Kultur : Ich bin das Lied

Volkssänger: Harry Belafonte bei den Berliner Lektionen

Christian Schröder

Natürlich hat er auch gesungen. „Day-oh“, was sonst. 30 Minuten waren gestern vergangen bei der „Berliner Lektion“ im Renaissance Theater, da verwandelte sich Harry Belafonte vom Redner zum Sänger, einen Refrain lang bloß: „Day-oh, dayyy-oh, daylight come and me wanna go home.“ Das Lied jamaikanischer Banana-Boat-People hatte ihn 1956 weltberühmt gemacht. Belafonte hatte da gerade von seiner Freundschaft mit dem Musical-Star Paul Robeson erzählt, der ihm am Anfang seiner Karriere sagte: „Wenn die Menschen deine Lieder singen, wollen sie wissen, wer du bist“. Sing deine eigenen Lieder! Belafonte verstand das als Auftrag und verabschiedete sich von den Jazz-Standards, mit denen er im New Yorker Greenwich Village aufgetreten war. Fortan sang er Calypsos. RCA nahm ihn 1955 unter Vertrag, ein Jahr später war „Calypso“ das erste Album überhaupt, das über eine Million Mal verkauft wurde. „Ich bin ein Folk-Sänger“, sagt Belafonte, „ich singe Volkslieder, mexikanische Mariachis, Salsa aus Kuba, afrikanische und jüdische Lieder“. 75 Jahre alt ist er heute, aber wenn er auf Tournee geht – ins Berliner ICC kommt er im März – werden seine Hits noch immer mitgesungen.

Über so einer Berliner Lektion liegt der Glanz der Nostalgie. Belafonte, im Seidenanzug und mit Pünktchenkrawatte, spricht frei, sein angerauhtes Timbre ist ein ideales Organ für Anekdoten und Adventlich-Besinnliches. Sein Leben nennt er „lange Reise“ und „Marsch zur Freiheit“. Rassismus kennt er seit seiner Kindheit, die er in seiner Geburtsstadt New York und dem Jamaika seiner Eltern verbrachte. Von der Mutter, die illegal in die Staaten eingewandert war, erzählt er liebevoll, der Vater – ein Matrose - war meistens betrunken. Die Schule bricht Belafonte ohne Abschluss ab, im Zweiten Weltkrieg dient er bei der Navy, danach muss er sich als Pförtner durchschlagen. Eines Tages schenkt ihm ein Mieter eine Broadway-Theaterkarte für eine Aufführung mit schwarzen Darstellern – ein Erweckungserlebnis. Belafonte studiert Schauspiel bei Piscator, doch der Traum, der erste schwarze Hamlet zu werden, platzt. Angeboten werden ihm vorerst nur Butler-Rollen, erst nach dem Durchbruch als Sänger kommt mit der Hauptrolle in Otto Premingers Musical „Carmen Jones“ (1954) auch der Ruhm als Darsteller.

In den sechziger Jahren beginnt die dritte Karriere: Bürgerrechtsaktivist. Und der Kampf geht weiter. Belafonte ist gegen einen Irak-Krieg, auch wenn er das bei seiner Lektion nur indirekt sagt: „Wir müssen unsere Probleme im eigenen Land lösen. Die USA sind das Land mit den meisten Strafgefangenen der Welt. Es gibt mehr junge Schwarze im Gefängnis als an der Universität.“ So endet die Matinee mit einem Appell – und donnerndem Applaus.

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