Kultur : Ich bin blind. Beschreiben Sie mir Rot!

Christoph Peters sucht nach den Wurzeln religiöser Erfahrung und des islamischen Terrorismus

Marius Meller

Es gibt den liberalen Selbsthass. Empfindsame Seelen auf Weltreise sind anfällig für die Keimzellen dieses Hasses. Sie beobachten, wie der Liberalismus die Eigenheiten der Kulturen über seinen gewaltigen Kamm der Massenwarenwelt schert. Und wollen darüber fast verzagen. Doch der Hass geht tiefer, viel tiefer. Der Blick in ein gottbeseeltes Gesicht einer fremden Kultur scheint den spirituell Sensiblen zu zeigen, dass uns so etwas wie die Mitte fehlt. Damit ließe sich vielleicht noch leben. Doch an uns nagt das schlechthin schlechte Gewissen: Wir, der „Westen“, wir haben Gott getötet. Und wir haben die Welt, Seine Schöpfung, dem Mammon anheimgegeben.

So ungefähr denkt auch Jochen Sawatzky Ende der achtziger Jahre. Schlechte Kindheit, missglückte Adoleszenz, Drogenkarriere. Aus den betäubenden Fernsehorgien bleibt ihm nur das Wort Mudjaheddin im Gedächtnis – und die feurigen Blicke der afghanischen Widerstandskämpfer. Eine schöne Deutsch-Ägypterin sowie die erhabenen Religionsgespräche in einer Koranlesegruppe tun ihr Übriges und lassen Jochen aus seinem liberalen Jammerdasein zu einer immerhin cleanen Existenzform konvertieren, die erst nach dem Jahrtausendwechsel zu zweifelhafter globaler Berühmtheit kommen sollte: Fundamentalist und Selbstmordattentäter.

Christoph Peters, Jahrgang 1966, der mit seinem Debüt „Stadt Land Fluss“ von 1999 den „aspekte“-Literaturpreis und allseits literaturkritische Anerkennung erntete – wie seither für alle seine Bücher zuletzt „Das Tuch aus Nacht“, muss mit seinem neuen Roman „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ nicht mehr beweisen, dass er in der bundesdeutschen Nachwuchsszene eine herausragende Begabung, eine feste Größe ist.

Peters erzählt die Geschichte von Jochen Sawatzky spannend und mit einer rhythmischen, bildsicheren Sprache. Es ist ihm auch nicht vorzuwerfen, dass die Wahl seines Sujets, ein deutscher Islamist, sensationalistisch wäre. Das Thema – Liberalismus versus Fundamentalismus – liegt zwar in der Luft. Aber Christoph Peters gehört mit Sicherheit zu den Autoren, denen man eine subtile Behandlung dieser Thematik zutrauen würde. Warum muss man also leider dennoch sagen, dass sich der Autor mit „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ wenn nicht verhoben, dann zumindest verkalkuliert hat?

Der erste Teil des Romans schildert thrillerartig das Scheitern eines islamistischen Selbstmordkommandos, das im Herbst 1993 einen Anschlag auf die Heiligtümer von Luxor unternehmen soll, wie er vier Jahre später tatsächlich stattgefunden hat. Die Mitglieder der Terrororganisation werden festgenommen und von den ägyptischen Sicherheitsleuten sogleich brutal gefoltert. Nach der Verhaftung Jochen „Abdallah“ Sawatzkys schaltet sich die deutsche Botschaft ein. An Claus Cismar, dem Botschafter, nagt gerade eine alt-68er-typische Midlifecrisis und eine chronische Magenverstimmung. Pflichtmäßig besucht er den Deutschen in der ägyptischen Haft, dem der Tod durch den Strang droht. Cismar ist abgestoßen und fasziniert gleichermaßen vom Fanatismus des 30-Jährigen. Dessen rigide Entschlossenheit und politische Radikalität erinnern ihn an die endlosen Debatten im SDS und an die RAF. Von „Abdallah“ lässt er sich sagen: „Leute wie Sie, ohne Mitte, verlieren irgendwann alles.“ – Kurz bevor er nach einem Besuch die Verhörzelle verlässt, gibt er seinem heimlichen Interesse nach und fragt den Verurteilten: „Was ist eine, religiöse Erfahrung‘?“ Als Antwort wieder ein Satz, der in seinem kalt-klaren Entweder-oder das unentschlossene liberale Herz des wackeren Botschafters zusammenzucken lässt. Abdallah sagt: „Ich bin blind. Beschreiben Sie mir Rot.“

Es ist weder Christoph Peters noch dem echten Auswärtigen Amt vorzuwerfen, dass ein Botschafter so schlicht denkt und redet wie Claus Cismar. Immerhin steigt er mit dem bewunderten Terroristen in nicht unerhebliche theologische Debatten ein, auf die er sich sogar vorbereitet. Der rudimentären Religiosität seiner Kindheit setzt er einen vagen Relativismus entgegen, den er mit der Heisenberg’schen Unschärferelation garniert: „Die Relation der Unschärfe: Damit werden die Begriffe von Bahn und Determiniertheit der Bewegung gegenstandslos, an ihre Stelle treten Wahrscheinlichkeiten. Wahrscheinlich würfelt Gott doch, nur für sich, gegen die Langeweile der Ewigkeit.“ Und: „Die Komplexität der Welt. Alles ist mit allem verbunden und vollständig isoliert. Das schöpft niemand aus.“

Claus Cismar, nicht der junge Terrorist Jochen „Abdallah“ Sawatzky, ist die eigentlich unwahrscheinliche Figur, ärgerlich in ihrer Unwahrscheinlichkeit. Sie ist das personifizierte Klischee des Romans: das Klischee, das die Gottvollen von den Gottleeren haben, die explosiven Menschen von den Bürgerlichen. Und vor allem: Das wir Liberalen von uns selbst haben. Das handwerkliche Problem von Christoph Peters war offenbar, die Faszinationskraft des Terroristen auf den Botschafter psychologisch plausibel zu machen. Das wollte er durch die geistige Mickrigkeit Cismars ins Gleichgewicht bringen. So verlischt jedes aufflackernde Gespräch in den Wischiwaschi-Assoziationen und der Achtundsechzigerromantik Claus Cismars.

Peters Roman könnte man nach der Schlichtheit seiner Hauptfiguren eben als Allegorie auf die Klischeevorstellung der verfeindeten Parteien verstehen. Aber dann wären sein Thema, seine Ausgestaltung deutlich überinstrumentiert. Peters hätte Gas geben sollen, wo er im Falle seines Botschafters immer nur die Handbremse zieht.

Warum hat Claus Cismar nicht den Mumm, die Lächerlichkeit des Fundamentalisten zu zeigen oder zumindest den hanebüchenen theologischen Disputen einige Spitzen aufzusetzen? Nur einmal zitiert Cismar zaghaft Kant. Aber er argumentiert nicht, erinnert nicht einmal daran, dass die liberale Aufklärung sich einst für Religionsfreiheit einsetzte, um den Streit zwischen den Religionen zu zivilisieren.

Ein bisschen Nachhilfeunterricht hätte im Falle Abdallahs nicht geschadet und wäre literarisch sicher zu stemmen gewesen: die einfache Erklärung, dass der Liberalismus nie Religion abschaffen wollte, sondern eine Lebensform finden wollte, in der verschiedene Religionen zusammenleben.

Christoph Peters hätte zeigen können, dass der Liberalismus zunächst den Selbsthass loswerden muss, seine geheime schwarze Romantik. Stattdessen hat er sich herausgehalten, er will „nur verstehen“. Auf diese Weise kann sich sein Projekt leider kaum über das Klischeedenken seiner Protagonisten erheben. Gerade bei diesem Sujet und der Begabung des Autors macht die vergebene Chance traurig.

Christoph Peters: Ein Zimmer im Haus des Krieges. Roman. btb, München 2006. 318 Seiten, 19,95 €.

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