Kultur : „Ich bin die Musik“

Christoph Schlingensief probt Richard Wagners „Parsifal“ – ein Gespräch über singende Leichen und die Firma Bayreuth

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Herr Schlingensief, kommt Ihnen Wagners Narzissmus bekannt vor, der Größenwahn, die Berauschung am eigenen Genie, die Selbstinszenierungen? Kennen Sie das von sich selbst?

Natürlich. Das Pendeln zwischen Selbstüberschätzung und Depression kenne ich. Und hier in Bayreuth wird das Genie im Mausoleum gefeiert als einer, der nur aus sich selbst geschöpft hat. Der Mann hat mit Frauen seiner Geldgeber rumgevögelt, er wurde von einem Bekloppten aus Bayern finanziert. Die schönste Idee von Wagner finde ich, für eine Oper ein eigenes Opernhaus zu bauen, eine einzige Aufführung zu machen und danach das Haus samt der Partitur zu verbrennen.

Sie lagen während der Proben für einige Tage mit Gallenproblemen im Krankenhaus. Macht Bayreuth krank?

In den Krisen fühlte ich mich, als wäre ich eingekesselt in einem Bunker. Das Festspielhaus könnte die Zentrale der Angst werden, die Kathedrale der Church of Fear. Sag Ja zu deiner Angst, Wolfgang Wagner. Ich hatte das Gefühl, ich bin Jack Nicholson in Kubricks Film „Shining“, der durch die Gänge des riesigen, leeren Hotels läuft und sich plötzlich auf einem Bild wiederentdeckt. Vielleicht bin ich schon tot, und das Bild ist eine Erinnerung an das letzte Leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich nach „Parsifal“ Krebs kriege, wie Heiner Müller.

Kundry, Amfortas, Titurel – alle wollen sterben in „Parsifal“. Für Einar Schleef besteht das „Parsifal“-Personal aus lauter Zombies und Figuren aus Splatter-Filmen, die von ihrer eigenen Verwesung singen.

Genau so ist es. Die sind alle tot. Das sind Leichenberge auf der Bühne im letzten Akt. Singende Leichen. Du musst die eigene Verwesung akzeptieren, um leben zu können. Darum geht es im „Parsifal“. Man sieht Gurnemanz, diesen alten Mann, der schon wieder dieselbe Story singt, das ist ein Untoter. Robert Holl, der den Gurnemanz singt, ist mittlerweile selbst Gurnemanz geworden, einfach weil er ihn schon 200 Mal gesungen hat. Das hat eine unglaubliche Kraft. Alles was er singt, beglaubigt er durch seinen Körper, absolut großartig. Robert Holl ist der Link, die Verbindung zu 120 Jahren „Parsifal“-Aufführungsgeschichte und zu 2000 Jahren Menschheitsgeschichte. Am Ende ist das eine Gestalt wie Moses. Immer wenn bei Wagner die Handlung nicht weitergeht, kommt einer und erzählt, wie es früher war. (singt laut:) „Titurel, der große Held...“ Lauter Echos aus der Vorgeschichte.

Ist das eine Totenfeier?

Der „Parsifal“ hat die Struktur einer Nahtod-Erfahrung. Vielleicht läuft das alles im Kopf eines einzigen Menschen ab. Das Gehirn entleert sich, alle Bilder, die es gespeichert hat, flackern noch einmal auf, alles liegt offen vor einem, ohne dass man darin eine Ordnung erkennen muss. Gestern auf der Probe sind mir dreimal die Tränen in die Augen geschossen, weil mich die Bilder so berührt haben. Wenn ich einen Film mit einem toten Hasen sehe, berührt mich das und sei es nur, weil ich darin meinen eigenen Tod sehe.

Es gab Konflikte mit der Festspielleitung, weil Sie mit Film- und Dia-Projektionen arbeiten?

Was Richard Wagner macht, sind blitzschnelle Wechsel. Eigentlich sind das Projektionen und filmische Montagen.

Und seine Musik liefert den Soundtrack für große Monumentalfilme?

Alle sagen immer, seine Opern seien pures Hollywood-Kino. Aber das stimmt nicht. Bei den Proben ohne Orchester spielt der Korrepetitor am Klavier, und dann wird die Wagner-Musik zu Stummfilmmusik, das ist irre. Die Stummfilm-Schauspieler konnten enorme Gesten und Bewegungen machen. Das wäre ideal für eine Wagner-Inszenierung. Das Problem ist aber, dass die Stimme darunter leidet, wenn die Sänger körperlich in solche Extreme gehen.

Bei Ihren Theaterarbeiten sind Sie selbst auf der Bühne: Jede Ihrer Aufführungen hat etwas von einem persönlichen Statement. Bei „Parsifal“ können Sie nur zusehen. Ein Problem?

Überhaupt nicht. Ich bin die Musik.

Aha.

Ich behaupte, dass meine Bilder von der Musik erzeugt sind. Wenn man inszeniert, will man ja mit den Menschen und den Situationen malen. Die Musik holt die Bilder hervor, das ist das Tolle. Ich will nicht, dass meine Bilder sich einfach über die Oper legen und bloß Dekoration sind. Der Sog, der durch die Bilder entsteht, nimmt den Sog der Musik auf. Es ist langweilig, wenn alle behaupten, sie wüssten ja, wie Richard Wagner es gemeint hat. Die erklären einem dann, der Speer muss genau dann fliegen, wenn die Harfe einsetzt. Und dann gibt es die anderen, die sagen, der Speer fliegt gar nicht, oder der Speer ist ein Dildo. Das kann es nicht sein. Eine Totenfeier für Richard Wagner ist mir lieber als jedes Jahr zu zeigen, wie aktuell der eigentlich noch ist. Dieser Beweis muss gar nicht angetreten werden: Wagners Musik wird sowieso bleiben. Dass in Bayreuth die Musik nicht angetastet werden darf, war nie mein Problem.

Ist Bayreuth ein Sanierungsfall?

Das weiß ich nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich oft eine Art McKinseyUnternehmen bin. Wenn Systeme anfangen zu bröckeln, werde ich gerne bestellt. Mich bestellt man nicht wie einen Blumenstrauß zum Firmenjubiläum, sondern eher, wenn die Firma einen Sargnagel braucht. Dann komme ich noch mal mit einer Umstrukturierungsmaßnahme.

Mit welcher Ware handelt die Firma Bayreuth?

Man sitzt da drin und fordert das große Wagner-Erlebnis mit Wiedererkennbarkeitsgarantie: Jetzt kommt hier gleich die Träne, jetzt kommt der Erlösungsorgasmus, pünktlich auf die Minute im dritten Akt. Wenn der jetzt nicht kommt, bin ich ganz schön sauer. Viele Zuschauer kultivieren die Haltung: Ich habe länger auf den „Parsifal“ gewartet, als Wagner brauchte, um ihn zu komponieren. Die fordern die ultimative Erlösung, so wie ich in Zürich bei „Atta Atta“ den Reisekoffer der Erlösung hatte. Am Ende saß ich mit der Beuys-Figur, einem Kreuz, einem Lamm und einer Kaffee-Kanne herum und habe gesagt: „Das ist mein Erste-Hilfe-Koffer der Erlösung.“ Genau so einen ErsteHilfe-Koffer erwarten die „Parsifal“-Besucher. Aber den gibt es nicht.

Ein Satz von Wagner lautet: „Ich habe das unsichtbare Orchester geschaffen. Jetzt muss ich noch das unsichtbare Theater schaffen.“ Was bedeutet das für Sie?

Richard Wagner gibt extrem viele, detaillierte Regieanweisungen, aber damit stiftet er eher Verwirrung. Für Klingsors Schloss zum Beispiel verlangt er eine „nekromantische Vorrichtung“. Das sind seine Fantasien. Die Bühne löst sich auf, sie bleibt ein ständiges Rätsel, weil sie eigentlich wie die Musik funktioniert. Das verhindert einfache Lösungen. Man kann sich hinterher nicht zufrieden zurücklehnen und sagen, den „Parsifal“ haben wir heute mal als Kriegsspektakel auf die Bühne gebracht.

Und wie ist es mit der religiösen Fantasie?

Auch den Dreisatz Speer-Jesus-Erlösung gleich Feierabend will ich nicht. Beim Karfreitagszauber passieren ganz schizophrene Sachen. Gurnemanz singt plötzlich (singt lauthals): „Kar...frei...tags...zauber“. Bedrohlich, apokalyptisch, Untergang. Und dann: „Nun freut sich alle Kreatur“ – ausgerechnet am Karfreitag! Weshalb soll ich so ein Rätsel auflösen? Lieber mache ich ein Bild wie eine Mischung aus Mathew Barney, Ed Wood, David Lynch und Schlingensief. In den besten Filmen von David Lynch denkt man: Was ist in dieser Stadt los, was ist das für eine gespenstische Stimmung? Ich verstehe es nicht, aber es zieht mich rein. Da sind Geräusche unter der Erde, irgendetwas rumort. Und das rumort auch in „Parsifal“.

Sie waren in Afrika und in Nepal, um sich auf diese Inszenierung vorzubereiten.

In Nepal, in Bhaktapur, werden jedes Jahr die Toten durch die Stadt getragen werden. In Bayreuth wird jedes Jahr Richard Wagner geehrt mit einem Totenritual, ähnlich wie in Bhaktapur. Allerdings verwischen in Bhaktapur die Grenzen zwischen den Toten und den Lebenden, das schafft Bayreuth noch nicht. In Nepal hat jede Familie ihren eigenen Hausgott. Das macht mich als Katholiken wahnsinnig, diese vielen Götter. Von oben betrachtet ist das ein großer, organischer Körper, ein harmonischer Haufen von vielen Menschen, die ihre Toten ehren. Ich glaube, die Verwirrung der Figuren in „Parsifal“ ist so ähnlich wie die Totenfeier in Bhaktapur, samt dem Durcheinander der vielen Götter. Wagner hat sich für Buddhismus interessiert. Vielleicht braucht man heute Voodoo, um mit ihm Kontakt aufzunehmen. Kundry hat schon Tausende Menschen sterben gesehen, sie hat auch schon viele ins Messer laufen lassen. Vielleicht kommt sie aus Afrika, oder sie ist Gloria Swanson, eine Stummfilmgöttin. Vor allem wohnt sie im Gral. Die Tradition sagt, dass es keine Frauen im Grals-Tempel gibt, weil sie schmutzig seien. Deshalb muss man vielleicht eine afrikanische Fruchtbarkeitsgöttin in den Gral setzen, zwischen all diese impotenten oder kastrierten Männer.

Wagner zitiert in seinem „Bühnenweihfestspiel“ christliche Rituale wie das Abendmahl. Alle Figuren in „Parsifal“ erzählen von ihrer Sehnsucht nach Erlösung.

Es gibt diese Kraftfelder in der Kunst. Wenn es in Richtung Rätsel geht, in Richtung Ritual, ob Voodoo oder eine katholische Messe, entsteht eine Kraft, die es mir ermöglicht, mich zu öffnen – im Guten wie im Schlechten. Das schafft auch Wagners Musik. Sie kann Adolf Hitler erwecken, der nach „Rienzi“ das deutsche Volk erlösen will, sie kann mich aber auch befrieden und zu mir selber führen. Vor drei Jahren hätte ich mit einer Oper vielleicht erreichen wollen, dass in der Pause die Revolution ausbricht. Heute bricht die Religion aus, ohne dass ich etwas tue.

Wollen Sie nach diesem nicht unkomplizierten Debüt weiter Opern inszenieren?

Unbedingt. Am liebsten Wagner oder Stockhausen in Brasilien, in diesem leerstehenden Opernhaus im Urwald. Oder in Tokio. Ich will in einem Land arbeiten, dessen Sprache ich überhaupt nicht verstehe. Das Tolle an der Oper ist, dass die Musik mir den Lageplan vorgibt. Ich kann auch in die Schlucht fallen, aber das macht nichts. Die Musik trägt mich.

– Das Gespräch führte Peter Laudenbach.

„PARSIFAL“ ,

Schlingensiefs erste Opernarbeit, hat am Sonntag, den 25. Juli, in Bayreuth Premiere. Es dirigiert Pierre Boulez , in den Hauptrollen singen Endrik Wottrich (Parsifal), Alexander Marco-Buhrmester (Amfortas), Michelle de Young (Kundry) und Robert Holl (Gurnemanz).

DER

REGISSEUR,

43, Apothekersohn aus Oberhausen, wurde bekannt durch Filme wie „Die 120 Tage von Bottrop“ oder „Das Deutsche Kettensägenmassaker“. Zu seinen Theateraktionen zählen „Hundert Jahre CDU“, „Rocky Dutschke ’68“ und „Atta Atta“ an der Berliner Volksbühne und „Ausländer raus“ bei den Wiener Festwochen. Zur Bundestagswahl ’98 trat er mit der Kunstpartei „Chance 2000“ an, bei der Kunstbiennale in Venedig 2003 gründete er die „Church of Fear“ .

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