Kultur : Ich bin dein, dein bin ich

Sternschnuppen: Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ im Rheinsberger Schloss

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Schamlos. Anna Gütter als Poppea (li.) mit Aurélie Franck (Nero). Foto: Kammeroper/H. Mundt
Schamlos. Anna Gütter als Poppea (li.) mit Aurélie Franck (Nero). Foto: Kammeroper/H. Mundt

Der Grienericksee schäumt, Regen peitscht um das Rheinsberger Schlosstheater, Premierengäste schmiegen sich unter sein Portal. Verlassen liegt die städtische Badeanstalt mit ihren weißen Holzkabinen unter fliehenden Wolkenfetzen. Durch den Sommer zieht der Atem des Herbstes, während drinnen auf der Bühne der internationale Sängernachwuchs dem großen Ahnherrn der Oper begegnet. Claudio Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ ist der alle moralischen Werte auf den Kopf stellende Abschied des Komponisten von der Bühne dieser Welt. Er füllte sie mit seinem deklamatorischen Gesang, der einst den Geist des antiken Theaters beschwörend die Oper schuf. Nach und nach sickerten immer mehr Arien hinein, wie das süße Gift von Liebesschwüren, narzisstische Inseln im grimmen Meer des Lebens. Und die Sehnsucht nach einem Stillstehen des Stundenglases.

Eine „Poppea“ aufzuführen, ist eine Reise mit ungewissem Ausgang. Wenig nur besagen die überlieferten Handschriften über Instrumentierung, Stimmung und Stimmlage der Musik aus. Neben dem Wissen um historische Aufführungstechniken wird die Phantasie zum wichtigsten Reisebegleiter der jungen Sänger. Mit Raphael Alpermann, dem Cembalisten der Akademie für Alte Musik Berlin, steht ihnen ein ebenso kundiger wie feinfühliger Lotse zur Seite. Sein studentisches Ensemble Concerto plus 14 teilt Alpermann in drei Continuo-Gruppen auf, die die zentrale Spielfläche rahmen. Nah und individuell sollen sie die Sänger tragen, denn zusammen gibt es für das Orchester gerade mal zehn Minuten Musik zu spielen. Etwa wenn ein Tanz die Figuren aus ihrer Isolation reißt und das Leben ewig weiter strömen will, ungehindert von Bindungen und Besitz. Alpermann bevorzugt die Milde, wo man auch ätzende musikalische Charakterisierungen herauslesen könnte. Er öffnet seinen Sängern Möglichkeiten, sich wohl zu fühlen mit ihrer Stimme, egal wie erbarmungslos die zwischen Liebestollheit und Terror schwankende Handlung an den Figuren zerrt.

Die Regisseurin Arila Siegert kommt vom Ausdruckstanz. „Die Krönung der Poppea“ hat sie weitgehend ihrer göttlichen Verweise entkleidet. Fortuna, Tugend und Amor statuieren bei ihr kein Exempel dafür, wer im Himmel wie auf Erden wirklich das Sagen hat. Allein mit einem Netz, einer Grube und einem Vorhang gerüstet, wagt sie sich in einen Liebeskampf, den Monteverdi grausam ausleuchtet, bis verbannt oder tot ist, wer sich Poppeas Aufstieg auf den Kaiserthron noch widersetzen könnte, und Nero seine vormalige Gattin zu den Fischen schickt. „Ich bin dein, dein bin ich, meine Hoffnung, sag es, sage, dass du mein Abgott bist. Ja, mein Lieb, mein Herz, mein Leben, ja.“ So singen Nero und Poppea am Ende, aufleuchtend wie eine Sternschnuppe, untrennbar aufeinander gebannt wie Spiegel und Bild.

Obwohl nicht alle ihre Bewegungsangebote verfangen, gelingt es auch der Regisseurin, das Sängerensemble in ein poetisches Licht zu rücken. Wo soll man anfangen zu schwärmen? Aurélie Francks Porträt des Nero als erotischer Stadtneurotiker ist eine verblüffend reife Leistung, während Anna Gütters Poppea sich an die Grenzen der Schamlosigkeit heransingt. Julia Kirchner als verschmähte Ottavia beherrscht klassisches Pathos, Jérémie Brocard fühlt sich als Seneca mit seiner beweglichen Bassstimme hörbar wohl. Rupert Enticknap singt einen zart schmelzenden Ottone mit beweglichen Liebeszielen, Jin-Hee Lee dessen stets herztonhelle Drusilla. Bis in die kleinste Rolle gilt: Hier steht keiner im Regen. Und der Sommer ist noch lang. Ulrich Amling

Nächste Aufführungen am 26./27./29./30. Juli, 20 Uhr. Nächste Premiere in Rheinsberg: Rusalka, 5. August, 20.30 Uhr. Karten unter 033931/39296.

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