Kultur : Ich bin dein Albtraum

JAN SCHULZ-OJALA

Mit "U-Turn" befreit sich Oliver Stone von der Last der US-Geschichte.Der Thriller handelt von der zweiten Obsession des Regisseurs: GewaltVON JAN SCHULZ-OJALAWenn man gar nicht mehr weiter weiß, dann besinnt man sich - das ist im Leben nicht anders als im Kino - auf die ganz alten Mythen.Wer etwa in Amerika zur Zeit weder Lust hat, den 258.postmodern-ironischen Science-Katastrophen-Actioner noch den 137.Präsidentenfilm zu verantworten, dreht einen sogenannten Neo-Noir.Im ausgehenden Jahrtausend weiß man schon lange nicht mehr, was gut und was böse ist, und auch das Individuum als solches hat wachsende Legitimationsschwierigkeiten - was liegt da näher, als sich in jene goldenen Jahre der Filmgeschichte zu flüchten, da die lonely riders der westlichen Welt geradezu massenhaft im Taumel aus Gewalt und Leidenschaft versanken? Unlängst hat Curtis Hanson mit "L.A.Confidential" den Nerv der Kritiker und der Zeit getroffen - und dem Genre mit diesem makellosen Werk einen späten, ja anachronistischen Höhepunkt beschert.Seitdem mögen die Amerikaner ein wenig "noired out" sein, wie man da und dort nachlesen kann, aber nie waren die Vierziger, die Fünfziger so wertvoll wie heute. Schließlich eignet sich der Film Noir auch zur Bewältigung persönlicher Krisen.Sind wir nicht alle einsame Wölfe, nicht zuletzt wir Filmregisseure? Gerade hat Volker Schlöndorff mit "Palmetto" zumindest sein persönliches Gespenst namens "Unhold" vertrieben, und das in einer merkwürdigen, nicht ganz reizlosen Unentschiedenheit zwischen den Fifties und heute - da kommt Oliver Stone mit seinem Ultra-Neo-Noir "U-Turn" ganz in den Neunzigern an."Kein Weg zurück", untertitelt der deutsche Verleih - dabei bezeichnet die Vokabel: kein Weg weiter, Sackgasse, wenden (und hier metaphorisch: hinein ins Verderben!)."Diese Art von Filmen habe ich noch nie gemacht", sagt Oliver Stone und mag damit auf seine Entdeckung des Genres zielen.Die Brutalität aber der von bösen Antrieben geleiteten Figuren, die unübersehbare Lust auch an der Inszenierung dieser Brutalität führt in gerader Linie von "Platoon" über "Natural Born Killers" zu "U-Turn".Es gibt keinen Weg zurück im Werk des Oliver Stone, scheint uns dieser verstörend uninspirierte Film sagen zu wollen, aber es gibt auch keinen Weg weiter. Geier zupfen aus toten Tieren das Gedärm: das ist eines der ersten Bilder.Der Mensch ist des Menschen Geier: das wird, wenn alles Schlachten getan ist, eine der letzten Botschaften sein.Dazwischen wird exemplifiziert, zwei lange Stunden lang."U-Turn" behauptet: Ich bin ein Alptraum.Aber wir, die Zuschauer, alpträumen nicht.Wir sehen vielmehr einen Regisseur alpträumen.Schon lange nicht mehr haben wir einem so heiß sich gebenden Geschehen so kühl zugesehen. Vorhang auf.Unsere Identifikationsfigur: Bobby (Sean Penn).Im Augenblick, da das Leben ihn ein bißchen lockerer in den Klauen zu halten verspricht, gerät er in den allerbösesten Schlamassel.Wer richtet den an? Natürlich eine schöne Frau.Gerade hat Elisabeth Shue den armen Woody Harrelson am Nasenring durch Schlöndorffs Florida-Kaff namens Palmetto gezogen, da klebt schon Bobby an Grace (Jennifer Lopez).Sie ist nur mal eben durchs Bild gegangen im Mittagslicht eines Arizona-Kaffs namens Superior, wo Bobby einen Tag rumbringen muß, weil ihm der Kühlerschlauch seines geliebten roten Mustang geplatzt ist.Aber wie das Kino so spielt: der Automechaniker erweist sich als Psychopath und eine beherzte Tante Emma als vorzügliche Schützin - leider knallt sie nicht nur zwei Kleingangster in ihrem Laden ab, sondern zerfetzt dabei auch die Tasche mit den 13 000 Dollar, die Bobbys ungeduldigen Gläubiger ruhigstellen sollten. Also muß Bobby Geld verdienen.Angebote gibt es mehr als genug.Da ist Graces Ehemann Jake (Nick Nolte), der ihm 20 000 Dollar bietet, wenn er die chronisch untreue Grace umlegt.Mit 100 000 plus Grace aber ist er dabei, wenn er den ebenso geilen wie geizigen alten Jake tötet.Dabei braucht er, genau genommen, erstmal nur 200 Dollar, um seine schöne Karre auszulösen und abzuhauen von hier.Oder 30 Dollar, um schnellstens den Bus zu nehmen.Oder 1 Dollar fünfzig für eine Cola aus dem Automaten ... Was passiert, ist sehr bald egal in diesem Film.Es dient immer nur einem Zweck: Bobby kurz Hoffnung zu machen auf ein Entrinnen und diese Hoffnung umso hohnlachender zu enttäuschen.Ein paar Nebenfiguren, darunter Clare Danes und Joaquin Phoenix als Lolita & Latino-Paar, multiplizieren dieses immer mehr in den Zeitraffer getriebene Reiz-Reaktions-Schema, ohne ihm Substanz hinzuzufügen.Oliver Stone hat, wenn man so will, wieder einen seriellen Film gedreht: nicht inhaltlich, wie bei dem Pärchen in "Natural Born Killers", das ohne Motiv mordet und mordet, sondern formal: "U-Turn" springt schon in den ersten zehn Minuten aus der Rille und nimmt dann nur immer wieder vergeblich Anlauf - mit tiefer Absicht, versteht sich.Freilich nervtötend: Die Varianz besteht allein darin, das Volume zügig auf volle Power hochzuregeln. Der Rest ist rohe Gewalt, ein Halbstundengemetzel, während die Geier kreisen.Vielleicht braucht es einen wie Oliver Stone auch nur, um noch einmal trennscharf nachzuweisen, was Michael Hanekes letztjährigen "Funny Games" - als Beitrag zur Gewaltdiskussion im Kino - so epochal macht.Hier wie dort ist die Welt von Bösen bevölkert, hier wie dort bietet die Regie dem Zuschauer Zuflucht in Form positiver Identifikationsfiguren.Doch während Haneke die wehrlose Familie opfert, um damit den wehrlosen Zuschauer selbst geradezu physisch ins Leiden unter der Gewalt anderer zu zwingen (und in die Erkenntnis, was es bedeutet), darf bei Stone der leidlich harmlose Bobby verrohen und die Bösen abschlachten, bevor er selbst krepiert.Haneke denunziert die Kino-Killer als das, was sie sind: Stellvertreter-Monster unserer Geilheit auf Gewalt.Stone inszeniert sie, wie gehabt.Das macht den Film so reaktionär. Kurbel (OV), Blauer Stern Pankow, Central, Colosseum, Filmbühne Wien, Rollberg

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