Ibrahim Maalouf im Konzerthaus : Meister der Mikrotöne

Zwischen Bach, Beatboxing und Beirut: Der Jazztrompeter Ibrahim Maalouf im Konzerthaus.

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Libanesische Wurzeln. Ibrahim Maalouf
Libanesische Wurzeln. Ibrahim MaaloufFoto: Bertrand Guay/AFP

Unter den herzzerreißenden Wundern der arabischen Musik ist die ägyptische Sängerin Umm Kulthum sicher das bekannteste – auch weil sie früh die Grenzen zwischen dem Religiösen und dem Säkularen überschritt. Schon Fairuz, die Tochter syrisch-maronitischer Christen, mit 81 Jahren als Khaltums libanesisches Pendant eine lebende Legende, dürfte ungeachtet ihrer Strahlkraft ein Fall für Kenner sein. So braucht es wohl Botschafter wie den 1980 in Beirut geborenen und mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach Paris geflohenen Jazztrompeter Ibrahim Maalouf, um Kulthum im Westen ein zeitgenössisches Echo zu verleihen und Fairuz die Bühne zu bereiten.

„Khaltoum“ (Impulse! Records) heißt, in französischer Schreibweise, die viersätzige Suite samt Einleitung und zwei Ouvertüren, mit der er und seine Band der Ägypterin im ausverkauften Konzerthaus eine umjubelte Hommage abstatteten – nicht ohne ihr unter den Händen des Oud-Spielers und Sängers Samir Hamsi zuvor eine unbearbeitete Version von „Alf Leila Wa Leila“ (Tausendundeine Nacht) zu widmen und am Ende Fairuz ebenso ungeschminkt zu ehren.

Was Maalouf und seine erstklassigen Mitstreiter, der Drummer Clarence Penn, der Kontrabassist Scott Colley, der Pianist Franck Woeste und der Tenorsaxofonist Mark Turner dabei an Feuer entfachen, gehört zweifellos ins Reich eines kraftvoll zeitgenössisch hybriden Jazz, der sich mit einprägsamen Melodien, funkelnden Melismen und hochvirtuosen Soli über mächtigen Vamps erhebt. Aber ist es noch eine ernstzunehmende Form arabischer Musik, die sich ja bekanntlich auf ein ganz anderes, in wohltemperierten westlichen Ohren unrein klingendes Tonsystem bezieht? Es gibt kaum jemand, der sich darum weniger scheren würde als Maalouf – aber auch kaum jemanden, der sich das durch seine Musikalität und technische Meisterschaft lässiger erlauben kann.

Wie er bei einem unbegleiteten Solo in Sekundenschnelle vom Majestätischen einer Bach nachempfundenen Improvisation ins Mikrotonale arabischer Verschlingungen übergeht, wie er zwischen Beatboxing und der Melancholie von Miles Davis wechseln kann: das zeugt von einer zum Polyglotten tendierenden Mehrsprachigkeit, die dennoch stets einen eigenen Ton behält.

Das heißt nicht, dass Weltmusik nicht auch Verbrechen und Verrat sein könnte. Dagegen ist Maalouf indes auch ein Stück weit gefeit, weil er auf einer von seinem Vater Nassim, einem Schüler von Maurice André, konzipierten Vierteltontrompete spielt, die ihm mit Hilfe eines vierten Ventils überhaupt erst ermöglicht, mikrotonale Motive präzise zu intonieren. Zu alledem ist er ein hinreißender Showman, der schnell ein Gefühl dafür entwickelt, dass ihm das stark französisch geprägte Publikum auf seinen ironischen Wegen folgt.

Die Liebesgeschichte des Jazz zur arabischen Musik ist nicht ganz so alt wie diejenige zur afrikanischen und indischen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich durch Migrations- und Reisebewegungen eine eigene Szene gebildet, in der vor allem Oud-Spieler wie Anouar Brahem, Dhafer Youssef oder Rabih Abou-Khalil auf je eigene Weise an europäisch-amerikanische Traditionen gesucht haben. Die Affinitäten beruhen jedoch auf verwandten Gründen: dem Improvisieren auf der Grundlage modaler Strukturen und einer Herangehensweise, die sich mit dem, was Ornamentierung heißt, nicht angemessen erfassen lässt. Vor allem haben sie damit zu tun hat, dass sich ungerade Rhythmen in den zyklischen Rhythmusstrukturen, die der indischen wie der arabischen Musik zugrunde liegen, besser denken, darstellen und empfinden lassen als in europäischen Taktmaßen. „Khaltoum“ ist ein vitales Dokument dieser Zuneigung.