Kultur : Ich bin eine Robbenfrau

Von Jessie Kleemann.

Die Luft ist rot, sie durchbohrt den grauen Himmel

mein Herz feiert

die Trommel schweigt

alle Feste sind gestoppt, und

während die Zeit verrinnt

halten wir inne, um dem Weinen des Winds zu lauschen

einer Violine ohne Partitur

Ohrenbetäubend, dunkel und lang ist die Stille

durchsichtige Vögel schweben, ein Standbild vor Schwarz

als hätten sie nie etwas anderes getan

alles ist endlos, leer – und genau

damit gefüllt

Ich häute mich

Ich bin eine Robbe und sehr glücklich

von einer Menschenmutter geboren zu sein

mit meinem Lied rufe ich die Menschen

– sie werden zu Vogelfutter

die Menschen

Das Endlose wird in kleine Portionen zerteilt

selbst Schmetterlinge singen in der Arktis mit ihren schönen

unsichtbaren Farben

die Spinnen sind glücklich

Ich bin eine Robbenfrau

später wurde ich zu einem Adler mit Flügeln und Federn

aus der Farbenpracht der Sonne

meine Krallen sind rot und scharf

meine Zunge schmeckt seinen Rhythmus

wenn er den Tanz des Todes tanzt

mein Geliebter

wenn er den Tanz des Todes tanzt

dann tauche ich unter, werde ein Fisch

suche Freiheit, meinen Geliebten

Erst viel später werde ich ein Mensch

doch schon vorher häute ich mich, verteile mein Fleisch, jungfräulich

in der Wärme der Nacht, in der Tageskälte, glitzernd

ich gebäre meine Eier

seine Nachkommen, meine Worte: im Meer

bin ich Gewebe, das schwankt und nachgibt

fast wie Wasserblumen

ich streichele die Schuppen der Fische

meine Sprache: tausend Zärtlichkeiten

jetzt häute ich mich

werde ein Mensch ohne Hülle.

Aus dem Grönländischen und Dänischen von Moritz Schramm

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