Kultur : Ich bin im Moment nicht erreichbar

„Die Jugend von heute“: Frankfurts Schirn-Kunsthalle ergründet Glanz und Elend einer blassen Generation

Kai Müller

Sie kennt sich selbst nicht. Wie soll man sie da kennen, die Jugend? Aber dass etwas mit der „Jugend von heute“, so wie man sie kennt, nicht stimmt, ist zum geflügelten Wort geworden. Die Jugend von gestern erwähnt niemand. Vergangenheit und Jungsein passen nicht zusammen. Wenn etwas ist mit der Jugend, dann jetzt. Ein Schrecken begleitet die Debatten um Jugendkriminalität, um die wachsende Verrohung an Bildungsanstalten wie der Neuköllner Ruetli-Schule, um den Markenfetischismus und den Mangel an Krisenfantasie. Das Ende der Jugend wird jetzt ebenso ausgerufen wie das ewige Jungsein. Die Jugend haut die Alten und ihre Rentenansprüche nicht mehr raus, heißt es. Sie haut sich selbst zu viel, beklagen andere. Reden tun nur die Erwachsenen. Die Jugend kennt sich einfach nicht aus. Es ist vermutlich das Einzige, was sie von sich weiß.

„Is eternal nothingness okay?“ Diese Frage leuchtet nun dem Besucher der Frankfurter Kunstausstellung mit dem prägnanten Titel „Die Jugend von heute“ entgegen. Ein hübsches Mädchengesicht blickt ihn an, die wallenden Haare wie Sternenstaub auf der Schulter. Eine Antwort gibt es nicht. Aber man begreift schnell, dass in Daniele Buettis Lichtkasteninstallation die Frage selbst schon eine Antwort ist. Denn Jugend ist mehr als eine Altersfrage, sie ist, wie Museumsdirektor Max Hollein im Begleitkatalog der Schirn-Schau schreibt, „eine Technik“.

Wofür man sie braucht, das weiß er auch nicht. Aber dass man sich Jugend aneignen kann, reiht sie ein in den zivilisatorischen Kontext des Funktionsraums: Die Jugend ist nicht um ihrer selbst willen jung. Sogar der zeitgenössischen Kunst bietet sie sich als Objekt an. Wobei der jetzigen Generation von Jugendlichen nach Hollein das Privileg zukommt, in den Begriffen der Postmoderne sich nicht nur auszudrücken, sondern darin zu leben.

Was kann das bedeuten? Die 150 Werke von 50 überwiegend jungen internationalen Künstlern, die Kurator Matthias Ulrich für die Schirn-Kunsthalle zusammengetragen hat (bis 25. Juni), hinterlassen den Betrachter einigermaßen ratlos. Da greift der 39-jährige Gavin Turk mit seiner lebensgroßen „Ché“-Plastik auf den Mythos der ewigen Rebellion zurück, indem er den kubanischen Revolutionär und Linken-Popstar Ché Guevera mit den eigenen Gesichtszügen versieht und in der Pose des „schießenden Elvis“, wie Warhol ihn gesiebdruckt hat, in eine Glasvitrine stellt. Sieht super aus, ein schönes Sinnbild für den so genannten „rebel consumer“, der die Karriere der Jugendlichkeit von Anbeginn begleitet. Aber eben auch ein wenig gestrig; Ché, c’mon!

An anderer Stelle kann man einem halben Dutzend junger Mädchen auf drei Bildschirmen beim Warten zusehen. „Testroom“ heißt die Videoinstallation der Niederländerin L. A. Raeven, geboren 1971. Die Mädchen, nur knapp bekleidet und mit Nummern auf dem Oberarm, sitzen in einem unmöblierten Raum, rauchen, reden, trinken Wein, ohne dass etwas geschieht. Die Zeitschleife spielt auf Bordellsituationen ebenso an wie auf den Stillstand, dem sich jede Jugend ausgesetzt fühlt. Das Gegenstück zu dieser Szene findet man in Julika Rudelius’ „Train“-Video. Die Künstlerin, Jahrgang 1968, filmte vier junge Männer in einem Vorortzug, die sich über Sex unterhalten. Natürlich trumpfen sie gewaltig auf. Wobei auch ethische Maßstäbe eine Rolle spielen: Mädchen, die leicht rumzukriegen sind, haben ausgespielt und werden zur Strafe erst recht erniedrigt. Die wenigen anderen zu berühren, ist dagegen ein Sakrileg. Am Ende stellt sich heraus, dass einer die Freundin des anderen flachgelegt hat, was das Allerschlimmste ist.

Das ist nett anzuschauen und entspricht exakt dem, was man von Jugendlichkeit erwartet: eine Vitalitätsbehauptung. Schon Nietzsche, einer der ersten Fürsprecher der Jugend, lobte deren „natürlichen Instinkte“, die der Kultur der „zahn- und geschmacklosen Greise“ den Garaus mache. So weit ist es nicht gekommen. Aber auch der Verjüngungswunsch eines Faust sagt: Jugendzeit ist Heldenzeit. So dient die Phase des Übergangs als Projektionsfläche für eine Lebensart, die sich ihres Sinns zwar nicht bewusst ist, sich dafür aber umso sinnlicher gebärdet.

Es überrascht nicht, dass zahlreiche Arbeiten in der Ausstellung den jugendlichen Körper als Lustobjekt inszenieren. Gespreizte Beine, nackte Haut, Lippenstift, Lidschatten und ein leerer Blick. Sehr oft ist diesen Bildern eine melancholische Trauer eingewoben, ein Wissen um die Vergeblichkeit des Glücks, das ihren eigentlichen Reiz ausmacht. Am stärksten tritt diese Tragödie in der Gothik-Installation „Wake“ des 28-jährigen Ian Cooper zu Tage. Ein offener, schwarz ausgekleideter Sarg, an dessen Deckelinnenseite Erinnerungsfotos kleben, spielt auf den Todestrieb einer verstörten Adoleszenz an. Aufgeschnittene Pulsadern sind ohnehin ein heimliches Leitmotiv dieses zersplitternden Kunst-Kaleidoskops jugendlicher Befindlichkeiten.

Menschheitsgeschichtlich ist Jugendlichkeit ein Treppenwitz, Folge eines Wohlstands, der das Taschengeld erfand. Seit die erste Rock’n’Roll-Generation Mitte der Fünfziger als geschlossene Gruppe mit eigenen Wertvorstellungen und Konsumgewohnheiten auftauchte, wird das Wirtschaftsleben durch Bedürfnisse angekurbelt, die von ihm selbst erst geweckt werden müssen. So begreift der Kapitalismus im Blick auf „die Jugend“, wie gefährlich und unzurechnungsfähig er ist. In ihr begegnet er sich selbst. In der Entfesselung von Wünschen, die keine Ware befriedigen kann. Und auch die Kunst nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben