Kultur : "Ich bin gegen eine populistische Debatte über Kunst"

Herr Haacke[Ihr Projekt für den Reichstag ve]

Heute diskutiert der Deutsche Bundestag über die umstrittene Installation des Konzeptkünstlers für den Reichstag

Hans Haacke, 1936 in Köln geboren, in New York lebend, gilt als Konzeptkünstler der ersten Stunde. 1993 war er mit seinem "Germania"-Pavillon auf der Biennale in Venedig vertreten. Ob sein Kunstentwurf für den Reichstag - ein mit Erde gefüllter Holztrog mit dem Schriftzug "Der Bevölkerung" - realisiert werden kann, wird das Parlament in Berlin heute diskutieren. Nach Haackes Plänen sollen die 669 Abgeordneten das Beet mit jeweils einem Zentner Erde aus ihrem Wahlkreis füllen. Haacke zum "Tagesspiegel": "Ich werde im Reichstag auf der Tribüne sitzen."

Herr Haacke, Ihr Projekt für den Reichstag verschwindet zunehmend hinter der Debatte darüber. Ist sie aus dem Ruder geraten?

Mir ist es immer unangenehm, wenn über eine Arbeit, die noch nicht existiert, vorher schon geredet wird, denn manches ändert sich bei der Herstellung. Ich möchte nicht schon vorher auf Einwände reagieren müssen. In diesem Fall stand am Anfang der öffentlichen Diskussion eine Indiskretion aus den Reihen des Kunstbeirates.

Ist die jetzige Debatte nicht trotzdem in Ihrem Sinne, denn die Konfrontation ist doch immer Teil Ihrer Arbeit?

Ich habe offenbar diesen Ruf, aber ich beabsichtige das nicht. Eigentlich renne ich mit meinem Beitrag doch offene Türen ein: Mein Vorschlag, neben die Portal-Inschrift "Dem deutschen Volke" noch eine zweite, nämlich "Der Bevölkerung", innerhalb des Reichstags zu setzen, deckt sich mit dem Artikel 3 des Grundgesetzes. Ich begreife nicht, warum es darüber eine Diskussion gibt. Die Abgeordneten haben sich doch auf das Grundgesetz vereidigen lassen und müssten ein Interesse daran haben, dass die Inschrift "Dem deutschen Volke" nicht im völkischen Sinne interpretiert wird. Schließlich besteht diese Gefahr: Es gibt Neonazis, die auf die Straße gehen und Leute zusammenschlagen, die ihnen nicht deutsch genug aussehen.

Ein Teil des Streits dreht sich um die Erde, die die Abgeordneten für die Installation herantragen sollen. Handelt es sich bei dem Widerstand gegen eine solche Partizipation auch um ein Missverständnis?

Dahinter stecken womöglich traditionelle Vorstellungen von Kunst. Viele glauben, dass der Künstler etwas produziert und der Rezipient ein fertiges Werk präsentiert bekommt. In der Kunstentwicklung nach 1950 gibt es aber Konzepte, in denen der Betrachter in die Herstellung einbezogen wird. Auch zu meinem Werk gehört das Prinzip der Kooperation, das schließlich Teil der Demokratie und der Tätigkeit der Bundestagsabgeordneten ist. Es wird durch meine Arbeit symbolisch und praktisch mitvollzogen.

Ihr künstlerisches Material ist also nicht nur die Erde und die Neonschrift, sondern auch die Öffentlichkeit.

Der Kontext, in dem ich arbeite, gehört zu meinem Material, in diesem Fall auch die symbolische Handlung der Abgeordneten.

Noch debattieren sie ja. Ist nicht schon das ein Erfolg für Ihr Werk?

So würde ich Erfolg nicht messen. Ich bin kein Provokateur. Mir kommt es nicht auf den Krawall an. Ich möchte ernste Fragen stellen: zur Freiheit der Kunst und zur Verfassungstreue. Sicher, es ist schmeichelhaft für mich, wenn etwas, was ich mir ausgedacht habe, von den Bundestagsabgeordneten so ernst genommen wird. Mich beunruhigt aber die oft unsachliche, ja emotional aufgeladene und populistisch geführte Debatte. Es besteht die Gefahr, dass in Zukunft von Menschen über Kunst abgestimmt wird, die mit ihren Materialien nicht vertraut sind.

Wo ist da die Grenze? Gegen eine Debatte über Kunst ist ja nichts einzuwenden.

In einem offenen Brief haben Museumsdirektoren und Kunstpublizisten auf die Gefahr eines Präzendenzfalles hingewiesen, wenn in Zukunft über Kunst abgestimmt werden soll. Der ehemalige SPD-Abgeordnete Arndt hat vor vielen Jahren einmal gesagt: Eine Demokratie muss wissen, was zur Abstimmung geeignet ist und was nicht. Dazu zählte er auch die Kunst.

Wie werden Sie reagieren, wenn Ihr Werk abgelehnt wird?

Darüber kann ich jetzt noch nicht sprechen. Das ist zu früh.

Was besagt die jetzige Debatte über das Verhältnis von Kunst, Politik und Öffentlichkeit?

Das kann ich schlecht beurteilen, jedenfalls für die deutschen Verhältnisse. In den USA gab es Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre viele Künstler, die sich gesellschaftlich prononciert geäußert haben. Dazu gehörten viele feministisch orientierte Arbeiten oder auch solche, die sich mit dem Verhältnis der Geschlechter und der Rassen beschäftigten. Aber das ist inzwischen abgeklungen. Es gibt zwar noch viele Künstler, die so arbeiten, aber der Zeitgeist hat sich davon abgewandt. Es wird heute als Spielverderberei angesehen, wenn man sich trotzdem noch mit politischen Themen auseinandersetzt. Hier in Deutschland wird das als 68er-Masche verurteilt und auf den Abfallhaufen geworfen.

Verstehen Sie sich selbst als politischer Künstler?

Dieses Etikett ist mir unangenehm. Kunst und Gesellschaft sind ineinander verschränkt. Einige Künstler arbeiten damit prononcierter als andere. Aber sobald Kunstwerke in der Öffentlichkeit erscheinen, tragen sie zum allgemeinen Verständnis unserer selbst und unserer Werte bei. Auf diese Weise haben alle Kunstwerke einen gesellschaftlichen Einfluss - im, sagen wir mal: homöopathischen Sinne.

Glauben Sie, dass "Germania", Ihr ja ebenfalls provokanter Beitrag auf der Biennale in Venedig 1993, so viel positiver aufgenommen wurde, weil er dort nur im abgezirkelten Hain der Kunst zu sehen war?

Ja, der Kontext spielt eine große Rolle. Das war eine internationale Kunstausstellung, aber meine Arbeit wurde von Nichtdeutschen sehr viel positiver aufgenommen als von Deutschen. Von dort gab es einige Kritik. Das Auswärtige Amt war wohl nicht sehr erbaut.

Vielleicht liegt der Unterschied auch darin, dass man es in Venedig bei Ihren zerborstenen Bodenplatten im Kontext mit einem Hitler-Porträt im deutschen Pavillon mit einer vollendeten Arbeit zu tun hatte.

Im Gegensatz zur jetzigen Situation im Reichstag war es so, dass ich dort bis zum letzten Tag niemanden in den Pavillon hineinschauen ließ. Keiner wusste vor der Eröffnung davon.

Politische Kunst scheint heute eher die Ausnahme zu sein.

Das liegt möglicherweise daran, dass sich so genannte politische Kunst sehr viel schwieriger verkaufen lässt. Aufgrund ihrer Abhängigkeit von Kuratorien und von Sponsoren riskieren Museen nicht gerne Projekte, mit denen sie Anstoss bei ihren Gönnern erregen könnten. Auch Künstler passen sich oft an.

Wer beisst die Hand, die einen füttert.

Ja. Normalerweise tut man das nicht, oder man wird im Zweifelsfalle bestraft. Dann lernt man. Oder auch nicht.

Sie scheinen ja sehr ungelehrig zu sein.

Deswegen hängt von mir in deutschen Museen auch praktisch nichts. Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christiane Peitz.

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