Kultur : „Ich bin kein Typ für One-Night-Stands“

Florian Silbereisen, 24, ist Deutschlands erfolgreichster Volksmusik-Moderator, mit TV-Quoten, wie sie nur noch Thomas Gottschalk hat. Schon als kleiner Bub trat er mit dem Akkordeon auf, als „Lustiger Almdudler“. Am 25. März ist er in der ARD mit dem „Frühlingsfest der Volksmusik“ zu sehen. Interview: Barbara Nolte und Esther Kogelboom

Herr Silbereisen, Sie haben sicher kein Problem damit, ein Star der Volksmusikanten zu sein.

In Amerika ist Country die erfolgreichste Musikrichtung überhaupt, nur in Deutschland soll man sich dafür schämen. Aber ich schäme mich nicht. Die meisten, die schreiben, wie schrecklich das alles ist, gucken doch meine Sendungen nicht an. Das finde ich intolerant.

Sie präsentieren in Ihren Shows Volksmusik- und Schlagerstars vor einem Studiopublikum, das in der Branche auch „Silbersee“ genannt wird – wegen der vielen grauen Haare.

Das Wort Silbersee habe ich noch nie gehört. Natürlich sind meine Zuschauer überwiegend älter. Aber es ist doch ein Märchen, dass andere Samstagabend-Sendungen wesentlich jüngere Zuschauer hätten. Wer guckt denn am Samstagabend um 20 Uhr 15 „Wetten, dass ..?“ oder „Wer wird Millionär?“ Die Älteren: so um die 35, 40 aufwärts. Die Jungen gehen am Wochenende aus.

Erklären Sie doch bitte: Was findet ein 24-Jähriger an den Wildecker Herzbuben oder an Heino?

Es ist einfach die Musik, die ich von klein auf mache. Ich habe mit drei Jahren mein erstes Instrument, eine Harmonika, in die Hand bekommen, seitdem spiele ich.

In der Schule waren Sie bestimmt ein Außenseiter.

Nein. Nur anfangs kamen ein paar Sprüche. Mir war das egal, ich bin nie mit dem Strom geschwommen. Als die anderen diese weiten Hip-Hop-Hosen anhatten, trug ich aus Protest enge Jeans. Unser Schuldirektor war ein fanatischer Jazzfan. Der wollte mich bekehren. Ich bin auch mal mit ihm auf ein Jazz-Konzert gegangen, und im Gegenzug musste er dann mit mir zu Carolin Reiber.

Tapfer, der Pädagoge.

Ja, das war für ihn schwer. Aber er hat es gemacht, und plötzlich war er gar nicht mehr so abgeneigt. Er sagte, im Prinzip ist das alles Musik, es gibt keine guten und schlechten Musikrichtungen, sondern nur gute und schlechte Musik. Da hat er Recht. Wir hatten am Ende ein tolles Verhältnis, wir spielten in einer Schüler-Lehrerband und bauten in unsere Stücke sowohl volkstümliche als auch Jazzelemente ein.

Schwer vorstellbar: Sie beim Free Jazz.

Wir haben damals Free-Jazz-Stücke sogar selbst interpretiert. Ich gehe noch immer gerne in Jazzclubs. Nur bin ich danach immer ganz aufgewühlt, habe den Kopf ganz voll von den verschiedenen Tonarten und kann anschließend nicht einfach heimgehen. Ich muss dann noch in eine Kneipe, um runterzukommen. Wenn ich aber aus einem Konzert von Michelle rauskomme, bin ich völlig entspannt und kann mir dann mit meiner Freundin zu Hause einen romantischen Abend machen.

Sie haben mit 18 Jahren angefangen, Ihr Haus in Ihrem Heimatdorf Tiefenbach bei Passau zu bauen. Die meisten suchen in diesem Alter die Freiheit.

Die Freiheit brauchte ich damals nicht so wirklich zu suchen, ich war schon Musiker und schlief ständig in anderen Städten. Ich wollte etwas Bleibendes schaffen, die Branche ist schnelllebig, das Haus kann mir niemand mehr nehmen. Ich habe mir auch nicht einfach so ein Haus schlüsselfertig hinstellen lassen. In meiner Familie sind alle handwerklich begabt. Mein Bruder hat eine Heizungsbaufirma, mein Vater ist Bauleiter. Jeden Stein dieses Hauses hat einer aus meiner Familie in der Hand gehabt. Zwei Etagen sind noch im Rohbau.

Sie wohnen auf einer Baustelle?

Nein, nein, meine Wohnung ist fertig. Und einen anderen Teil des Hauses habe ich an ein Fitnessstudio vermietet. Das ist bequem: Wenn ich zu Hause bin, kann ich dort trainieren.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Ich liebe es, von meinem Balkon auf die Berge zu schauen. Da kann ich völlig abschalten. Oder ich hole mir Kräuter oder Obst vom Markt und koche für meine Freundin: irgendetwas Asiatisches mit Ingwer, Kokosmilch oder einfach Pasta. Das Wichtigste ist, dass meine Familie in Tiefenbach lebt: meine Schwestern, mein Bruder, elf Nichten und Neffen, die sich alle freuen, wenn der Onkel Flori heimkommt.

Ihre Eltern sind geschieden.

Seit zwei Jahren. Die Zeitungen haben eine Riesennummer daraus gemacht. Meine Eltern lebten schon getrennt, als mich noch keiner kannte. Jetzt ist meine Mutter mit einem Kurden zusammen. Da heißt es immer, Deutschland sei so tolerant, und dann schreiben Journalisten diese peinlichen Parolen. Ich möchte die nicht wiederholen, so unmöglich waren die. Damals war ich entsetzt und habe gedacht, das kann doch wirklich nicht so ein Wahnsinn sein, wenn jemand einen Kurden heiratet.

In der heilen Welt der deutschen Volksmusik kommen Scheidungen und Kurden nicht vor.

Aber ich trällere gar nichts von einer heilen Welt, ich singe keine Schnulzen, sondern ehrliche Lieder, die von Herzen kommen.

Eines Ihrer bekanntesten Lieder heißt „Links a Madl, rechts a Madl“.

Ich schäme mich nicht für die deutsche Sprache. Ich gehe auch gerne mal in ein Wirtshaus, es muss kein Pub sein. Ein bisschen Heimatverbundenheit ist doch etwas Schönes.Und wenn man englische Texte mal übersetzt, merkt man doch, dass da viel Schrott dabei ist.

Halten Sie es für falsch, dass die Deutschen ein gebrochenes Verhältnis zu ihrem Land haben?

Wir haben eben diese schreckliche Vergangenheit. Doch ich war damals noch nicht auf der Welt. Ich schaue mir gerne andere Länder an. Aber ich lebe in Deutschland und will deshalb gerne Deutsch singen. Eine Zeitung schrieb einmal, dass ich gefährlich sei, dass ich Menschen zu Dingen wie vor 65 Jahren anstiften könnte. Eine unglaubliche Unverschämtheit. Ich bin doch kein Rechtsradikaler. Ich singe doch einfach nur meine Lieder.

Richtig, dass Sie die CSU wählen?

Dazu möchte ich nichts sagen.

Die Grünen scheiden schon mal aus, bleiben also ...

...die Grünen könnte ich schon wegen des Benzinpreises nicht wählen. Ich muss 100 000 Kilometer im Jahr mit dem Auto fahren, weil ich so viel mitnehmen muss: meine beiden Harmonikas für die verschiedenen Tonlagen, meine Gitarre, die 15 Kostüme, die ich diesmal für meine Tournee brauche. Bei der letzten Bundestagswahl war ich lange unschlüssig: An Schröder hat mir imponiert, dass er beim Irakkrieg so standhaft geblieben ist. Ich finde, dass man den Amerikanern zurzeit nicht zu kritiklos verbunden sein sollte, denn was im Irak passiert, ist einfach falsch. Manchmal glaube ich, dass nicht ohne Grund die Bomben in London explodiert sind. Ich habe ein bisschen Angst davor, dass bei der Fußball-WM im Juni etwas passiert.

Sie sprechen wieder von Ihren Ängsten. Haben Sie ein großes Sicherheitsbedürfnis?

Nein, ich brauche nur ein paar Säulen, die mich in dieser kurzlebigen Showbranche ein bisschen halten. Ich habe in den letzten Jahren viel gearbeitet und weiß aber jetzt: Egal, was passiert, ich werde immer ein Dach über dem Kopf haben. Sonst lebe ich in den Tag hinein.

Würden Sie sich selbst als konservativ bezeichnen?

Ein Stück weit, und das ist in meiner Branche auch sehr wichtig. Viele meiner Kollegen heben plötzlich ab, investieren hierhin und dorthin. Ich zahle meine Steuern und habe dann das, was übrig bleibt. Ich will mein Leben überschauen können.

Bedeutet für Sie konservativ sein nur finanzielle Sicherheit?

Konservativ sein bedeutet auch, Werte zu haben.

Welche Werte meinen Sie: Ehrlichkeit, Fleiß …

… Höflichkeit ist etwas ganz Wichtiges. Es ist eine Sache der Erziehung. Wenn ich im Winter einer Dame in den Mantel helfen darf, dann ist das für mich als Mann was Schönes. Das heißt nicht, dass ich dann schleimig bin. Mein absolutes Vorbild ist Peter Alexander, der hat keine großartigen Skandale gehabt, der war immer seriös und hat das Private mit dem Beruflichen unter einen Hut gebracht.

Das ist nicht Ihr Ernst.

Doch. Meine Mutter hat ihn immer gehört, und ich habe den schon als Bub absolut sympathisch gefunden – ein klassischer Showmaster.

Peter Alexander strahlte doch immer etwas sehr Biederes aus. Wie kommt ein kleiner Junge dazu, sich ausgerechnet ihn zum Vorbild zu nehmen?

Bieder? Nee. Wahrscheinlich kennen viele Leute in meinem Alter den Peter Alexander gar nicht.

Möglicherweise sind junge Menschen in Niederbayern, wo Sie herkommen, anders als beispielsweise in Berlin. Tragen eigentlich die meisten Trachtenmoden wie Sie?

Ich trage keine Trachtenmoden – da sieht man schon wieder, dass Sie nicht ein Mal in meine Shows reingeguckt haben. Mein letzter Anzug war so ein lachsfarbener. Da war überhaupt nichts mit Tracht. Der davor war ein knallroter, richtig knallrot.

Und wie ist dann dieses Foto von Ihnen in der Lederhose zu erklären?

Ich trage ja Lederhosen, zum Beispiel auf Volksfesten. Ich habe ungefähr 20 davon: glatte, wildlederne, kurze, lange.

Bei Ihnen in Passau sind Volksfeste sicher nicht das einzige Jugendvergnügen. Gibt es eigentlich auch Punks, autonome Jugendzentren?

Ich hatte mal einen Kumpel, der als Punk unterwegs war. Damit habe ich kein Problem.

Haben Sie selbst nie mal rebellieren wollen?

Ich war immer ein Rebell. In der Pubertät habe ich nächtelang mit meinen Eltern gestritten. Ich bin ein Dickkopf. Im Nachhinein habe ich mich dann oft entschuldigt bei meiner Mutter, weil sie doch Recht hatte. Ich war auch Schülersprecher und habe immer mit den Lehrern gekämpft. Ich habe mich in vielen kleinen Sachen für die Schüler eingesetzt.

Schon mal harte Drogen genommen?

Nie. Es gibt Leute, die das offenbar brauchen, man liest in den Zeitungen davon, egal ob Fußballtrainer oder wer auch immer.

In Zeitungen las man auch, dass beim Musikantenstadl auf einer Toilette Kokain gefunden wurde.

Das war doch inszeniert. Die Halle in Passau, in der das passiert sein soll, kenne ich in- und auswendig. Die Toiletten, auf denen angeblich gekokst wurde, gibt es definitiv nicht in dieser Halle.

Sie sitzen nach Ihren Auftritten mit Heino und Margot Hellwig zusammen und trinken eher Weizenbier.

Oft, auf Tourneen sind wir wirklich wie eine große Familie. Früher sind wir alle sogar gemeinsam mit dem Bus gefahren. Das war das Schönste überhaupt. Natürlich ist es für mich auch toll, wenn der Stefan Mross mit dabei ist, weil er ein gleichaltriger Kerl ist, mit dem man auch mal in ein Kino gehen kann oder zum Bummeln durch eine Fußgängerzone.

Beneiden Sie nicht manchmal die Kollegen aus der Rock- und Popmusik um ihr aufregendes Leben: die Groupies und der von MTV verliehene Ruhm?

Ich bin nicht der Typ für One-Night-Stands. Ich habe eine Freundin, deshalb ist es sowieso kein Thema. Ich gucke auch fast nie MTV.

Es geht um den Mythos Rock’n’Roll: das Exzessive und das …

… für mich ist Rock’n’Roll, wenn man Musik macht und es groovt. Ich würde in keinem Hotel randalieren. Es hat mich auch nie interessiert, irgendeinen Stuhl zum Fenster hinauszuwerfen.

Sie sind der Liebling der Älteren. Acht Millionen schauen Ihre Sendung an. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Ihre Händewasch-Geste zur Begrüßung, die Sie von Karl Moik abgeschaut haben? Ihre Gesangs- und Tanzeinlagen? Oder ist es die ganze Inszenierung: die als Engelchen verkleideten Kinder, die Schneemänner im Studio?

Alles. Wir feiern mit den Leuten ein Fest. Ich habe mir übrigens nichts von Karl Moik abgeschaut. Erklären Sie mir mal, wie ich die Leute sonst begrüßen soll? Das ist nichts Einstudiertes.

Auch Helmut Kohl soll begeistert von Ihnen sein.

Er war in meiner Sendung. Damals war der erste Advent, und er erzählte, wie Weihnachten sich für ihn verändert hat, seitdem seine Frau nicht mehr da ist. Er war sehr offen. Anschließend habe ich von ihm einen handgeschriebenen Brief bekommen, darüber habe ich mich sehr gefreut und mich mit einer Karte bedankt.

Im Herbst übernimmt Andy Borg den Musikantenstadl von Karl Moik. Das ist ein Generationswechsel. Sie sind noch eine Generation jünger. Wie könnte es gelingen, die Volksmusik zu verjüngen?

Das wird schwer, solange uns die Medien in diese Schublade stecken. Die Radiostationen spielen unsere Musik ja fast gar nicht, dafür jede neue Single von Madonna rauf und runter. Und wenn es einen Artikel über uns gibt, hat er fast immer einen abfälligen Unterton.

Sie fühlen sich angegriffen.

Persönlich ist es mir egal. Ich gebe ja auch dieses Interview, obwohl ich weiß, dass es nicht positiv für mich ausfallen kann. Ich finde bloß, dass die Journalisten, die immer so seriös tun, sich wenigstens einmal unsere Show ansehen sollten. Doch alle schreiben bloß immer wieder das alte Vorurteil vom Gefühlskitsch. Kitsch ist für mich, wenn etwas vorgegaukelt wird. Ich meine es ernst.

Gibt es denn Momente, an denen selbst Sie mal keine Volksmusik ertragen?

Nein, die Volksmusik ist vielfältig: Sie ist Musik, die das Volk verbindet. Dazu gehört Pur genauso wie Hubert von Goisern.

Haben Sie in Ihrer Plattensammlung irgendetwas anderes als diese Musikrichtung?

Klar! Bon Jovi, Reinhard Fendrich, Bob Marley. Ich höre auch gerne Hip-Hop, wenn er gut gemacht ist. Doch einer wie Sido ist für mich ein Schmarrn. Der ist zu aggressiv. Ich würde nie so über Frauen reden wie der.

Sie sind Ende März zum ersten Mal als Schauspieler zu sehen. Der Produzent hat früher viele Heimatfilme mit Roy Black und Uschi Glas gemacht. Der Film spielt in einem Dorf in den Bergen, er hat den Titel „König der Herzen“. Klingt, als spielten Sie sich selbst.

Nein, einen Journalisten. Wenn alle Journalisten so wären wie ich in dem Film, wäre die Welt noch in Ordnung.

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