Kultur : "Ich, beide & sie": Lieber Charlie, böser Hank

Christian Schröder

Filme, die als Idylle beginnen, enden garantiert in einer Katastrophe. Bei "Ich, beide & sie" fliegt in der ersten Einstellung die Kamera aus weiter Entfernung auf ein Haus am Meer zu. "Das ist Charlies Haus", sagt eine sonore Erzählerstimme, und schon kommt dieser Charlie ins Bild geknattert, ein altmodisch uniformierter Polizist der "Rhode Island State Police" auf seinem Dienstmotorrad. Eine Stephen-King-Verfilmung könnte so anfangen, bei der der Horror einbricht in die Reihenhäuser der amerikanischen Provinz. Doch dann steigt Charlie vom Motorrad, nimmt seinen Helm ab und beginnt zu grinsen, wie nur Jim Carrey grinsen kann: mit zerknautschten Hamsterbacken und gebleckter Zahnreihe, liebenswürdig und gleichzeitig debil.

In einem Film, in dem Jim Carrey die Hauptrolle spielt, muss man sich nicht fürchten, hier erreicht der Horror eine andere Qualität: den Irrsinn. Zwei Stunden braucht "Ich, beide & sie", um zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren, zur Küste von Rhode Island und dem Haus darauf, und in dieser Zeit vergeht kaum eine Minute, in der nicht die Grenzen der Logik und des Geschmacks überschritten werden. Aber ganz am Ende grinst Jim Carrey wieder.

Für Peter und Bobby Farrelly fängt der Spaß da an, wo er sonst immer schon aufhört. Ihre Filme sind gezielte Tabuverletzungen. In "Dumm und Dümmer", ihrem Debüt, war Jim Carrey schon einmal als Volldepp unterwegs, einer weiblichen Zufallsbekanntschaft hinterher. "Kingpin" handelte von einem christlichen Fundamentalisten bei einer Bowling-Meisterschaft. Und in "Verrückt nach Mary", ihrem Meisterwerk, benutzte Cameron Diaz Sperma als Haargel, klebt schließlich prima. Auch in "Ich, beide & sie" reißen die Farrellys wieder Witze über Frauen, Kinder, Schwarze und Behinderte. Aber das Thema des Films liegt auf einem Terrain, auf das sich Komödien eher nicht vorwagen: im Psychiatrischen. Der Polizist, den Carrey spielt, ist schizophren. Seine Persönlichkeit ist, siehe Dr. Jekyll & Mr. Hyde, in zwei Teile gespalten: den guten Charlie und den bösen Hank.

"Hank will raus - aber wie kam er rein?", fragt sich Charlie, dem die Veränderung seines Egos Sorgen bereitet. Der Film gibt eine küchenpsychologische Antwort: durch eine Traumatisierung. Hank ist fies, weil Charlie immer nur lieb war. Seine Frau brennt mit dem Chauffeur ihrer Hochzeitslimousine durch, einem kleinwüchsigen schwarzen Professor für Molekularbiologie. Sie hinterlässt ihm noch drei superintelligente Kinder, bei denen sich Charlie nur darüber wundert, dass sie "das ganze Jahr über so braungebrannt sind". Als Mann des Gesetzes wird er sowieso nicht ernst genommen. In seinen Garten kackt die Dogge des Nachbarn, und die Autos, die er mit einem Knöllchen verwarnen will, muss er selber umparken.

Charlies Verwandlung geschieht - ähnlich wie bei Gregor Samsa, der eines Morgens als Käfer erwacht - plötzlich und unerwartet. Ausgerechnet an einer Supermarktkasse bricht der Hass aus ihm hervor, Hank übernimmt das Kommando in Charlies Großhirn, bepöbelt Passanten, rempelt Kinder an und fährt ein falschgeparktes Auto zu Bruch. Als Polizist ist Hank nicht zu gebrauchen, darum wird Charlie mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Und er bekommt einen scheinbar harmlosen Auftrag: Er soll die Zeugin Irene (Renée Zellweger) zu einer Vernehmung nach New York fahren.

Im Grunde ihres Herzens sind Peter und Robert Farrelly, das zeigt "Me, Myself & Irene" (so der Originaltitel), die Klassenclowns geblieben, die sie vermutlich auf der Highschool waren. Die hübschen Mädchen, das haben sie gelernt, interessieren sich nur dann für hässliche Jungs, wenn die gute Witze erzählen. Renée Zellweger ist so blond, wie es Cameron Diaz in "Verrückt nach Mary" war, die Inkarnation eines feuchten Oberschülertraums. Und Jim Carrey, so trottelig er sich auch anstellen mag, gewinnt natürlich trotzdem ihr Herz. Der Humor von "Ich, beide & sie" ist hochgradig pubertär. Wenn Hank sich zum Rache-Kack in den Garten seines Nachbarn hockt, sieht man im nächsten Bild eine Softeis-Maschine, aus der Schokoeis quillt. Gags dieser Art gibt es reichlich - was der Inszenierung fehlt, ist Tempo. Während bei "Verrückt nach Mary" der Irrsinn immer weiter eskalierte, verlieren sich die Farrellys diesmal in einer Mischung aus Krimi, Roadmovie und Liebesromanze. Sehenswert ist der Film trotzdem: wegen Jim Carrey. Am Ende verprügelt er sich in seiner Doppelrolle als Charlie/Hank selber: ein Slapstick wie von Buster Keaton, irre gut.

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