Kultur : Hymnisches Leben

THEATER

Christoph Funke

Resignation ist die Art des russischen Dramatikers Vladimir Sorokin nicht. Wenn alles, was Gültigkeit besaß, von der Geschichte weggespült worden ist, bleiben noch immer Hohn, Spott, Ironie – und Liebe. In seinen Stücken agieren Menschen, die dem „Russischen“ ein neues Gepräge zu geben versuchen – durch radikale Selbstverwirklichung bis hin zu krimineller Energie, durch Widerstand gegen die Macht des Überkommenen, nicht zuletzt auch durch Flucht aus dem Land. Im Studio des Maxim Gorki Theaters werden jetzt, in deutsch-russischem Zusammenwirken, Stücke Sorokins vorgestellt. „Krautsuppe tiefgefroren“, eine Inszenierung des gastgebenden Theaters, machte im Juni 2003 den Anfang.

„Hochzeitsreise“ , gespielt von der russischen Theatergruppe „Praktika“ aus Moskau, überraschte nun durch ein ungebrochenes Bekenntnis zum Leben und zur Liebe. „Dostojewski Trip“, interpretiert vom Theater „Rote Fackel“ aus Nowosibirsk, wird am 9. und 10. Februar das Sorokin-Festival abschließen – mit einer Geschichte über Drogen, Ängste, Wünsche und alptraumhafte Visionen. „Hochzeitsreise“ ist als monologische Erzählung gebaut, in die Dialog-Szenen einer fragwürdig bleibenden Wirklichkeit hineingeschoben sind. Mascha Rubinstein, Jüdin und Enkeltochter einer stalinistischen Richterin, lernt im Ausland den Sohn eines SS-Sturmbannführers kennen – und es wächst trotz aller Belastungen durch die Eltern-Generationen eine große Liebe, es wird eine Hochzeit geben, ein gemeinsames Leben, vielleicht. Was anmutet wie ein herzerwärmendes Märchen und eine grelle Reportage zugleich, offenbart sich als ein geradezu hymnisches Bekenntnis zum Leben. Sorokin spielt mit der Möglichkeit dauerhafter Harmonie und verlässlicher Gemeinschaft, verwirft diese kühne Vorstellung wieder und wieder, und kann sich doch vom Traum nicht trennen, dass das Vergangene überwindbar sein könnte.

Die Gruppe Praktika stellt sich der komplexen Geschichte mit Bescheidenheit. Zwei Stühle, ein fast ebenerdiges, großes, rundes Kissen im Mittelpunkt der kleinen Bühne, Jalousien und Projektionen im Hintergrund genügen. Der Abend gehört Oksana Fandera. Sie jagt die Mascha durch einen Sturm der Empfindungen, zeigt die junge Frau in ihrem radikalen Anspruch an erfülltes Leben, offenbart ein unbedenklich schamloses Glücksverlangen mit hinreißend sinnlicher Aggressivität. Ganz ruhig, in sich gekehrt, anfangs versteinert und verstört gibt Andrej Smoljakow den Sohn des SS-Mannes, findet dann zu einer Gelöstheit, der noch immer nicht geschwundene Ängste anhängen. Die Inszenierung von Eduard Bojakow und Ilse Rudsite überzeugt durch ihr ehrliches Bekenntnis zu großen Emotionen – und durch ihre behutsame Klugheit im Umgang mit den gesellschaftlichen Hintergründen dieser sehr merkwürdigen Liebesgeschichte.

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