Kultur : Ich bin ein Feminist, Madame

Eine Autobiographie, eine Lesung und viele Fragen: der Fotograf Helmut Newton zu Gast in seiner Geburtsstadt Berlin

Christina Tilmann

Das Schreiben ist seine Sache nicht, das Lesen auch nicht: Helmut Newton ist ein Mann des Auges. Vergnügt sitzt er auf dem Podium des Renaissance-Theaters, blinzelt ins Publikum, wippt mit dem Fuß im weißen Turnschuh und beschränkt sich darauf, ab und zu den Diaapparat zu justieren. Das Reden hat Simon de Pury übernommen, Co-Chef des Auktionshauses Phillips, de Pury & Luxembourg. Er liest, mit kaum merklichem französischen Akzent, Abschnitte aus Newtons soeben erschienener Autobiographie und soll alsdann die Rolle des Moderators übernehmen.

Allein: Nicht nur Newton wippt mit dem Schuh, auch das Publikum scharrt fast hörbar mit den Füßen. Sie wollen fragen, sie wollen wissen, sie wollen diskutieren. Fans sind gekommen, junge Fotografen, alte Freunde wie der Sammler Heinz Berggruen. Spätestens seit der großen Retrospektive vor zwei Jahren in der Neuen Nationalgalerie ist Newton in Berlin endgültig als Weltstar bekannt. Und so wurde aus dem, was zunächst als „Berliner Lektion“, dann als Zwiegespräch angekündigt war, innerhalb kürzester Zeit eine lebhafte Diskussion .

Und das war gut: Denn Newtons unermüdlicher Berliner Witz, sein Schalk, sein Charme kommen in den kurzen Antworten am besten zum Tragen. Ein Zuschauer erzählt, dass er in der Schlüterstraße, im ehemaligen Atelier von Newtons Lehrerin Yva, übernachtet habe: „Sie schlafen in heiligen Räumen“, kontert der noch heute dankbare Schüler. Was er zur feministischen Kritik an seinem Frauenbild sage, wird der 82-Jährige gefragt: „Ich glaube, ich bin ein Feminist“, ist die Antwort. Ob er sich noch einmal vorstellen könne, in seiner Geburtsstadt Berlin zu leben: „Leben möchte ich hier nicht mehr. Es ist zu kalt.“ Ob er in seinen Porträts politisch Stellung beziehe: „Ich bin kein Richter. Ich versuche, Zeuge zu sein. Aber ich glaube, man sieht den Bildern an, wen ich liebe und wen nicht“, antwortet der Mann, der Le Pen, Leni Riefenstahl, Helmut Kohl und Gerhard Schröder fotografierte. Und als de Pury noch wissen will, was aus Newtons reichem Fotoarchiv wird, das schon einmal, als das „Deutsche Centrum für Fotografie“ noch mehr war als nur ein Etikett, fast für Berlin gewonnen war, lacht der nur trocken auf: „Mein Name ist Hase. Ich weiß von nichts.“

Von den Pointen, dem trockenen Witz lebt auch die Autobiographie, von deren Entstehen Festwochen-Chef Joachim Sartorius ein Prozent, Simon de Pury etwas mehr und Ehefrau June Newton sicherlich das meiste zuzurechnen ist. Newton erzählt von den Jugendjahren als verwöhnter Bürgerssohn im Grunewald, der Lehrzeit bei Yva, der Emigration über Singapur nach Australien, von ersten Erfolgen und Aufträgen. Und er erzählt von Frauen, von den „Mädels“ und „Damen“, die er geliebt und fotografiert hat. Das liest sich, Newton ist kein Mann des Wortes, manchmal allzu anektdotisch. Doch wer den Fotografen einmal erlebt hat, seinen Ton im Ohr hat, der liest es gern.

Helmut Newton: Autobiographie. C. Bertelsmann Verlag, München 2002, 24,90 €.

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