Kultur : Ich bin ein Feminist

In Ihren früheren Filmen haben Sie mit Ihrem

In Ihren früheren Filmen haben Sie mit Ihrem Ruf als Provokateur kokettiert. In "Unter dem Sand" schlagen Sie sehr viel sanftere Töne an.

Ich habe nie mit dem Image kokettiert, provokant zu sein. Ich habe die Filme gemacht, auf die ich Lust hatte. Zufällig wichen sie etwas vom traditionellen, freundlichen Bild des französischen Kinos ab, vor allem im Ausland. In Frankreich wurde nur "Sitcom" als ein wenig provokant angesehen. "Unter dem Sand" ist für mich eher eine Weiterentwicklung.

Vielleicht auch Ihr mutigster Film. Sie verstecken sich einmal nicht hinter Verfremdung oder Ironie.

Und dabei sagten am Anfang alle: So ein Stoff wird keinen interessieren, das ist ein Film für Alte - warum wollen ausgerechnet Sie so etwas machen? Der Erfolg in Frankreich hat mir nachträglich recht gegeben.

Sie haben sehr unkonventionell gearbeitet.

Ich habe die ersten 20 Minuten im September gedreht, die Dreharbeiten dann unterbrochen und den Schnitt gemacht. Den Rest habe ich erst danach geschrieben. Den Anfang haben wir den Geldgebern gezeigt. Auch da fanden sie noch, er sei zu düster. Die Leute stecken einen immer in Schubladen. Das Schreiben dann war ein work in progress - künstlerisch toll, finanziell aber ein Alptraum. Zeitweise dachten wir, das bleibt ein Kurzfilm, mit offenem Ende.

Was hat Sie zu der Geschichte inspiriert?

Eine Kindheitserinnerung. Einmal in den Ferien gab es da ein holländisches Ehepaar, so um die 60. Der Mann ist baden gegangen und nie zurückgekommen. Wir sahen seine Frau und die Hubschrauber. Danach verließ die Frau mit den Sachen ihres Mannes den Strand. Meine Geschwister und ich hatten danach überhaupt keine Lust mehr zu baden. Ich habe mir immer die Frage gestellt: Was hat diese Frau danach getan?

Ihre Filme verursachen bewusst eine Art Unwohlsein. Misstrauen Sie der Harmonie?

Ich erwarte von einem Film, dass er mich erschüttert, mich verändert, dass ich anders aus der Vorführung herauskomme. Ich möchte im Film auch von den Bösen angezogen werden. Es ist schön, die Zuschauer in Zonen zu führen, in die sie vielleicht nicht vordringen möchten, die nicht schmeichelhaft sind. Auch "Unter dem Sand" soll beunruhigen - als Geschichte einer Frau, die sich in eine imaginäre Welt flüchtet. Das sind Dinge, denen man sich nicht gerne stellt.

Sie setzen auch oft auf unterschwellige oder offen zutage tretende Grausamkeit zwischen den Figuren.

Mit seinen Figuren grausam zu sein, bedeutet ja nicht, dass man sie nicht mag. Im Gegenteil, damit ermöglicht man ihnen, in all ihrer Komplexität zu existieren. Sehr angenehm mit Charlotte Rampling war, dass sie alle Facetten ihrer Figur akzeptiert hat. Das macht sie auch anrührend. Komplexität ist näher am Leben dran.

Hätten Sie den Film auch ohne Charlotte Rampling gemacht?

Ich wollte eine Schauspielerin, die es akzeptiert, als 50-Jährige gefilmt zu werden. Ich wollte sie nicht filtern, ihre Falten verstecken. Ich habe sofort an Charlotte gedacht. Sie ist eine sehr schöne Schauspielerin, man hat sie schon länger nicht mehr gesehen. Außerdem habe ich in ihr, ohne sie persönlich zu kennen, einen inneren Riss erkannt. Dann habe ich ihr die ersten 20 Minuten erzählt. Sie fragte mich, was danach passiert und ich antwortete ihr, ich weiß es nicht. Da hat sie gelacht. Ich habe ihr von Anfang an gesagt, dass sie im Badeanzug gefilmt werden würde. Sie sagte, kein Problem.

Sie lieben literarische Leitmotive - früher Rimbaud und Heine, diesmal Virginia Woolf. Sollen die Figuren sich über den Umweg der Fiktion ihrer Situation bewusst werden?

Heines "Lorelei" habe ich von Fassbinder übernommen. Bei "Unter dem Sand" war wichtig, dass die Hauptdarstellerin als englische Professorin in Frankreich lebt. Außerdem hat sich Virginia Woolf durch Ertränken umgebracht. Und es war schön, Charlotte Rampling Virginia Woolf auf englisch sprechen zu hören.

Sie stellen Frauen immer sehr selbstbewusst dar, in ihren Sehnsüchten und Wünschen.

Ich mag starke Frauenfiguren. Ich muss ein Feminist sein. Dabei wirft man mir manchmal Misogynie vor. Männer sind bei mir oft ziemlich passiv, werden manipuliert. Oder sie sind Sadisten. Aber ich habe darüber nicht wirklich nachgedacht.

Sie drehen sehr schnell, einen Film pro Jahr, wie Woody Allen. Sind Sie süchtig?

Fassbinder drehte sieben Filme pro Jahr. Ich könnte noch mehr drehen, kann es aber nicht wegen der Werbung. Wenn man Filme zu schnell hintereinander herausbringt, kommt das Publikum nicht mit. Ich muss mich etwas beruhigen.

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