„Hymne an die Liebe“ im Gorki Theater : Hardchor Polen

In „Hymne an die Liebe“ im Gorki Theater singt ein Chor aus Menschen jeglicher Herkunft für eine Gemeinschaft ohne Ausgrenzung. Präzise und Nuancenreich. Hohe Kunst.

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Wir sind nur Menschen. Ein Kollektiv irrt sich gewaltig.
Wir sind nur Menschen. Ein Kollektiv irrt sich gewaltig.Foto: Magda Hueckel/HUECKEL-STUDIO

„Wir Polen sind nur Menschen!“, skandiert der Chor. Eine Bekundung, an der es erst mal wenig auszusetzen gibt. Das Unbehagen wächst allerdings, als die Stimmen auf der Bühne sich ins Crescendo steigern und zu überlappen beginnen, bis sie mehr nach Bluthundgebell klingen als nach freundlichen Nachbarinnen und Nachbarn. Eine Wegbeißer-Gemeinschaft zeigt hier die Fratze, die aus ihrer vorgeschobenen Gewöhnlichkeit den Stacheldraht flicht, um sich nach innen wie nach außen abzuschotten. Gegen Geflüchtete. Gegen alle, die zu fremd scheinen, um polnisch zu sein. Behauptet wird ein grenzenloses Wir-Gefühl („Wir sind Europas allerbeste Freunde!“), tatsächlich aber klingt die unmaskierte Version weniger weltoffen: „Allen überflüssigen Völkern sagen wir: bye!“

„Hymne an die Liebe“ heißt diese Arbeit der polnischen Regisseurin Marta Górnicka. Im Januar hatte sie in Poznan Premiere, jetzt ist sie am koproduzierenden Gorki-Theater zu sehen. Górnicka kapert mit ihrem Chor die nationalistischen und religiösen Diskurse, die in ihrer Heimat wie in vielen Ländern Europas und der Welt Aufwind erfahren. Sie komponiert eine düstere Volksmusik nur für Stimmen, die sich aus Versionen der Nationalhymne, patriotischen Liedern und Märschen bedient und entsprechend martialische Klänge ins Libretto mixt: „Heute ist der Tag des Blutes und des Ruhmes.“ So was hat jetzt wieder Konjunktur.

Präzise Bewegung und Nuancenreichtum

Der Chor besteht aus Theater-Profis und Laien verschiedener Hautfarben und Herkünfte, aus Alten und Jungen, aus Menschen mit Downsyndrom. So divers wie die Gesellschaft selbst eben. Zum einen schafft die Regisseurin damit das lebendige Gegenbild zur behaupteten völkischen Reinheit der Rechten. Zum anderen führt sie die fatale Leichtigkeit vor, mit der sich eine beliebige Gemeinschaft hinter den Jägerzaun des diffusen Heimatbegriffs pferchen lässt, den es vermeintlich zu verteidigen gilt. Eine starke, eine beklemmende Inszenierung.

Seit 2009 hat sich Górnicka der Arbeit mit Kollektiven verschrieben, begonnen mit einem „Chor der Frauen“. Sie hat in Israel ein jüdisch-muslimisches Ensemble versammelt und in Kosice einen „Chor der Roma“ gegründet. Das Staunenswerte ist, wie es der Theatermacherin gelingt, ihre vielköpfigen Klangkörper eben nicht als Instrumente der Überwältigung einzusetzen, die donnernd von der Bühne herab deklamieren. Sondern wie viel präzise Bewegung, welchen Nuancenreichtum und welche Fokusmomente sie schafft. Höchste Kunst. Und es beeindruckt nicht minder, wie Górnicka bei alldem die neuralgischen Punkte der Gesellschaft triggert, wie sie Machtstrukturen und Repressionsmechanismen durchleuchtet, ohne je plakativ aufzutrumpfen. Im Gegenteil. Hier spricht der Schmerz.

Die Premiere ist eingebettet in die Reihe „Berlin–Poznan–Warszawa“

„Die Wahrheit ist, dass dieses Volk es geschehen ließ“, heißt es in „Hymne an die Liebe“ einmal. „Dass es manche seiner Kinder, die auserwählten Kinder, sterben ließ, obwohl diese nie seine Kinder waren.“ Die kritische Haltung zur eigenen Rolle im Holocaust, erläutert Górnickas Dramaturgin Agata Adamiecka im Publikumsgespräch, verschwinde zusehends. Stattdessen gebe es wieder Raum für die schlimmsten antisemitischen Klischees. Die traurige Wahrheit, dass auch in Polen Menschen der Vernichtung der Juden nicht nur tatenlos, sondern wohlwollend zusahen, ist gegenwärtig nicht gefragt. In Deutschland sollte man sich freilich hüten, mit dem Finger auf die Nachbarn zu zeigen und ihnen musterschülerhafte Nachhilfe in Geschichtsaufarbeitung erteilen zu wollen. Genauso sollte man allerdings mit wachem Blick die Geschehnisse in Polen verfolgen.

Am Gorki war die Premiere der „Hymne an die Liebe“ eingebettet in die Reihe „Berlin–Poznan–Warszawa“, in der auch die Inszenierung „Der Fluch“ von Oliver Frljic als Gastspiel gezeigt wurde. Die hat in Polen einen veritablen Kulturkampf entfacht, weil sie – wie beim kroatischen Regisseur nicht unüblich – drastische Szenen enthält. In diesem Fall forciert kirchenkritische, was im Oralsex mit einer Puppe von Papst Johannes Paul II. gipfelt und das katholisch-konservative Milieu bis zur Weißglut aufgewiegelt hat. Es kam zu gewalttätigen Demonstrationen in Warschau, Regisseur und Ensemblemitglieder erhielten Morddrohungen. Der eigentliche Skandal ist aber ein anderer. Kulturminister Piotr Glinski hat in der Folge dem renommierten Malta-Festival in Poznan, wo Frljic in diesem Jahr als Gastkurator eingeladen ist, Subventionen in Höhe von 70 000 Euro unter fadenscheinigen Begründungen entzogen. Nur dank einer Crowdfunding-Kampagne konnte das Festival überhaupt am 16. Juni eröffnen. Frljic spricht zornig von „Erpressung“. Malta-Direktor Michal Merczynski beschwört im offenen Brief an Glinski die Offenheit für einen echten Dialog und das demokratische Fundament Polens. Sichtbar werden bei alldem enorme Gräben.

Gemeinschaft der Widerständigen

Auch aus Górnickas „Hymne an die Liebe“ klingt die Spaltung. Sie zielt aber im Herzen auf deren Überwindung. Das Chorstück endet mit der Matthäuspassion von Bach, „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“. Dem eingeschrieben ist der Glaube, dass es auch eine Gemeinschaft ohne Ausgrenzungsfuror gibt. Eine Gemeinschaft der Widerständigen.

Wieder am 24./25. Juni, 19.30 Uhr

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