Kultur : Ian McEwan schickt zwei Neurotiker in den Clinch

Andreas Krieger

Molly ist tot. An einem Wintertag kommen ihre Liebhaber zusammen, um die in geistiger Umnachtung verstorbene Nymphomanin einzuäschern. Unter ihnen auch Clive Linley und Vernon Halliday, die ganz andere Sorgen als Trauer um ihre frühere Bettgenossin plagen. Clive, Englands erfolgreichster Komponist, brütet über seiner Milleniums-Sinfonie; Vernon, Chefredakteur des "Judge", muß die Talfahrt seiner Zeitung bremsen, mit einer Skandalstory. Von Mollys Tod geschockt, schließen die Neurotiker einen Pakt: Sollte einer von ihnen unheilbar erkranken oder den Verstand verlieren, wird der andere das Leiden verkürzen. Ian McEwan kehrt mit "Amsterdam" - nachdem er Abstecher nach Venedig ("Der Trost von Fremden") und Berlin ("Unschuldige") gemacht hat - in seine Lieblingsstadt London zurück. Erst der Showdown führt nach Amsterdam. Bis dahin gilt es, eine ätzend ironische Moralgeschichte zu überstehen.

Nach der Einäscherung bekommt Vernon Fotos angeboten, die Molly von ihrem prominentesten Liebhaber, dem Außenminister und Hobby-Transvestiten gemacht hat. Vernon sieht es als seine Pflicht an, die Schnappschüsse im "Judge" zu drucken, um Großbritannien von einem reaktionären Politiker zu befreien. Freund Clive reagiert entsetzt. Wenig später verliert auch er seine Integrität, als er Zeuge einer Vergewaltigung wird, aber nicht eingreift, weil ihm just das Abschluss-Motiv der Sinfonie einfällt. Vernon und Clive geraten in erbitterten Streit. "Es gibt gewisse Dinge, die wichtiger sind als Sinfonien, genannt Menschen." - "Und sind diese Menschen so wichtig wie deine Auflagenziffern, Vernon?" Jeder ist überzeugt, der andere habe den Verstand verloren.

Auch wenn ihn seine Mordlust noch nicht verlassen hat, ist McEwan, der "Meister des Bösen", sanfter geworden. In seinen ersten Büchern ging es noch um Inzest, Kastration, Zerstückelung. Er sei ein Psychopath, schimpften Kritiker, der "Observer" witzelte: "Looks like a teacher. Writes like a demon." Doch den Horror fand "Ian Makaber" - so der Spitzname des heute 51jährigen - seit jeher in der vertrauten Umgebung der Menschen. Dass McEwan nun eine moralische Geschichte geschrieben hat, erstaunt nicht. Schon sein letzter Roman "Liebeswahn" beschäftigte sich mit einem ethischen Problem: Ein halbes Dutzend Männer versucht, einen losgelösten Ballon, in dem ein Kind sitzt, auf den Boden zu zerren. Nur einer hält fest, der fliegt mit dem Ballon in den Tod. Ein Held, ein Dummkopf? Wie handelt der Mensch richtig? Darf der Kopf des verhassten Außenministers rollen, damit ein Chefredakteur seinen eigenen aus der Schlinge ziehen kann? Ist die Vollendung eines Jahrhundertkunstwerkes wichtiger als ein Menschenleben?

McEwan bleibt auch in "Amsterdam" seinem detailfreudigen Staccato-Stil treu, der von einer galligen Komik angestachelt wird. Nur manchmal wirken die satirischen Einwürfe wie eine Spaßbremse. Komponisten, lernen wir da, sind Hysteriker, die sich auf einsamen Wanderungen geniale Melodien aus dem Hirn quetschen. Journalisten sind Schweinehunde, die für Auflage, Ruhm und Geld über Leichen gehen. Verdienen solche Klischees wirklich gleich den Booker Prize, den mit umgerchnet rund 58 000 Mark dotierten, angesehensten Literaturpreis Großbritanniens? Der Jury-Vorsitzende und frühere Außenminister Douglas Hurd lobte das Buch im letzten Jahr als "süffisante, aber weise Prüfung der Moral und Kultur unserer Tage", doch die Kritik war sich darin einig, dass "Amsterdam" nicht zu McEwans stärksten Werken gehört. Die Auszeichnung sei lediglich eine Entschädigung dafür, dass der zuvor schon zweimal nominierte McEwan mit dem stärkeren Roman "Liebeswahn" nicht einmal auf die Auswahlliste genommen worden war.

Doch "Amsterdam" hat zweifellos auch gute Seiten. So bringen die ausführlichen Beschreibungen, wie Clive, der "Gorecki der denkenden Bevölkerung", seine Sinfonie komponiert, den Plot zwar nicht ins Rollen, sind aber von einer solch feinen Ironie, dass sie auch als Liebeserklärung an die Tonsetzer-Kunst durchgehen können. Gerade diese "komponierten" Szenen zeigen, dass sich McEwan seinem Künstler viel näher fühlt als dem Journalisten.

Clive will mit seiner Sinfonie große Kunst für die Masse schaffen und scheitert. Was als Meisterwerk geplant war, ist am Schluß kaum mehr als Geplätscher, handwerklich perfekt, aber zu routiniert, um wirklich gut zu sein. Ian McEwan ist es mit "Amsterdam" genauso ergangen.Ian McEwan: Amsterdam. Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Diogenes Verlag, Zürich 1999. 224 S. , 36,90 DM.

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