Kultur : „Hysterische Töne“

Der Historiker Thum über die Vertreibungsdebatte in Polen

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Herr Thum, Wroclaw oder Breslau – welche Bezeichnung für die Stadt in Polen ist für Deutsche politisch korrekt?

Der Streit darum ist überholt. Deutsche können ruhig Breslau sagen. Da haben selbst die polnischen Breslauer kein Problem mit.

Viele deutsche Politiker legen großen Wert darauf, von Wroclaw zu sprechen …

Es ist unnötig und wird in Polen gar nicht erwartet. In kommunistischer Zeit war die Verwendung des polnischen Stadtnamens ein Muss. Doch das ist vorbei. Heute sieht man darin, dass die Stadt auch einen deutschen Namen hat, den Ausdruck einer kulturellen Nähe, einer besonderen Beziehung der Deutschen zu dieser Stadt. Das hat nichts damit zu tun, einen Anspruch zu erheben.

Breslau hat also kein Problem damit, als möglicher Standort für das geplante Zentrum gegen Vertreibungen genannt zu werden?

Es gibt viele Stimmen, die das gut und interessant finden, auch wenn der Vorschlag ja nicht von den Breslauern selbst kam. Aber die Frage des Standortes eines solchen Zentrums ist nicht das Entscheidende. Es ist das Konzept, das die Gemüter in Polen erregt.

Was stört die Polen am Konzept?

Es macht viele misstrauisch, dass der Bund der Vertriebenen die Federführung für das Projekt beansprucht. Diese Organisation ist eine politische Interessenvertretung. Und deren Präsidentin, Erika Steinbach, ist in Polen nicht sehr beliebt. Man erinnert sich sehr gut daran, dass Frau Steinbach als eine der wenigen im Bundestag gegen den deutsch-polnischen Grenzvertrag gestimmt hat.

Es gibt keine grundsätzlichen Bedenken in Polen gegen ein solches Zentrum?

Ein Ort, an dem man sich mit Vertreibung beschäftigt – damit hat man kein Problem. Sicherlich, im Moment bestimmen die hysterischen, die nationalistischen Stimmen in Polen die Diskussion. Auch für viele polnische Intellektuelle ist das unerträglich. Aber wer die dortige Debatte über Vertreibung in den vergangenen zehn Jahren Revue passieren lässt, wird sehen, dass sie generell ein höheres Niveau hatte als die in Deutschland.

Weil Polen offener mit dem Thema umgeht?

Ja. Für Polen ist es überhaupt keine Frage, dass man die Gewalt bei der Vertreibung der Deutschen bedauert. Es gibt aber einen Knackpunkt: Man ist überwiegend der Auffassung, die Aussiedlung der Deutschen war eine Notwendigkeit. Sie habe sich aus der Westverschiebung Polens ergeben. Einige sehen aber auch in der Vertreibung an sich, also nicht nur in den negativen Begleitumständen, ein Unrecht.

Belastet die heftige Diskussion über das Zentrum gegen Vertreibungen die deutsch-polnischen Beziehungen?

Sehr sogar. Diejenigen, die sich seit Jahren für einen Ausgleich mit Deutschland einsetzen, sind derzeit in der Defensive. Nationalisten geben jetzt den Ton an. Und das sind oft die alten Kommunisten. Die fühlen sich jetzt bestätigt: Seht her, wir haben auf Versöhnung gemacht, und die Deutschen verfolgen doch nur egoistische Ziele.

Woran liegt das?

Wiederum am Konzept für das Zentrum. Es vermittelt den Eindruck, als würde die Vertreibung der Deutschen aus dem historischen Kontext gerissen, insbesondere das ausgeblendet, was unter deutscher Besatzung in Polen abgesehen vom Holocaust geschehen ist. Zudem soll es vorwiegend um das Schicksal der Deutschen gehen. Man will zwar mit anderen Vertreibungen des 20. Jahrhunderts vergleichen. Aber diese Vergleiche helfen nicht, irgendetwas zu erklären.

Brauchen wir überhaupt ein Zentrum gegen Vertreibungen?

Es kommt darauf an, was für eins. Eine internationale Forschungseinrichtung, ein Dokumentationszentrum würde ich begrüßen. Das könnte auch in Berlin seinen Sitz haben. Aber die Frage ist, ob wir ein Mahnmal brauchen. Ein solches würde voraussetzen, dass es ein eindeutiges Geschichtsbild gibt. Aber das haben wir noch gar nicht. Viel wichtiger ist es, darüber aufzuklären, warum es zur Vertreibung der Deutschen gekommen ist. Dafür gibt es in der Bevölkerung ein großes Interesse, gerade bei den Jüngeren.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

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