Kultur : Ich bin blond

Kai Müller

Es war eine grandiose, pathetische Szene und sie ereignete sich vor drei Jahren am 1. Mai in Kreuzberg: Die autonome Linke hat zur Demonstration auf den Oranienplatz gerufen und auch die Elektro-Punk-Band Atari Teenage Riot hinzugebeten. Obwohl das Quartett um Alec Empire politischen Veranstaltungen dieser Art wenig abgewinnen kann, sagen sie in diesem Fall doch zu. Der Kosovokrieg und die deutsche Verstrickung darin scheinen den Protest zu rechtfertigen. Nachdem die Redner gesagt haben, was zu sagen ist, betreten die vier Lärmartisten Carl Crack, Hanin Elias, Nic Endo und Empire die Ladefläche des Sattelschleppers, um eine etwas andere Tonlage anzustimmen. Es kracht und fiept entsetzlich aus den Lautsprechertürmen und bald schon ist die gelangweilte und moralische Versammlung nicht mehr wiederzuerkennen.

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Es hebt an die ganz persönliche Hate-Parade eines jungen Berliners, der zu den radikalsten Vertretern der elektronischen Avantgarde zählt. Bald schon erklimmt Alec Empire im schwarzen Existenzialisten-Outfit den obersten Boxenturm, von wo aus er auf die Menge mit erratischen Parolen einbrüllt. Er kreischt Parolen wie "Destroy 2000 Years of Culture", "Revolution Action" oder "The Virus Has Been Spread". Es ist grotesk und ziemlich abgefahren: Niemand versteht ein Wort. Aber die vielen Ausrufezeichen sind nicht zu übersehen.

Atari Teenage Riot (ATR) ist vermutlich die einzige Band weltweit, die 500 000 Platten mit einer Musik verkaufen kann, die unhörbar ist. Gewaltige Krachlawinen, scheppernde Beats und aggressive Frequenz-Cluster dröhnen aus übersteuerten Sound-Anlagen. Der Lautstärkepegel ist so hoch, dass nur noch verzerrte Töne wahrnehmbar sind. Es bedarf einer besonderen Begabung, in diesen brachialen Stoßseufzern der Sample-Technik so etwas wie eine musikalische Dramaturgie zu erkennen. "Meine Musik", gestand Empire einem englischen Musikmagazin, "bringt Leute an Orte, an denen sie noch nie gewesen sind. Einige kehren nicht mehr zurück. Und diejenigen, die es tun, haben Angst davor, zurückzugehen."

Das sind die passenden Sätze für eine vom Kommerz enttäuschte Jugendkultur, die - etwas paranoid und apokalyptyisch - eine Pop-Guerilla bildet. In Japan und den USA, wo jung sein einerseits viel leichter, andererseits verteufelt nebensächlich ist, wird Empires Botschaft deshalb besonders gut verstanden. Tatsächlich ist ATR ein Experiment, dem nur eine einzige Idee zu Grunde liegt: "Riot sounds produce riots", postuliert Empire. Wobei die Kreuzberger Krawallnacht, die sich an das Straßenkonzert 1999 anschloss, ein schlechter Beleg für diese These sei, sagt er. Da sei ja ohnehin immer was los. Das Konzept der Riot-Sounds sei vielmehr für Situationen gedacht, in denen revolutionäre Taten nicht vorgesehen sind. "Wie der Auftritt von Otis Redding beim Monterey-Festival", erzählt Empire: "Er trat vor einem ausschließlich weißen Publikum auf, was für ihn sehr ungewöhnlich war. So gab er wirklich alles. Die Leute saßen da, während er an seine Grenzen ging, um sie von einer Sache zu überzeugen, die ihnen vollkommen fremd war."

Solche Grenzerfahrungen hat der 29-jährige Empire immer wieder zu erleben versucht, die Band hat sich daran aufgerieben. Carl Crack litt seit Jahren unter psychischen Störungen, die sich unter dem Einfluss von Drogen und Tour-Stress zur Psychose auswuchsen. In Spanien wollte er dann das Flugzeug beim Start durch den Notausgang verlassen. Schließlich begab er sich in therapeutische Behandlung - im September vergangenen Jahres brachte er sich um. Empire selbst hatte Auftritte zuletzt nur noch unter Schmerzmitteln durchstanden. Dass er international ein gefragter Produzent ist, der für Björk, Thurston Moore von Sonic Youth, Slayer, Einstürzende Neubauten und HipHop-Künstler wie Company Flow gearbeitet hat, dürfte es ihm erleichtert haben, den Abstand zu suchen. Seit 1994, als ATR erfunden wurde und seinen Kreuzzug durch den Techno-Underground begann, hat Empire eine Reihe exzellenter Solo-Alben veröffentlicht, die nichts mit technoiden Lärmlandschaften zutun haben: "Low On Ice" (1995), "Hypermodern Jazz 2000.5" (1996) und zuletzt "Les Etoiles Des Filles Mortes" (1997), allesamt auf dem für seine intellektuelle Prüderie bekannten Milles-Plateaux-Label veröffentlicht, waren sublime Fingerübungen, Skizzen und minimalistische Sound-Montagen, die den Beat formlosen Blubber-Geräuschen opferten.

Ende Mai erscheint nach zweijähriger Tüftelei nun die enigmatische Doppel-CD "Intelligence and Sacrifice" auf Empires eigenem Digital Hardcore-Label. Sie zerfällt auch musikalisch in zwei Teile. Der erste wandelt auf den Pfaden des Heavy Metal, ist eine auf Speed gesetzte Adrinalin-Therapie. Empire fühlt sich an eine Luxuskarosse erinnert, "die bei voller Fahrt gegen eine Wand knallt". Der zweite Teil folgt hingegen dem autistischen Sog einer Spirale, die sich langsam in die "innere Hölle" hineinwindet - und dort endlos rotiert. Am spannendsten daran ist, dass er diese beiden Aspekte nicht zusammenkriegt. Dass er den leisen, beklemmend collagierten Kompositionen der zweiten CD, die seine Vorliebe für Debussy und Schönberg gestreift haben, hilflos wirkende Kraftgesten auf der ersten entgegensetzt.

Oder illustrieren sie doch nur zwei Seiten derselben Gemütslage? Gerne stilisiert sich der in Frohnau aufgewachsene Musiker als Kind des Kalten Krieges und kokettiert zuweilen damit, dass sein Großvater in einem Nazi-KZ umgekommen sei - als Kommunist und Kämpfer für die gerechte Sache. Die ideologische Schlachtformation der linken Eltern-Generation ist aufgelöst, jetzt besorgt der urbane Einzelkämpfer-Typus, was zu tun bleibt: "And I walk amongst the ruins with/ only one thought on my mind:/ we could change it any day." Kaum zu glauben, dass der Blondschopf 1990 in weißen Klamotten durch die Clubs tingelte, ehe dem Ex-Punk die Ahnung kam, dass Techno eine apolitische Sackgasse ist. Der Golfkrieg und die Anschläge auf Asylantenheime in Rostock und Hoyerswerda ließen den Schatten des Renegats auf ihn niedersinken - er färbte seine Haare und trägt seitdem Schwarz.

Vielleicht liegt es daran, dass Empire früh für sich selbst sorgen musste und am liebsten in den Kategorien eines Partisans denkt: Musikmachen war für ihn lange etwas, bei dem man "sehr schnell kreativ sein und Lösungen finden muss, wenn man überleben will". Da seine Platten nicht auf große Stückzahlen hoffen durften, produzierte er eben umso mehr. Doch: "Es gibt nur selten Musik", gesteht Empire, "die mir einen Kick gibt". So ist er ein Junkie geworden, auf der Suche nach dem Bringer. Wie damals, als er "The Message" von Grandmaster Flash zum ersten mal hörte und schier umgehauen wurde von dessen Energie.

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