Kultur : Ich bin die Party

Beinahe-Star seit 20 Jahren: Bernd Begemann zieht mit neuer CD Bilanz

Christian Schröder

Den Audi mit den Initialen BB im Hamburger Kennzeichen gibt es nicht mehr. Jahrelang war Bernd Begemann mit ihm auf deutschen Autobahnen unterwegs, seine Gitarre und Reisetasche auf der Rückbank, im Kofferraum ein Verstärker. „Bleib zu Hause im Sommer“ hieß ein Fernseh-Dokumentarfilm, in dem man den „elektrischen Liedermacher“ durch die Nacht flitzen sehen konnte. Am Ende, der Motor hatte 398 000 Kilometer geschafft, hat eine Werkstatt den Audi „nicht mehr vom Hof gelassen“. Seitdem fährt Begemann einen silbernen VW-Touran. „Ein komfortables Auto“, sagt er. „Meinen Sex-Appeal hat es allerdings dramatisch schrumpfen lassen. Jeder zweite Wagen auf deutschen Autobahnen ist ein silberner Touran.“

Die Transportmittel mögen sich ändern, aber Begemanns Mission ist geblieben: die Menschen mit seiner Musik emotional zu entzünden, sie zum Jubeln, Tanzen, Schwitzen zu bringen. Er hat Gassenhauer („Oh, St. Pauli“) und Songs über merkwürdige Paarungen („Zweimal zweite Wahl“) im Repertoire, er besitzt einen weißen Showanzug und macht sich auf der Bühne gerne zur Rampensau. Fünfzig Soloshows gibt er im Jahr und fünfzig Konzerte mit seiner Band „Die Befreiung“. Auftritte bei Hochzeiten, Geburtstagen und Hauseinweihungen, für die man ihn buchen kann, sind da noch nicht mitgezählt. „Großartig“ findet er die Sessions in privatem Ambiente. Schließlich gehöre es zur „Grundexistenz des Musikers, Gemeinschaft zu konstituieren“. Ein Pop-Handlungsreisender, der eisernen Showbiz-Maximen folgt: „Ihr seid die Party, das, worum es geht. Ich bin derjenige von außen, der euch das Gefühl gibt, drin zu sein.“

Bernd Begemann ist seit zwanzig Jahren in der Branche, er lässt sich nicht unterkriegen. Sein erstes Album mit der Band „Die Antwort“ erschien 1987, mit seinen Beat-Schlagern nahm er lange Zeit zwischen Blumfeld, den Sternen und Tocotronic die Rolle des Pausenclowns in der theorielastigen „Hamburger Schule“ ein. Jochen Diestelmeyer von Blumfeld und Frank Spilker von den Sternen kennt er seit seiner Jugend in Ostwestfalen, wo er als adoptiertes Tierarzt-Einzelkind in Bad Salzuflen aufwuchs. Inzwischen ist Begemann 42 und ein Veteran der deutschen Independent-Szene. Seine Musik wird von FAZ bis zur „Brigitte“ gelobt. Er füllt keine Stadien, aber ein paar Hundert Leute kommen immer zu seinen Konzerten. „Produktiv zu sein, experimentieren zu können, den begonnenen Weg weiterzugehen und damit mich und meine Familie versorgen zu können, das ist meine Art von Erfolg“, sagt er.

Mit seiner neuen CD „Ich werde sie finden“ zieht der Sänger Bilanz. Die 19 Stücke des Albums fügen sich zu einer verschlüsselten Autobiografie, sie sind laut Begemann „unterirdisch miteinander verbunden“ und sollen zusammen nicht weniger als „ein Pop-Singspiel“ ergeben. Es geht um pubertäre Sehnsüchte und den Aufbruch aus der Provinz, um die Anfechtungen der Liebe und das Ankommen in gesicherter und öder Normalität. „Wir sind 15 und wir werden nicht zusammenbleiben“, singt Begemann im Auftaktsong zu den perlenden Akkorden seiner E-Gitarre.

„Auf den schwarzen Schwingen der Nacht“ klingt wie ein Chanson aus Vorkriegsjahren, „Flackernder Straßenrand“ ist das Protokoll einer Nachtfahrt durch die Republik: „Und dort auf dem Parkplatz vor der Großraumdisco Deephouse in Diepholz / Dort pissen sie das Bier von der Tanke gegen den Waschbeton / Und dort hockt etwas Böses bei der Bushaltestelle vor dieser fast abbezahlten Siedlung.“ Es gibt Backgroundchöre im Beach-Boys-Stil („Haltlos“) und ein hinreißendes Liebesduett („Irgendwie klappt es mit uns“). Mit seinem Spott über ein schwedisches Möbelhaus („Wir sind alle in der IKEA-Falle“) rennt der Entertainer allerdings offene Türen ein, und zum Ende hin hätte er den ein oder anderen uninspiriert vor sich hinpluckernden Elektrotrack besser weggelassen.

Einen Großteil seiner bisherigen Platten hatte Begemann in seiner Wohnung in Hamburg-Rothenburgsort aufgenommen, die er 15 Jahre lang hatte. Mittlerweile lebt er mit Freundin und zweijähriger Tochter in Altona. „Ich werde sie finden“ hat er solo und mit Band in wechselnden Wohnräumen und im Kellerstudio des Produzenten Thys Mynther eingespielt. Nebenher schrieb er die Musik zu zwei Kinofilmen. „Schröders wunderbare Welt“ ist das neue Werk von „Schultze Gets The Blues“-Regisseur Michael Schorr. Und im Debütfilm „Die Autopiloten“ spielt Manfred Zapatka einen abgehalfterten Schlagersänger, der durch Möbelhäuser tingelt. Bernd Begemann ist noch nie in einem Möbelhaus aufgetreten. Zu geringer Party-Faktor.

„Ich werde sie finden“ erscheint heute bei Begafon/Indigo.

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