Kultur : „Ich bin aus Worten gemacht“

Die Regisseurin Andrea Breth erhält – endlich – den Berliner Theaterpreis

Andreas Schäfer

Neulich forderte Hortensia Völckers, Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, auf einer Podiumsdiskussion, das Theater solle wieder ein Ort werden, an dem „mehr Sinn produziert“ werde. Das hört sich gut an, offenbart aber eine rührende Unbedarftheit. Man kann Sinn nicht produzieren wie eine Radkappe oder ihn backen wie einen Kuchen. Man kann ihn höchstens hervortreten lassen, denn der Sinn ist immer schon da. Man benötigt nur sehr genaue Augen und Ohren und die Bereitschaft, innerlich zurückzutreten, um ihn wahrzunehmen.

Nicht wenige große Künstler sind deshalb vor allem stille Menschen, für die Demut keine eitle Pose, sondern Grundvoraussetzung ihrer Arbeit ist. Ohne Demut keine Durchlässigkeit, und ohne Durchlässigkeit tritt der Sinn nicht vor. Dass diese künstlerische Bescheidenheit mitunter auch von menschlicher Strenge begleitet wird, zeigt die große, hochkonzentrierte Regisseurin Andrea Breth, als sie gestern den Berliner Theaterpreis 2006 entgegennimmt.

Als ihr das Klacken der Kameras zu laut wird, erhebt sie sich und bittet die Fotografen freundlich, aber resolut um Zurückhaltung, „damit auch die Älteren“ hören können, was auf der Bühne geschieht. Für einen Moment herrscht genau das, was am Grund jeder Breth-Inszenierung liegt: gespannte, heilige Stille. Dann sagt Walter Rasch von der Stiftung Preußische Seehandlung, der gerade den Laudator Klaus Völker auf die Bühne bitten wollte: „Sehen Sie, das nennt man konkrete Regie.“

Dass die Verleihung an Breth – in den neunziger Jahren Künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne, bevor sie 1999 als Hausregisseurin ans Wiener Burgtheater ging – reichlich verspätet kommt, weiß inzwischen sogar Klaus Wowereit, der bei seiner launigen Preisübergabe auch der Hoffnung Ausdruck verleiht, Breth bald wieder in Berlin begrüßen zu dürfen. Ihre alten Freunde, „die family“, wie Breth sagt, haben der Regisseurin im Haus der Berliner Festspiele schon mal ein wunderbares, hoffentlich herlockendes Porträt aus Dichtung geschenkt. Udo Samel übernimmt mit Hilfe Samuel Becketts den Aspekt der Selbstlosigkeit: „Ich bin in Worten, ich bin aus Worten gemacht, aus Worten der anderen.“ Corinna Kirchhoff versucht mit Hilfe von Ingeborg Bachmann Breths Genauigkeit zu erfassen, Wolfgang Michael beschreibt mit Albert Ostermaier Breths „immer der Sache dienende Härte“, während Klaus Völker ihre Kunst preist, sich als Regisseurin unsichtbar zu machen.

Dann betritt Breth selbst die Bühne und beweist in einem abgründigen Briefwechsel mit Schiller, warum Wallenstein ein heutiges Stück ist: „Der Krieg findet in den Menschen statt: Zwang erzeugt Zwang und Hass statt Liebe.“ Danach bittet sie den Franziskanerbruder Andreas zu sich, um seiner Suppenküche in Pankow das Preisgeld, 16 000 Euro, zu stiften. So endet diese bewegende Matinee mit den Worten eines Mönches: „Ich wünschte, Sie würden bei uns arbeiten. Der Kirche fehlt manchmal Ihre Tiefe.“

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