) innere und äußere Stimme, Natur und Psyche. Die blutrünstige Märchenwelt dieser Orchesterballaden wird zum Zerrspiegel der Gegenwart, die gleißende Brutalität, mit der sich das „Goldene Spinnrad“ durch die Philharmonie wälzt, lässt sich durchaus als Vision einer menschenfressenden Moderne begreifen.

Dass Dvorak hier ernst genommen wird, zeigt freilich schon das programmatische Umfeld. György Kurtags 1988 entstandenes Kurz-Klavierkonzert „Quasi una fantasia“ ist ein melancholischer Nachklang dieses Entfremdungsprozesses: Ein geborstener Seelenspiegel, schillernde Bruchstücke, Fragmente. Und mittendrin Bartoks zweites Klavierkonzert (mit Pierre-Laurent Aimard ) als faszinierendes Psycho-Protokoll einer Krisenbewältigung: Vom sinnlos-virtuosen Anrennen gegen den orchestralen Fanfarenpanzer über das Zurücksinken in panische Albträume im Mittelsatz bis hin zum kernigen Finalcomeback, das perkussive Energie gewinnt und sich am Ende sogar ein kleines entspanntes Verglitzern gestattet. Zum Trost – für alle .

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