ICC : Raumfahrt tut not

Zu teuer? Die Debatte um den Abriss des ICC zeigt: Das Kongressgebäude wird unterschätzt.

Falk Jaeger

Man solle das Internationale CongressCentrum ICC abreißen und ein neues Kongresszentrum bauen, ließ sich der Finanzsenator vernehmen, das sei billiger als die nötige ICC-Sanierung. Abgesehen davon, dass eine genauere Prüfung der höchst umstrittenen Kostenprognosen aussteht, scheint man sich in der Stadt auch nicht über die baukulturelle Bedeutung des von jeher angefeindeten Monstrums im Klaren zu sein.

Das ICC kennt jeder, nicht nur in Berlin. Ein Vorzug, geschuldet unter anderem seiner einzigartigen Lage, in idealer Diagonalsicht am Ende der Avus, wie ihn einst auch das Schloss am Ende der Linden genoss. Schon von weither sichtbar, ist das ICC für Millionen von Berlinbesuchern der Willkommensgruß. Und wenn den West-Berlinern das ICC am Horizont aufschien, war das ein Signal: Du bist wieder zu Hause. Auch die bislang 11,1 Millionen Menschen, die das Gebäude seit 1979 von innen sahen, haben das ICC in lebhafter Erinnerung – und das, obwohl Kongresszentren gemeinhin nicht zu den Orten zählen, an die man sich überhaupt erinnert. Die signifikante Form des Gebäudes, sein „Alleinstellungsmerkmal“, wie Marketingleute heute herausstellen würden, lässt es jedem, der das ICC einmal gesehen hat, immer vor Augen haben, wie es bei der Oper in Sydney oder dem Guggenheim-Museum in New York der Fall ist. Dieser Umstand wird aus Berliner Binnensicht unterschätzt.

Wie ein Ozeandampfer liegt das ICC in der Verkehrsbrandung. „Quasseldampfer“ haben die Berliner das monumentale Bauwerk getauft. Viele schimpften schon zur Bauzeit aus tiefstem Herzen. Gigantisch sei das Monstrum, auftrumpfend, ungeschlacht. Für derlei ungewohnte Dimensionen fehlte damals jegliches Verständnis. Die heftige Kritik warf einen Schatten auf die Eröffnungsfeier vor 30 Jahren, den die Festredner nicht übersehen konnten. Nur Ephraim Kishon hatte tröstende Worte für die Festversammlung: „Ich finde das Kongresszentrum ausgesprochen hübsch. Es ist klein, aber herzig. Ich könnte auch intim sagen. Es ist auch sehr modern, der letzte Schrei in Stereo. Ich kann es hier erklären, dass es die tollste Sache des Jahrhunderts seit der Erfindung des Reißverschlusses ist!“

Doch „Bauwelt“-Chefredakteur Ulrich Conrads urteilte anlässlich der Einweihung im Rias: „Die immense Baumasse hat den Maßstab der Stadt weder verletzt noch verdorben. Das Bauwerk ordnet sich ein – wenn auch nicht unter, das wäre von 800 000 Kubikmeter umbauten Raumes zu viel verlangt.“ Er hatte erkannt, dass die in höchstem Maß unwirtliche städtebauliche Situation am Westkreuz eine weit ausstrahlende Landmarke dieser Größenordnung verträgt. Man stelle sich den halben Quadratkilometer von Pisten und Bahntrassen durchpflügten Stadtraum ohne den optischen Ankerpunkt ICC vor!

Heute, da das Publikum an viel größere Bauten im Prestigewettkampf der Länder und Regionen gewöhnt ist, schreckt die pure Größe des ICC nicht mehr, und man interessiert sich eher für die architektonische Form und die Botschaft des Gebäudes. Eigentlich war das ICC schon zu seiner Eröffnung von gestern. Das lag natürlich an den 14 Jahren Planungs- und Bauzeit, die seit dem Wettbewerbsgewinn der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte ins Land gegangen waren. Die Technik- und Fortschrittseuphorie der sechziger Jahre war von der Postmoderne abgelöst worden. Doch heute sehen wir den Bau in einem anderen Licht, nämlich als bedeutenden Vertreter des Technizismus, der Hightech-Architektur, die zur selben Zeit mit dem Centre Pompidou einen ersten Höhepunkt feierte. Denn das ICC zelebriert die Technik des Tragens und Lastens. Die schweren Fachwerkträger verrichten vor aller Augen ihre Herkulesarbeit, scheinbar hydraulisch in die Höhe gestemmt durch die „Kolben“ der paarweise auftretenden Treppenzylinder. Wohl sind die außen liegenden Tragglieder beim Centre Pompidou feiner dimensioniert. Beim ICC ist jedoch durch die Dämmung und dicke Verpackung der Fachwerkstrukturen in einer Aluminiumkarosserie ein architektonisches Motiv kreiert worden, das zum Beispiel Norman Foster bei seiner berühmten, just 1979 entworfenen Hongkong and Shanghai Bank einsetzte.

Noch eine andere Geschichte der frühen Moderne erzählen die Architekten aufs Neue. Sie bedienten sich des Dampfermotivs, das auf Le Corbusiers Idee des Maschinencharakters der Architektur zurückgeht. Die Verjüngung des langgestreckten Körpers nach unten, die „Kommandobrücke“ an der Schmalseite zur Kantstraße hin, der Mast über dem Parkhaus, die Lüfter an den Längsseiten, die Fenster mit den gerundeten Ecken wie im Fahrzeugbau, die Relings – alles deutliche Referenzen an den Schiffbau. Das assoziiert Dynamik. Zusätzlich scheint der Gebäudekopf hydraulisch aus dem Gehäuse herausgeschoben zu werden. Irgendwie ist alles in Bewegung. Klar zum Ablegen.

Das ICC ist sozusagen Flaggschiff einer Stilrichtung der Geschäfts- und Büroarchitektur, deren Bauwerke sich als maschinenästhetische Artefakte präsentieren. In Berlin zählen zum Beispiel noch das Hochhaus der BfA am Hohenzollerndamm von Hans Schäfers dazu oder das Konsistorium von Georg Heinrichs und Hans C. Müller beim Hansaplatz in Tiergarten.

„Herzlichen Glückwunsch. Du hast Dich gar nicht verändert“, schrieb die „Bauwelt“ im Jahr 2004 zum Silberjubiläum des ICC. In der Tat gibt es wenige Gebäude dieser Funktion und dieser Größenordnung, die in einem Vierteljahrhundert keine Umbauten über sich ergehen lassen mussten. Wer heute den „Boulevard“ im Inneren oder den Großen Saal aufsucht, kann Fotos schießen, die sich von den Originalaufnahmen zur Eröffnung kaum unterscheiden. Selbst der zeittypische Teppichboden mit den Kreismustern, die blauen und roten Neonschlangen und die mechanischen Anzeigetafeln haben sich auf wunderbare Art erhalten.

Wer die Wandelgänge, die Foyers, die Treppenläufe benutzt, findet sich in einem schlüssigen Ambiente wieder, das einen unverwechselbaren Charakter besitzt. Ein Ambiente, das offenbar noch immer die Qualitäten hat, um als Kulisse für ein aktuelles Musikvideo von Rosenstolz dienen zu können.

Dauersieger beim World Travel Award für Konferenzzentren, Wahrzeichen für Berlin von Weltrang, das ICC ist Funktionsträger und Ikone zugleich. Wer es aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht in Frage stellt, ignoriert gesellschaftliche und kulturelle Werte.

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