Kultur : „Ich bin der Kofi Annan der Oper“

Michael Schindhelm, Chef der Berliner Opernstiftung, über Sündenböcke, Symbole und Reformen

-

Herr Schindhelm, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat die Opernfrage in Berlin zur Chefsache erklärt. Wenn Michael Schindhelm seine Arbeit gut macht, so Wowereit, kann er bleiben. Ist das eine Begrüßung, die Sie freut?

Das ist keine Begrüßung, das ist die dritte Attacke des Regierenden Bürgermeisters in zwei Monaten. Ich zweifle mittlerweile daran, dass von seiner Seite überhaupt ein Interesse an Zusammenarbeit besteht. Die Art und Weise, wie Herr Wowereit meine Person wiederholt angegangen ist, kommt mir wie bossing vor. Ich sehe da wenig Bereitschaft, sich über die Probleme der Opernstiftung wirklich auseinanderzusetzen – die im Übrigen seit einem halben Jahr von mir deutlich benannt sind. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich meinen Auftrag zur Neujustierung des Opernstiftungsgesetzes als den Versuch verstehe, die drei Opern zu retten. Meiner Ansicht nach funktioniert das nur mit einer Streckung der Zuschussabsenkung. Wenn Herr Wowereit nun erklärt, im Koalitionsvertrag sei festgehalten, dass alles bleibt, wie es ist, dann finde ich das äußerst fragwürdig.

Hat er Ihnen den Stuhl vor die Tür gesetzt?

Ich sehe die Geschäftsgrundlage, auf der ich hier meine Arbeit machen soll, akut gefährdet.

Wann und wo haben Sie es sich mit Klaus Wowereit verscherzt?

In solchen Kategorien kann ich gar nicht denken, das klingt ja nach Marco Polo und dem chinesischen Kaiserhof. Natürlich kennt Klaus Wowereit meine Überlegungen und Vorschläge, wenigstens in groben Zügen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier von langer Hand nach einem Bauernopfer gesucht wurde. Wobei die Haltung innerhalb der SPD ausgesprochen ambivalent ist. Auf der einen Seite heißt es, wir wollen drei Opernhäuser in dieser Stadt erhalten, auf der anderen Seite weiß man, das Geld reicht nur für zwei. Das dritte Haus soll also an den Bund vermittelt werden. Ich gebe zu, dass das nicht Bestandteil meines Konzeptes ist und dass ich meinen Auftrag so nie verstanden habe.

Ist es ein Fehler, dass Sie mit Ihrem neuen Konzept so lange hinterm Berg halten?

Ich bin weder Generalintendant noch Kultursenator, ich bin als Generaldirektor ja nicht einmal der Vorsitzende, sondern lediglich ein Mitglied des Vorstandes. Wenn Sie so wollen, dann bin ich der Kofi Annan der Opernstiftung, mein Gestaltungsspielraum beschränkt sich auf die Tonlage in unseren Vorstandssitzungen. Insofern berührt es durchaus die Grenzen der Satzung, dass der Stiftungsrat im Mai mir allein den Auftrag zur Revision des Gesetzes erteilt hat und nicht dem gesamten Vorstand. Das war insofern sinnvoll, als im Vorstand auch die Intendanten der drei Häuser sitzen, von etwaigen Änderungen direkt Betroffene. Ich halte mich an Verabredungen: mit dem Stiftungsrat, mit Finanzsenator Sarrazin und dem scheidenden Kultursenator Flierl.

Sie sind der Gute – und werden dafür jetzt abgewatscht?

Ich glaube nicht, dass die Opernfrage moralisch beantwortet werden kann. Ich habe vor ziemlich genau anderthalb Jahren mit meiner Arbeit begonnen, übrigens in der festen Überzeugung, dass das lange vor mir und von Klaus Wowereit mit verabschiedete Konzept umsetzbar sei. In den darauffolgenden zwölf Monaten musste ich leider feststellen, dass dem so nicht ist. Vielleicht hätte ich das schneller erkennen müssen. Allerdings waren die Instrumente zur Analyse denkbar schwach: Weder die Deutsche Oper noch die Komische Oper verfügte über einen verantwortlichen Verwaltungsdirektor, die Zahlenlage war konfus. So geriet der gesamte Zeitplan frühzeitig ins Rutschen. Trotzdem haben wir auch viel erreicht. In den ersten vier Stiftungsjahren konnten wir getreu unserer Wirtschaftspläne insgesamt 7,6 Millionen Euro sparen, das Staatsballett wurde gegründet, und viele Zentralisierungsmaßnahmen – in der Verwaltung, im Bühnenservice – beginnen gerade jetzt zu greifen.

Warum ist der Generaldirektor der Stiftung mit so wenig Macht ausgestattet?

Ich neige nicht zur Paranoia, aber wenn ich mir die Dramaturgie der Zuschussabsenkungen ansehe, werde ich den Verdacht nicht los, dass hinter allem doch eine übergeordnete Absicht steht. Warum, so fragt man sich, musste die Opernstiftung in den ersten drei Jahren nur 20 Prozent der geforderten Gesamtsumme von 17 Millionen Euro einsparen und in den nächsten drei Jahren 80 Prozent? Und warum finden ausgerechnet in der Mitte dieser Zeit Wahlen statt? Der Hammer trifft uns also erst ab 2007, unter einem Kultursenator, der von vornherein sagt, alles bleibt beim Alten, und wenn diese 80 Prozent nicht erbracht werden, dann hat die Stiftung eben versagt.

Heißt das, Sie wurden von vornherein als Sündenbock etabliert – wenn eines Tages doch eine Oper geschlossen werden muss?

Die Tatsache, dass man mir unterstellt, ich würde meinen Auftrag nicht erfüllen, könnte man so interpretieren, ja.

Warum hat Sie das Ungleichgewicht der Sparpotenziale nicht früher stutzig gemacht?

Ich hätte das früher sehen können, das gebe ich gerne zu. Ich behaupte ja nicht, dass ich alles richtig gemacht habe. Wobei man eines nicht vergessen darf: Die Gründung der Opernstiftung war eine Notoperation. Gerade in der SPD gab es damals einen klaren Beschluss. Demnach sollte der Bund 20 Millionen des Kulturetats übernehmen, was er getan hat, und die Opernstiftung ihrerseits 17 weitere Millionen erwirtschaften. Wenn Letzteres nicht gelingt, gibt es eine Fusion zwischen Staatsoper und Deutscher Oper. Das war die Beschlusslage im Frühjahr 2003. Im Grunde gilt die jetzt wieder verschärft. Denn die Opernstiftung, so wie sie in Gang gekommen ist, hat ein Zeit- und ein massives Steuerungsproblem.

Wird es die Opernstiftung in zehn Jahren noch geben, in fünf, in zwei?

Es geht in Berlin um handfeste politische Auseinandersetzungen, da spielt die Opernstiftung allenfalls eine metaphorische Rolle. Schon vor einem Jahr haben führende SPD-Politiker erklärt, dass der desaströse bauliche Zustand der Staatsoper keineswegs nur von Nachteil sei, sondern vielmehr ein willkommenes Symbol darstelle für die Armut der Stadt Berlin. Diejenigen, die Ansprüche an den Bund erheben, haben ein vitales Interesse an solchen Symbolen. Das Karlsruher Urteil hat diese Lage nicht eben entspannt. Man meint das Ganze, man meint den Bund – und wickelt den Konflikt, verkürzt gesagt, über die Staatsoper ab.

Wie lassen sich mit den letztlich zur Verfügung stehenden 99 Millionen Euro in Berlin drei Opernhäuser betreiben?

Ich habe dazu sehr dezidierte, innovative Ideen. Innovativ meint, dass es durchaus möglich ist, etwas zu entwickeln, das nicht einfach nur billiger und schlechter ist, sondern über eine neue Physiognomie verfügt. Es gibt auch andere Freiräume für die Kunst als die, die sich über Geld definieren. In einem überschaubaren Zeitraum wäre es möglich gewesen, bestimmte Strukturveränderungen in der Opernstiftung einzuleiten – Veränderungen, die immer wieder angemahnt worden sind und die auch den Inhalten Rechnung tragen. Die Frage, ob und wozu Berlin drei Opernhäuser braucht, ist ja nicht nur mit Zahlen zu beantworten. Das hat ungeheuer viel mit der Großhirnrinde dieser Stadt zu tun, mit ihrer Tradition, mit Gedächtnis und Zukunft. Auch mit dem Verdampfen von Hochkultur und wie wir dem konstruktiv Einhalt gebieten wollen.

Wenn Sie so genau wissen, wie es geht oder wie es ginge, dann könnte Wowereit mit Ihrer Arbeit doch hochzufrieden sein.

Das kann er in dem Moment nicht, in dem er auf dem alten Konzept beharrt, auf den besagten 80 Prozent, und das übrigens vor dem Hintergrund eines Kündigungsschutzes für das nicht künstlerische Personal bis 2009! Friss oder stirb? Das ist für mich sicher keine Perspektive.

Das Gespräch führten Christine Lemke-Matwey und Rüdiger Schaper.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben