Kultur : Ian Kershaw und Hans Mommsen über die Rolle Adolf Hitlers im Dritten Reich

Wolfram Pyta

Das Standardwerk des englischen Historikers zu Führerkult und Volksmeinung liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vorWolfram Pyta

Mit Ian Kershaw und Hans Mommsen haben zwei der profiliertesten Forscher zur NS-Geschichte zwei Publikationen vorgelegt. Kershaws Buch ist die längst fällige deutsche Übersetzung eines zum Standardwerk gereiften Originals. Das andere Werk sammelt Mommsens zahllose Aufsätze aus mehr als zwei Jahrzehnten. Was beide sonst unterschiedlichen Werke eint, ist, dass sie um die Rolle Adolf Hitlers im NS-Herrschaftssystem kreisen und dabei vor allem die Beziehung zwischen Hitler und der deutschen Gesellschaft thematisieren.

Ian Kershaws jüngst vorgelegte große Hitler-Biografie hat es verstanden, sowohl die Person Hitlers als auch die Zeitumstände, in denen er sich bewegte, einzufangen und zu verschränken. Wenn man seine beeindruckende Arbeit über den Hitler-Mythos liest, deren englische Originalausgabe bereits 1987 erschien, kommt man seinem Erfolgsrezept auf die Spur: stets den Dialog aufzuzeigen, den Hitler auf seine Weise mit der deutschen Gesellschaft führte.

Natürlich war die propagandistische Stilisierung Hitlers im Dritten Reich teilweise eine groteske Verzerrung der Tatsachen, aber sie war eben nicht nur von Propagandisten wie Goebbels künstlich aufgepflanzt, sondern befriedigte bestimmte, in Kreisen der deutschen Gesellschaft durchaus verbreitete Grundeinstellungen. Dass Hitler 1938 nach dem "Anschluss" Österreichs und vor allem 1940 nach dem Sieg über Frankreich bei der deutschen Bevölkerung in großem Maße Popularität gewann, ist nicht zuletzt auf die ungebrochene Resonanz dieses Mythos zurückzuführen.

Welchen in der breiten Masse tief verwurzelten Erwartungen entsprach dieses Hitler-Image? Als Sinnbild der Volkseinheit sprach Hitler das weit verbreitete Bedürfnis an, Interessengegensätze zu überwinden; als Streiter für bürgerliches Moralempfinden, der durch die Zerschlagung der sogenannten Röhm-Revolte im Juni 1934 dem Treiben einer übel beleumdeten SA-Clique ein Ende bereitet habe, gewann Hitler Ansehen. Schließlich verstand es der Führer durch seine außenpolitischen Erfolge, die allmähliche Außerkraftsetzung des als schändlich empfundenen Versailler Friedensvertrags von 1919 an seine Person zu binden. Heraus kam so ein Hitler-Bild, dem das Murren über die Versorgungslage oder der Unmut über das arrogante Gebaren von NS-Unterführern nichts anhaben konnte: Solche Alltagsklagen prallten am Hitler-Mythos wirkungslos ab.

Wie aber passte nun Hitlers obsessiver Antisemitismus in das Bild, das sich die Deutschen von ihm machten? Das Gros der deutschen Gesellschaft war von Hitlers Rassenhass weit entfernt, aber es nahm nicht zuletzt wegen des Vertrauenskapitals, das der "Führer" genoss, die eliminatorischen Maßnahmen gegen die Juden weithin passiv hin. Es war der Hitler-Mythos, der dem NS-Regime nach Innen hin einen Freiraum verschaffte, in dem selbst der Massenmord an den Juden innenpolitisch risikolos war, resümiert Kershaw.

Der Staat zerfällt

Hans Mommsen hat sich vor allem mit der Eigenart des NS-Herrschaftssystems beschäftigt. Er sieht im Dritten Reich eine "Zersetzung des Staatswesens", die in dem spezifischen Politikstil der Nationalsozialisten begründet sei. Sei seien nicht fähig und willens gewesen, den Staatsapparat mittels bürokratischer Rationalität zu lenken; stattdessen hätten die Nazis ein ausuferndes Wachstum von Ämtern und Dienststellen provoziert, deren Koordination und Kommunikation überhaupt nicht aufeinander abgestimmt gewesen sei. Das Resultat sei ein chaotisches Durcheinander gewesen, gewissermaßen ein permanenter Ausnahmezustand, in dem auch Hitler die Leitung seines Imperiums mehr oder weniger entglitten sei.

Damit widerspricht Mommsen der These, das Dritte Reich sei ein totalitärer Staat gewesen, der keine politikfreien Räume geduldet und sich der Gesellschaft gänzlich bemächtigt habe. Mommsen zieht die totale Durchdringungskraft des NS-Systems ebenso in Zweifel wie die ausschlaggebende Rolle Hitlers. Auch der Holocaust wird bei ihm mehr auf die amorphe Struktur des NS-Regimes zurückgeführt als auf eine Grundentscheidung des Diktators.

Die destruktive Energie des NS-Staates

Die Vernichtung der europäischen Juden erscheint in dieser Perspektive als Anhäufung der rein destruktiven Energien des NS-Systems: Nachdem es die staatlichen und gesellschaftlichen Fundamente zersetzt und die Vorboten der militärischen Niederlage verspürt habe, habe es in einer Art "Amoklauf" seine zerstörerische Kapazität auf die Spitze getrieben und den millionenfachen Mord an den europäischen Juden in Gang gesetzt. In dieser entpersonalisierten Sicht des Holocaust bleibt für Hitler wenig mehr als die Rolle eines "extreme(n) Exponent(en) einer durch den Wegfall aller institutionellen, rechtlichen und moralischen Barrieren freigesetzten antihumanitären Impulskette" übrig.

Mommsens anregende Thesen haben in der Forschung nachhaltigen Widerhall gefunden, sind aber auch nicht ohne massiven Widerspruch geblieben. Wenn der Eindruck nicht trügt, bewegt sich die jüngere Generation von Holocaust-Forschern jedoch weitgehend abseits dieses funktionalistischen Interpretationsrahmens und rückt dabei auch wieder die Frage nach dem Einfluss Hitlers am Zustandekommen des Holocaust in den Mittelpunkt.Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1999. 396 Seiten. 42 DM.

Hans Mommsen: Von Weimar nach Auschwitz. Zur Geschichte Deutschlands in der Weltkriegsepoche. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1999. 439 Seiten. 58 DM.

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