Kultur : "Ich bin für mehr Sinnlichkeit!"

CAROLINE FETSCHER MORITZ MÜLLER-WIRTH

KLAUS-DIETER LEHMANN (58), ist als Nachfolger von Werner Knopp neuer Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.1990 war der diplomierte Physiker, Mathematiker und Professor der Wirtschaftsinformatik zum Generaldirektor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main sowie der Deutschen Bücherei Leipzig ernannt worden.Als Kandidat der Bundesländer scheiterte seine Wahl in den vergangenen Monaten zunächst am Veto der früheren Bundesregierung und speziell von Helmut Kohl.Daraufhin hatte Lehmann verärgert seine Bewerbung zurückgezogen.Schon kurz nach dem Regierungswechsel signalisierte ihm der Bundeskulturbeauftragte Michael Naumann seine Unterstützung.Damit stand seiner Wahl nichts mehr im Wege.Mit Lehmann sprachen Caroline Fetscher und Moritz Müller-Wirth.

TAGESSPIEGEL: Herr Lehmann, kennt der neue Präsident schon alle Museen, die zu seiner Stiftung gehören?

LEHMANN: Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich die Präsidentschaft übernehmen wolle, bin ich durch die Museen gezogen, mit dem Blick nicht allein für die Exponate.Ich habe geschaut, ob die Wärter fröhlich sind, habe festgestellt, daß manche Cafeteria in Gebäudebereichen liegt, die freiwillig nie jemand betreten würde.Was ich damit sagen will: Mir liegt sehr viel an dem Geist, der in diesen Häusern herrscht.Der macht die Attraktivität aus, bei Menschen, wie bei Museen.Nicht nur das Kunstwerk,sondern das Museum als Ganzes ist heute zu einem entscheidenden Erfahrungswert geworden.

TAGESSPIEGEL: Die Finanzen sind knapp, die Strukturen der Stiftung reformbedürftig und zahlreiche Einrichtungen in katastrophalem Zustand.Wo wollen Sie anfangen?

LEHMANN: Ich will zunächst ergründen, ob die Stiftungseinrichtungen eine gemeinsame Denkweise haben oder ob sie alle isolierte Inseln sind.Zwischen den großen Pfeilern - den Museen, den Archiven und den Bibliotheken - möchte ich eine größere Vernetzung anregen.Vernetzung hat eine intellektuelle, eine technische und eine ökonomische Komponente.Die Institutionen sind im besten Sinne voneinander abhängig.Diese Ensemble-Idee ist es, die ich in den Köpfen der Menschen und in den Arbeitsabläufen der Häuser verankern will.Kulturwissenschaftliche Forschung, Museen, Bibliotheken und Archive gehören zusammen - ungeachtet ihrer unterschiedlichen Strukturen.Darin sehe ich für die Entwicklungsfähigkeit der Stiftung eine einmalige Chance.Im übrigen kann man mit dieser Vernetzung der Sparten auch neue Geldquellen erschließen.Die Europäische Union plant ein Förderprogramm, speziell für spartenübergreifende Projekte.Deshalb werde ich im kommenden März die wichtigsten Museums-, Bibliotheks- und Archivleiter hier versammeln.

TAGESSPIEGEL:Es brennt aber schon akut an allen Ecken und Enden: Die Staatsbibliothek verharrt in Lethargie, die Museumsinsel bröckelt...

LEHMANN: Mit der Staatsbibliothek habe ich mich bereits vor meiner Präsidentschaft intensiv befaßt.Im Dezember werden wir dem Stiftungsrat ein tragfähiges Konzept vorlegen.Ich bin zuversichtlich, daß dann die bestehende Haushaltssperre für das Haus Unter den Linden fällt.Die Museumsinsel hat für mich die größte Priorität.

TAGESSPIEGEL:Das kostet viel Geld - und einige Bundesländer wollen ihre Beiträge zur Stiftung drastisch reduzieren.

LEHMANN: Ich werde versuchen, ihnen deutlich zu machen, daß die Gelder kein "Notopfer Berlin" darstellen, sondern für die Bundesländer eine Chance sind, sich in der Hauptstadt zu repräsentieren.Ich denke, damit kann man die Bereitschaft zu finanzieller Beteiligung erhalten und neu wecken.

TAGESSPIEGEL: Was passiert, wenn die Ministerpräsidenten das nicht so sehen?

LEHMANN: Für den Kulturföderalismus wäre das fatal.Dann müßte der Bund allein die Verantwortung übernehmen.

TAGESSPIEGEL: Da wird sich der Bund freuen.Wie wollen Sie den neuen Kulturbeauftragten überzeugen?

LEHMANN: Wir brauchen bis zum Jahr 2005 ein komplett neues Finanzierungssystem.In jedem Fall müssen wir die Struktur des Stiftungshaushaltes dringend reformieren.Im Augenblick ist sinnvolles Sparen nicht möglich.Geld, das in einer Haushaltsperiode nicht ausgegeben wird, kann nicht in die nächste übernommen werden.Das darf nicht so bleiben.Statt unüberschaubarer zweckbestimmter Einzelposten möchte ich in Zukunft eine Globalsumme zur Verfügung haben, über die die Stiftung verfügen kann, für deren Verwendung und Einhaltung die Stiftung aber auch verantwortlich ist.Ich stelle mich einer Kosten-Leistungsrechnung, allerdings nur, wenn ich auch einen maximalen Handlungsspielraum habe.

TAGESSPIEGEL: Welche konkreten Einsparungsmöglichkeiten gibt es?

LEHMANN: Statt über Einsparungen spreche ich lieber von Mittelumschichtungen in operative Bereiche, zum Beispiel in Ankäufe, Wechselausstellungen, Aufgaben zur Bestandserhaltung.Helfen können moderne Managmentstrukturen, Kostenbewußtsein, zügige Einführung von Computer und Netz, eine möglichst zentral oder gegenseitig genutzte technische Infrastruktur, die Privatisierung einiger Dienstleistungsbereiche.

TAGESSPIEGEL: An solche Selbständigkeit wird man sich in vielen Bereichen der Stiftung erst gewöhnen müssen.

LEHMANN: In der Tat.Wir müssen in jedem Fall die Entscheidungsprozesse beschleunigen.Die Mitarbeiter sollen wissen, daß sie in Zukunft mit größerer Eigenverantwortung arbeiten können.Wir wollen die Administration straffen und auch im Fachlichen eine Konzentration erwirken.Da muß sich auch im Bereich der Mentalität einiges ändern, allerdings nur zu aller Nutzen.

TAGESSPIEGEL: Selbständigkeit bedeutet auch, daß der Präsident ein Teil seines Einflusses abgibt.Schon heute stehen die Generaldirektoren der Museen und Bibliotheken in gewisser Weise einem Staat im Staate vor.

LEHMANN: Ich sehe mich insgesamt eher als Ermöglicher denn als Kontrolleur.Im inhaltlichen Bereich werde ich Zurückhaltung üben.Man muß jedoch überlegen, ob man nicht die Organisationsstruktur verändert und damit die Transparenz verbessert.Es wird auch zu überlegen sein, Hierarchieebenen zu reduzieren.

TAGESSPIEGEL: Auch an der Spitze?

LEHMANN: Kein Bereich bleibt ausgespart.Ich möchte die Verantwortung dorthin verlagern, wo wirklich die Arbeit gemacht wird, Innovation und Kreativität freigesetzt wird.

TAGESSPIEGEL: Von außen nimmt man die Stiftung als reichen, behäbigen Tanker mit klassisch-bildungsbürgerlicher Ausrichtung wahr.

LEHMANN: Auch hier besteht Handlungsbedarf.Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist sicherlich, die Darstellung der Stiftung nach außen zu verbessern.Das hängt viel damit zusammen, wie man Kultur definiert.Für mich bedeutet Kultur in erster Linie: Zusammenleben.Das klassische kulturelle Bildungsbürgertum existiert nicht mehr.Nicht nur Menschen, die eine umfassende Bildung haben, dürfen Museen besuchen.Wir müssen auf das ästhetische und historische Empfinden des Publikums eingehen.Wir müssen, um zur Kunst zu führen - vielleicht auch zu verführen - , nicht nur traditionelle Mittel, sondern auch moderne Kulturtechniken einsetzen.Wir müssen Beziehungen aufzeigen und dem Besucher Wahlmöglichkeiten zur Begehung bieten.Nicht Vorbildung allein ist die Voraussetzung für Kunstgenuß, auch unbefangene Neugier.

TAGESSPIEGEL: Kultur-Zapping auf der Museumsinsel? Lese-Hip-Hop in der Staatsbibliothek?

LEHMANN: Überhaupt nicht.Ich sehe mich jedoch als Anwalt einer breiteren Öffentlichkeit, der noch mit den Augen des Lesers, des Besuchers schauen kann.Mit Event-Kultur hat das nichts zu tun.Ich bin auch gegen Einschaltquotendenken.Wir müssen aber leichtere Zugänge zu unseren Schätzen schaffen, damit wir mehr Menschen erreichen.Dabei dürfen jedoch keine inhaltlichen Abstriche gemacht werden, im Gegenteil: Eine kompaktere Präsentation erfordert mehr wissenschaftliche Präzision.

TAGESSPIEGEL: Zunächst einmal betreten Sie einige der wichtigsten Institutionen als Baustelle.Die wohl bedeutenste ist die Museumsinsel.

LEHMANN: Eine Baustelle ist eine so schlechte Ausgangslage nicht.Dort entstehen Dinge, können verändert werden.Die Museumsinsel wird wirklich die Nagelprobe dafür werden, wie bereit man in diesem Land, in dieser Stadt ist, Kulturgut zu erhalten, beziehungsweise einen Ort wie die Museumsinsel in den Stand zu versetzen, den sie zu ihrer Blütezeit hatte.Daran wird sich diese Gesellschaft, werde auch ich mich messen lassen müssen.

TAGESSPIEGEL: Für prunkvolles nationales Kulturerbe können Sie am ehesten mit öffentlicher Unterstützung rechnen.Aber wer will schon in die reichhaltigen, zum Teil völlig vernachlässigten und dahinschimmelnden Archiv-Bestände investieren, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß?

LEHMANN: Die Archive, die Depots und die Magazine muß man sich noch genauer ansehen als die sogenannten Schauräume, die nach außen hin das Bild der Einrichtungen prägen.Diese verborgenen Sammlungen sind das eigentliche Tagebuch der Gesellschaft.Sie zu erhalten und zu pflegen, ist daher eine zentrale Aufgabe.Das muß anderen Zielen aber nicht widersprechen.Ich bin für mehr Sinnlichkeit, für einen breiteren Zugang für eine größere Öffnung unserer Einrichtungen.Aber Präsentation ohne Substanz wird mit mir nicht zu machen sein.Wenn es dazu käme, daß wir aus Effekthascherei unsere Substanz verkommen lassen, hätte die Stiftung ihr Ziel verfehlt.Sie ist im Gegenteil ein Zentrum unserer kulturellen Überlieferung - ganz im Sinn der Definition des Weltkulturerbes durch die UNESCO.

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