Kultur : Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt

Zerfurchtes Leben: Eine Ausstellung erinnert an den Dichter und Anarchisten Erich Mühsam

Thomas Thiel

Man kann nicht auf alles eine Antwort finden, jedenfalls nicht auf das Leben des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam. Ist er immer einen Schritt zu weit gegangen, hat er die Nuancen verfehlt? Hätte er besser leben können, ohne seine Ideale zu verraten? Will man Mühsam auf einen Nenner bringen, gerät man immer wieder an den gleichen Begriff: Anarchie. Anarchismus liegt nicht im Trend. Mühsam ist deshalb in Vergessenheit geraten. Das Lexikon bringt nur knappe Stichworte zu ihm. Eine Ausstellung über ihn gab es noch nie. Doch manchmal kommen kalendarische Äußerlichkeiten zu Hilfe: Die Lübecker Erich-Mühsam-Gesellschaft nimmt den 125. Geburtstag des Dichters zum Anlass einer großen Mühsam- Schau, die erfolgreich in München und Lübeck gastierte und jetzt – leider nur kurz – in der Landesvertretung Schleswig-Holsteins zu sehen ist. Sie führt an die Stationen eines zerrissenen Lebens und zeichnet ganz nebenbei die schwierigste Periode der deutschen Geschichte nach: Mühsams Kindheit und Jugend in der Lübecker Bürgersfamilie, sein Bohème-Leben in Schwabing und Berlin, seine politische Agitation in der Münchner Räterepublik bis hin zu den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes.

Am Anfang steht das unverstandene Kind: Sein Vater erzieht den kleinen Erich mit unerbittlicher Strenge. Regelmäßig holt er den Rohrstock hervor. Für die literarischen Neigungen seines Sohnes hat er nur Unverständnis. Früh zieht Erich Mühsam daher aus der Enge des bürgerlichen Elternhauses, um in der Berliner und Schwabinger Bohème sein Freiheitsideal zu verwirklichen. Doch sein Herz schlägt zu weit links, um sich auf Dauer den rauschenden Künstlerfesten und der intellektuellen Spielerei hinzugeben. Seine Freundschaft mit dem Schriftsteller und Anarchisten Gustav Landauer infiziert ihn mit dem Gedanken der proletarischen Revolution. Es ist ein gewaltloser Anarchismus, den Landauer predigt. Mühsam produziert eine Flut von Traktaten und Gedichten: „Ich bin ein Stern, der seinen Gott erhellt; / der seinen Glanz in dunkle Seelen stellt; / der einst in fahle Ewigkeiten fällt.“ Er dichtet ekstatisch und wild: Stampfend und monoton der Rhythmus seiner Gedichte, das Fragile der Poesie immer dem hämmernden Takt der revolutionären Propaganda untergeordnet. Die Kunst kann Mühsam kein Selbstzweck sein. Sie muss dem sozialen Gedanken dienen, der revolutionären Tat. Für die künstlerische Avantgarde seiner Zeit hat er nur Verachtung: „Das expressionistische Gelall dient allenfalls dem Modernitätsbedürfnis der Bourgeoisie.“ Zum Künstler wird er nie. Als politischer Agitator weiß er seine sprachliche Wucht besser einzusetzen.

Der politische Unruheherd am Ende des Ersten Weltkrieges ist Mühsams Hochzeit. Man sieht ihn als wortgewaltigen Rhetoriker vor den revolutionären Massen. Mit struppigem Kopfhaar und stechendem Blick, er, der Feind aller Friseure, ein Anarchist bis in die Haarspitzen: „Die Forderungen an die Welt müssen so schroff wie möglich gestellt werden.“ Wer es derart frontal auf die Wirklichkeit abgesehen hat, muss auf seine Bestrafung nicht lange warten. Als treibendes Element bei der Ausrufung der Räterepublik wird Mühsam nach deren Sturz verhaftet und mit der Höchststrafe belegt: Fünf Jahre verbringt er in Festungshaft. Wieder auf freiem Fuß, bleibt ihm die Weimarer Republik fremd. Die Sozialdemokratie ist ihm verhasst. Ihre Unentschiedenheit, ihr Taktieren widerspricht seinem radikalen Credo: „Was nicht lebensfähig ist im Geiste der Revolution, muss fort! Kompromisse, Halbheiten, Zaghaftigkeiten dürfen nicht geduldet werden. Nichts aufgeben vom idealen Ziel.“

Erich Mühsam ist ein Revolutionär des Herzens: Er analysiert nicht wie Marx die sozioökonomischen Strukturen. Er denkt nicht in großen Entwürfen. Nie erstarren seine Traktate und Reden zu kalter Theorie. Die spontane Tat und der individuelle Rebellionswille sind es, die Mühsam vorantreiben und hoffnungslos im Gefüge der Macht verstricken. Wie alle Anarchisten glaubt er, dass das ursprüngliche, reine Wesen des Menschen unter staatlichen Systemen und gesellschaftlichen Mechanismen verschüttet liegt. Und er glaubt an die Möglichkeit, es durch radikale Aktionen zurückzuerlangen. Er hasst den Staat und will ihn zerstören. Doch er denkt nicht zu Ende: Wie soll das Zusammenleben im Zeitalter der Massen ohne Institutionen zu lenken sein?

Als Hitler an die Macht kommt, ist der Jude und Rebell einer der ersten, die aus dem Weg geräumt werden. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in wechselnden Internierungslagern, in Plötzensee, in Brandenburg, in Oranienburg. Trotz aller Repressalien verlässt ihn sein unbändiger Lebenswille nicht. Noch kurz vor seinem Tod schreibt er seiner Frau von seinen Zukunftsplänen und seiner Hoffnung auf einen Neubeginn. 1934 findet man Erich Mühsam aufgehängt im Abort des KZ Oranienburg. Seine Ohrmuscheln zerquetscht, die Daumen verrenkt, seine Zähne eingeschlagen. Alle äußeren Anzeichen sprechen gegen einen Selbstmord.

Ein zerfurchtes, ein sperriges Leben. Keines, das man nachahmen, sondern eines, vor dem man davonlaufen möchte. Aber es ist zu fordernd in seinen Idealen, in seiner Unbeugsamkeit, in seinem Lebensmut trotz aller Widerstände, um darüber hinwegzugehen. Erich Mühsam lebte in dem feurigen Glauben, seine Ideale über die gesamte Menschheit ausbreiten zu können. Er teilte ihn mit manchem seiner revolutionären Zeitgenossen. Die Horizonte von heute sind kürzer und die Selbsteinschätzung nüchterner. In hoch spezialisierten Gesellschaften verliert sich der Glaube, als Einzelner Großes bewirken zu können. Was soll man von Erich Mühsam noch lernen? Die Millionen Automatismen des Alltags durchbrechen. Sich den fraglos hingenommenen Anmaßungen, Vereinnahmungen, Über- und Unterordnungen widersetzen. Das ist Mühsams Botschaft für die Nachlebenden. Das ist ein Stück Anarchie. Mit Akribie hat Kuratorin Marlies Fritzen die weit verstreuten Mühsam-Dokumente zusammengetragen und längst verschollen Geglaubtes aus den Archiven geholt. Erstmals präsentiert sie den Entwurf zur Proklamation der Müncher Räterepublik, doch auch intimere Dokumente wie der letzte Brief an seine Frau zählen zu den Novitäten. Es ist das Dokument einer verhaltenen Liebe: „Dass ich Dich lieb habe, ist keine Neuigkeit“, schreibt Mühsam ihr aus dem KZ. Er hatte Kreszentia Eflinger, genannt Zenzl, 1915 geheiratet – entgegen seinem Hass auf die bürgerliche Institution Ehe und seinem Ideal der freien Liebe. Es blieb das einzige Mal, dass er mit seinen Idealen brach.

Landesvertretung Schleswig-Holstein, In den Ministergärten 8 (Mitte), bis 7. November, So 10-18, Mo–Do 9–18, Fr 9–16 Uhr. Am Donnerstag versuchen Günter „Baby“ Sommer, Ulrich Thiem und Thomas Brückner eine „Jazz & Lyrik“-Annäherung an Mühsam: „Das Leben her!“, 19 Uhr.

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