Kultur : Ich bin eine Aluminiumplatte

Frechheit siegt: Wie Jonathan Monk sich der Kunstgeschichte bedient, um ihr zu entkommen

N icola Kuhn

So also sieht der Balkon aus, auf dem Jonathan Monk am liebsten isst. Kollegen von ihm hatten auf die kecke Frage eines Kunstmagazins, wo sie denn in Berlin bevorzugt speisen, das Hackbarth’s, Monsieur Vuong oder die Oderquelle angegeben, eben lauter In-Lokale, die von Mitte bis Prenzlauer Berg gerade angesagt sind. Der bärtige Brite mit der dunkel umrandeten Brille aber bleibt offensichtlich am liebsten zuhause und trägt das, was er für eine Mahlzeit braucht, einfach selbst durch die gläserne Verandatür hinaus. Im Moment wäre es im ersten Stock eines ehemaligen Botschaftsgebäudes in Pankow allerdings etwas kühl. Zur Zeit befindet sich dort nur eine verstreute Anzahl Kastanien und von Kinderhand gesammelter Steine sowie eine Miniaturholzbank. Dafür ist die Aussicht wunderschön: nichts als Bäume.

Vor drei Jahren zog er mit seiner Frau, der Künstlerin Isabell Heimerdinger, aus dem Zentrum hierhin. Für Monk befindet sich damit die Mitte ganz einfach in Pankow, was manchmal zu einer interessanten Verschiebung der Blickrichtung führen kann. Die im März in Hannover begonnene Tournee seiner Retrospektive scheint ihm nun, da sie an seinem Wohnort Berlin im Haus am Waldsee angekommen ist, trotzdem nicht sehr viel näher gerückt zu sein. Die Fahrtzeit zu beiden Ausstellungsorten – im Frühjahr nach Hannover, nun Richtung Zehlendorf – bleibe fast gleich, sagt er. Doch ganz sicher kann man sich bei Jonathan Monk da nie sein. Er ist ein Meister in der Berechnung gefühlter Zeit. Zu seinen subtilsten und doch offensichtlichsten Arbeiten gehört jene kleine Zeichnung mit der Darstellung einer ungerauchten Zigarette und einer Kippe, dazwischen zwei kleine Pfeile und der Text „just what happens between these two drawings“.

Für solche intelligenten Spielereien wird der 37-Jährige vom Kunstbetrieb geliebt. Schon fürchten die ersten, dass diese Zuneigung den Neo-Konzeptualisten erdrücken könnte, dass irgendwann seine Frische zur Konfektion, das Freche zur Masche verkommt und Kommerzialisierung droht. Die renommierten Galerien Lisson in London und Casey Kaplan in New York haben ihn unter Vertrag. Nach gerade 13 Jahren im Business erhält er eine Retrospektive. Wer auf sich als Avantgardesammler hält, auf die Jungstars der Neo-Moderne zählt, in dessen Kollektion gehört auch ein Monk. Den Run auf sein Werk konterkarierte der zuletzt mit einer Edition für die Zeitschrift „Monopol“ in Form verbogener Reinigungsbügel. Die Sorge, dass er bei seinem Erfolgskurs die Bodenhaftung verliert, wirkt unbegründet, zumal wenn man sich in seiner home-base mit herumfliegenden Gummistiefeln, Rollern, Kinderzeichnungen, einem von der fünfjährigen Tochter gebastelten Drachen umsieht. Nebenan befindet sich das Atelier. Hier entwickelt er seine Ideen für Kunstwerke, die er manchmal selbst erst im Moment der Ausstellung sieht.

So wird es ihm auch diesmal im Haus am Waldsee ergehen mit einer Arbeit, die der Sammler Axel Haubrok von ihm in den letzten Monaten peu à peu erhielt. Der Titel lautet „the distance between me and you“ und ist wörtlich zu verstehen. Das Werk besteht aus zwölf jeweils zweiminütigen Filmen, die Monk alle vier Wochen ein Jahr lang immer auf dem Weg zum Postamt aufnahm, wo er die Filmrollen dann zur Entwicklung im Kodak-Werk aufgab, das wiederum den fertigen Film an den Sammler weiterschickte. Wie immer bei Monk werden diese Filmspulen dann in der Ausstellung von einem altmodisch ratternden Projektor abgespielt. Der Künstler selbst bekommt dann erstmals zu sehen, was er tatsächlich aufgenommen hat: ob die Länge des Film bis zum Postamt reicht oder wegen Stau schon vorher abbricht. Klingt kompliziert und ist doch simpel, wodurch die kleine unspektakuläre Produktion besonders sophisticated wirkt.

Der in Leicester geborene Brite, der mit dem typisch rollenden nordenglischen R spricht, gehört zu jener Generation junger Künstler, die sich der sechziger Jahren als Steinbruch bedient. Immer wieder greift er Ideen von Sol LeWitt, Alighiero Boetti, Ed Ruscha, Richard Serra auf, die er auf humorvolle Weise revitalisiert: Konzept-Kunst human interpretiert, wie die Kritik jedes Mal schwärmt. So stammt von ihm eine Alu- Bodenplatte, ähnlich wie man sie aus den Museen der Welt als Klassiker der Minimal-Kunst kennt. Nur bei Monk trägt sie den charmanten Titel „Me naked in the kitchen“, und dazu gibt er als Gewicht 74,950 Kilogramm an, was genau dem seinigen entspricht. Oder er variiert Ed Ruschas berühmte Fotoserie „Every Building On Sunset Strip“, in dem er gerade umgekehrt die häuserlosen Straßeneinmündungen fotografiert und sie „None of the Buildings of Sunset Strip“ nennt.

Wer hier nur schmunzelt, hat es sich zu leicht gemacht, denn Monk spielt nicht etwa den Zwerg auf den Schultern von Riesen. Er sucht nach neuen Wegen mit der Kunstgeschichte, der erdrückenden, zu leben. Dass Bewegung dabei nicht immer Fortkommen heißt, demonstriert er selbst mit dem auf seinem Sattel stehenden Fahrrad, dessen Reifen sich in der Luft in entgegengesetzte Richtungen drehen. Dieser Gruß gilt Duchamp, ähnlich die von Monk in den Sand gepinkelte Signatur, die wiederum das Urinoir des Urvaters der Konzept-Kunst zitiert. Zugleich hat er damit allen Großmeistern eine schallende Ohrfeige verabreicht.

„Environmental art“ wäre vielleicht ein Oberbegriff für die Kunst, wie Jonathan Monk sie versteht. Diese Bezeichnung trug auch sein Studiengang, damals an der Glasgow School of Art. Einmal im Jahr mussten die Studenten raus in die Stadt und sich dort irgendein Projekt überlegen, egal was. „Aus dem Kontext besteht noch heute zur Hälfte mein Werk“, erklärt der Künstler, während man im Hintergrund seine Frau Isabell Heimerdinger telefonieren hört. Längst unterrichtet er selbst, hat eine Gastprofessur an der Hamburger Kunstakademie und versucht weiterzugeben, was er damals in Glasgow erfahren hat: niemals den Lehrer kopieren. Gerade wenn jemand seine Linie gefunden zu haben glaubt, dann ermuntert er ihn, es noch einmal in eine andere Richtung zu probieren. Martin Kippenberger hätte an ihm vermutlich seine Freude gehabt. Von jenem hätte auch die Serie „Holiday Paintings“ stammen können, auf denen Reisebüro-Angebote stehen („Teneriffa, 7 Nächte, 199 Pfund“). Das Bild kostete 1998 exakt so viel wie die Reise. Der Käufer konnte sich also zwischen Flug und Wandschmuck entscheiden. Welchem Monk selbst den Vorzug gibt, stände er vor der Wahl, man kann es sich denken. Er würde bleiben mit Ideen im Kopf, bei sich zuhause auf dem Balkon.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Eröffnung am 9. Dezember um 19.30 Uhr. Bis 18. Februar. Täglich 10 – 18 Uhr.

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