• "Ich bin das Schlusslicht des Jahrhunderts": der Roman "Die Blechtrommel" aus dem Jahre 1959 wird nachträglich geehrt

Kultur : "Ich bin das Schlusslicht des Jahrhunderts": der Roman "Die Blechtrommel" aus dem Jahre 1959 wird nachträglich geehrt

Hellmuth Karasek

Wenn es so etwas wie eine nationale Identität gibt (und natürlich gibt es sie, im Guten wie im Schlechten), dann haben "wir Deutschen" heute allen Grund, stolz zu sein, uns zumindest zu freuen, dass Günter Grass so hoch ausgezeichnet worden ist. Und wenn es stimmt, dass nationale Identität neben der Geschichte vor allem durch Sprache und Dichtung gestiftet wird, dann haben wir einen doppelten Grund, Günter Grass zu beglückwünschen. Uns zu ihm und ihm zu uns. Deutschland war der Resonanzboden, auf dem er, aus dem er getrommelt hat. Und er, Grass, war der Autor, der uns - mit einem gewaltigen Wurf - weltweit Resonanz verschafft hat, Resonanz für ein Deutschland, das sich auf einmal ganz anders anhörte, als es den Völkern nach dem Zweiten Weltkrieg in den Ohren klang.

Doch sollte man zuerst vom Preis sprechen, der die höchste Ehre ist, die einem lebenden Autor zukommen kann. Auch das Umstritten-Sein ist eine Qualität des Nobelpreises - denn das schwedische Komitee sendet mit der Preis-Verleihung auch politische und gesellschaftliche Signale in die Welt. Anders als die naturwissenschaftlichen und medizinischen Auszeichnungen, oder auch die wirtschaftswissenschaftlichen, die noch an den Begriff des "Fortschritts" glauben, anders als bei diesen Preisen also sind der Literaturpreis wie der Friedensnobelpreis auch immer Preise, die die Humanisierung des Menschen vor Augen haben. Beide Preise, aus dem schlechten Gewissen des Dynamit-Erfinders und Dynamit-Gewinnlers Nobel entstanden, wollen Spannungen neutralisieren, Verständnis stiften, mahnende Schriftsteller wie couragierte Politiker in Schutz nehmen vor der Gewalt, die sie aus dem Wege räumen will. Das alles hat mit Literatur noch nicht viel zu tun. Oder doch? Oder fast alles?

Es gab nach dem Krieg, als alles, wie es das Nazi-Lied von den "morschen Knochen" prophezeit hatte, "in Scherben" gefallen war, die winzige Hoffnung auf das "andere Deutschland", wie es sich im Widerstand und in der Emigration manifestiert hatte - ein Deutschland auch der jungen Schriftsteller, die der Wahrheit vor den Ausflüchten die Ehre gaben. Das knüpft sich an Namen wie Alfred Andersch, Peter Weiss, Heinrich Böll und Günter Grass. An Namen wie Anna Seghers und Arnold Zweig.

Vor allem im westlichen Nachkriegsdeutschland spielte diese Literatur eine oppositionelle Rolle zur Restauration, die, vom Kalten Krieg begünstigt, Vergangenheit Vergangenheit sein lassen wollte. Es war vor allem Heinrich Böll, in dem sich dieses "andere Deutschland" verkörperte. Es war eine Literatur, die die neue Ostpolitik Willy Brandts vorbereitete und, als Brandt sie in die Tat umsetzte, unterstützte. 1971 erhielt Willy Brandt den Friedensnobelpreis, 1972 Heinrich Böll den Literatur-Nobelpreis.

Was das mit Günter Grass zu tun hat? Grass hatte 1959 einen Roman publiziert, der alles bisher nach dem Krieg in deutscher Sprache Gesagte wegsprengte und mit anarchischer Wucht, barocker Kraft, einer unbändigen Phantasie und einem unbestechlichen Blick das Bild deutscher Vergangenheit episch beschwor. Man hat, als einen Vergleich, den "Simplizissimus" von Grimmelshausen herangezogen, jenes Buch, das aus scheinbar naiver Perspektive das Grauen des Dreißigjährigen Krieges festhält - ein verzweifelter Schelmenroman. Vergleiche hinken immer, aber auch "Die Blechtrommel" ist ein verzweifelter Schelmenroman. Held ist ein Zwerg, der seine kindliche, seine vorgeblich naive Seh-Weise auf eine Welt richtet, die im Nazi-Krieg außer Rand und Band geriet - und sie so, in der klein-verzeichnenden Subjektivität, objektivierbar macht: ein Werk, das in eine große Reihe gehört, auch in die von Tolstois "Krieg und Frieden".

"Die Blechtrommel" war und ist das, was man einen "Riesenwurf" nennt. In ihrem überlebensgroßen Schatten verschwand so ziemlich alles, was man zeitgenössische deutsche Literatur nennt. Sie wurde der deutsche Welterfolg - Lese- und Schulstoff in den USA wie in Polen oder Italien. Die literarische Wucht dieses Backsteins rührt auch daher, dass eben Grass kein "moralischer" und erst recht kein moralisierender Schriftsteller war. Ob er es inzwischen nicht mehr ist, mag man bezweifeln. Das Buch sitzt gerade durch seine gnadenlose Objektivität und scheinbare Unbeteiligtheit zu Gericht über die Geschichte.

Grass, ein politisch engagierter, mit Willy Brandt persönlich befreundeter Befürworter der neuen Politik, hat seinen literarischen Ruhm vorbehaltlos in den Dienst der politischen Sache gestellt. Er wurde zum "Blechtrommler" und Wahlkämpfer Willy Brandts und der neuen Aussöhnungspolitik nach Osten. Er konnte es werden, da er als "kaschubischer" Schriftsteller, als Danziger Autor, ähnlich wie sein Freund Siegfried Lenz, ähnlich wie die Gräfin Dönhoff, sich deutlich gegen die landsmannschaftlichen Vorbehalte stemmen konnte.

Dass die Sozialdemokratie ("Dich sing ich EsPeDe") ihren "Trommler" nicht ganz so vorbehaltlos in die Arme schloss, wie er sich ihr zur Verfügung stellen wollte, hat(te) Gründe in seinem Buch wie in seiner Person. Die "Blechtrommel" ist, wie gesagt, große Literatur, kontrolliert nicht durch eine Political-correctness-Brille, sondern gesehen mit vitalem Mut und beherrscht nur durch einen Kunstwillen. Sie ist wie das Leben, das auch nicht in kommodierende Schnürschuhe passt - und so erkannte man sehr wohl die Gewalt und Sprachkraft des Werks, hielt die "Blechtrommel" aber dennoch für "Pornografie", für eine "Obszönität", tadelte ihren "Nihilismus", ihr "Gotteslästertum".

Auch der Autor war ein ungebärdiger Brocken, oft auch ein Kotzbrocken, eine Bildhauer-Natur, die, um ihre Kunst zu schaffen, gewaltige Schläge austeilte. Konnte man einen solchen Kerl, mit einem solchen Werk für den Wahlkampf wirklich brauchen? War der was für Betschwestern und Ortsvereins-Tanten und -Onkel? Grass hat sich gezähmt, sich angepasst, hat seinen Schnauzbart brav getrimmt - er wollte Staatsmann werden, der guten Sache dienen, dem Gemeinwohl: eine ehrenwerte staatsbürgerliche Anstrengung, die einem Schriftsteller nicht unbedingt bekömmlich ist. Ist hier ein Grund dafür zu suchen, dass er die Wurfweite seines Hauptwerks nie wieder einholte? Müßig zu fragen. Man kann es nur an dem messen, was er mit zager Elle als Schriftsteller der Einheit ("Ein weites Feld") auf den Schmalspuren Fontanes schrieb. Und "Weisheit", die beispielsweise der späte Brecht seinem explosiven Jugendwerk absprach, der sich auch einpassen wollte zum "Klassiker", bekommt einem Werk nicht unbedingt. So sind es im Grunde Nebenwerke (nur gelegentlich die Pranke des Löwen zeigend), mit denen Grass die Studentenrevolte, den 17. Juni, die Tücken politischer Talwanderungen begleitete - ob sie "Örtlich betäubt", "Die Plebejer proben den Aufstand" oder "Tagebuch einer Schnecke" hießen.

Man wird Günter Grass ohne allzu viel Übertreibung als einen One-Work-Author bezeichnen können. Das mag ihn kränken. Aber wer von seinen Zeitgenossen könnte sich rühmen, "nur" die "Blechtrommel" geschrieben zu haben?

So mag es Grass neben der Ehre der hohen Auszeichnung kränken, dass ihm jetzt, sozusagen mit über 30-jähriger Verspätung, die Auszeichnung ausdrücklich für die "Blechtrommel" zuerkannt wurde. Aber zum Ersten entspricht das dem Maßstab, den das Werk von Grass sich selbst gesetzt hat. Und zum Zweiten respektiert es die Tatsache, dass die "Blechtrommel" ein Buch war, das man weder dem einen Deutschland (wie das Werk Bölls) noch dem anderen Deutschland (wie das Werk der Christa Wolf) zuordnen konnte, sondern das schon durch seine rückhaltlose und rücksichtslose Kraft mehr war als nur "Ost" oder nur "West" oder gar nur "heimatvertrieben". Spätestens durch die Ehrung wird klar, dass Grass ein umfassend deutscher Autor ist, keiner, den Bonn oder Pankow für sich einheimsen konnten - so sehr er sich auch als ehrlicher Vermittler zwischen beiden mühte. Und verrenkte. Wo er früher vor Kraft nicht laufen konnte, spielte ihm später Rechthaberei manchen Streich.

Der "späte" Nobelpreis also macht auch einen Sinn. Er hat aber auch seinen Grund. Als Böll 1972 ausgezeichnet wurde, sollte damit, wie gesagt, auch ein bestimmtes schriftstellerisches Engagement preisgekrönt werden. Damit war der Preis für diese "Richtung", zu der man auch Grass wegen seiner politischen Teilhabe rechnete, für Grass eigentlich außer Reichweite gerückt. Man schmäht Böll nicht, wenn man sagt, dass er einer derjenigen Autoren ist, deren Person sein Werk, deren moralische Integrität und Strahlkraft seine Romane überragt - an Wirkung wie an wirklicher Bedeutung.

Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. Aus der Distanz wird das Werk wichtiger als die Rolle. Um das deutsche Gemeinwesen ist es inzwischen auch so bestellt, dass es eine literarische APO als Alternative nicht mehr nötig hat. Was für ein Glück für uns! Was für ein Glück für Günter Grass. Für den Schriftsteller, der den Politiker leicht überdauert hat. Und überdauern wird.

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