Kultur : Ich bin meine eigene Frau

RAOUL FISCHER

Eine schwule Welt.Moon und Marty haben Aids und wollen keinen Safer Sex.Der reife Don und der Teenager Frizz leben in einer Sado-Maso-Beziehung.Una, ein in Einsamkeit gealterter Transvestit, verliebt sich hoffnungslos in den 30jährigen Sam.In Tim Luscombes Theaterstück "The One You Love" geht es um Sex und Gewalt, um Liebe und Verantwortung, um Aids und Risiko, Tod und Wahnsinn.Moral spielt keine Rolle, Verantwortung bekommt eine andere Bedeutung.Bisher war das Berliner Männerensemble durch seinen Normalitätsanspruch aufgefallen.Keine schrillen Kleider, keine Travestie, kein Trash, sondern klassisches - und gutes - Theater.Jetzt aber das: ein drastisches Aids-Drama."Wir wollen Klischees gegen den Strich bürsten, mit den Geschlechterrollen spielen", sagt Regisseur Jan Oberndorff.Und daran habe sich auch jetzt nichts geändert.

Angefangen hat alles vor drei Jahren.Wir sitzen in einer Kreuzberger Bar, und Oberndorff läßt eine Kette aus Metallkugeln durch die Finger gleiten, während er erzählt.Als Schauspieler nicht so erfolgreich, liegt sein letztes festes Engagement länger zurück."Das war in Bruchsal bei Karlsruhe, in der tiefen Provinz." Den gebürtigen Itzehoer zieht es nach Berlin, wo er sich als freier Schauspieler durchschlägt.Im Juni 1996 kommt ihm eine Idee, als er die Aufbauarbeiten zum schwul-lesbischen Stadtfest beobachtet: "Romeo und Julia nur mit Männern spielen." Am nächsten Tag spricht er Frank Giesker an.Heute ist er Produzent und PR-Mann des Ensembles."Wir hatten keine Ahnung", sagt er."Es gab ja keine Infrastruktur eines Theaters, wir mußten alles selber aufbauen." Oberndorff leiht sich 20 000 Mark als Startkapital."Ein hohes Risiko", sagt er heute und dreht nervös an der Kugelkette.Schließlich hatte er vorher noch nie inszeniert."Vor der Premiere hatte ich wirklich die Hose voll."

"Romeo und Julia" wurde ein Erfolg.Die Zeitungen druckten hymnische Kritiken, das Haus - schon damals das Theater Zerbrochene Fenster - war fünf Wochen lang ausverkauft."Der schönste Moment war, als die 20 000 Mark wieder eingespielt waren, als ich schuldenfrei war", erinnert sich Oberndorff.Auch die nächsten Inszenierungen - "Krach in Chiozza" von Goldoni und "Die Bakchen" von Euripides - reüssieren."Der Goldoni entstand ähnlich wie der Shakespeare", erklärt Giesker.Bei den "Bakchen" haben die Schauspieler schon einen Vertrag, das Ensemble bekommt feste Strukturen.Schließlich wird auch der Kultursenator aufmerksam: Eine befristete Förderung hilft beim Weitermachen.

Sechs Leute gehören zum festen Stab: vom Regisseur über die Kostümbildnerin zur Dramaturgin.Jeder hat seine Aufgabe, Oberndorff ist der künstlerische Leiter."Dafür brauche ich zum Beispiel keine Konto-Karte", sagt er.Die hat Frank Giesker.Alle wichtigen Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.Ein Grund, warum es keinen Neid gegenüber denen gebe, die auf der Bühne und damit in der Öffentlichkeit stehen."Jeder weiß, daß seine Meinung gefragt ist", sagt Giesker.Die Schauspieler werden für jedes Stück neu besetzt.Manche haben schon bei mehreren Produktionen gespielt.Aber bei jeder Inszenierung gibt es auch neue Gesichter."Ich habe den Ehrgeiz, die Darsteller gut rauszubringen", sagt Oberndorff.Sein Konzept: Eine Rolle sollte sich mit der Persönlichkeit des Darstellers berühren.Oberndorff legt die Kugelkette aus der Hand, beginnt zu gestikulieren.Theater ist für ihn ein beinahe religiöses Ereignis: "Wie ein Schamane, der das Feuer legt, um das alle herumtanzen." Die Idee eines Stücks steht dabei immer im Mittelpunkt, wie Oberndorff betont: "Die Befindlichkeiten des Regisseurs interessieren keinen." Inszenierung als Selbstbespiegelung - wie bei Schleef und Schlingensief - widere ihn an.

Er braucht gute, kreative und selbständige Schauspieler.Zum Karrieresprungbrett hat sich das Männerensemble bislang noch nicht entwickelt.Aber das kann ja noch kommen.Matthias Noack ist einer der Darsteller, die immer wieder im Männerensemble mitspielen.Tage später sitzen wir in einem Schöneberger Café.Ein Mädchen am Nachbartisch in einem Schöneberger Café guckt herüber."Du hast doch die Julia gespielt?!", fragt sie."Das war jetzt aber nicht bestellt", grinst Noack.Gleich bei der ersten Produktion des Ensembles hatte er eine Hauptrolle: Als knapp 30jähriger Mann mußte er einen dreizehnjährigen Backfisch spielen."Gar nicht so schwer", findet er.Es geht nicht um äußerliches Verhalten, sondern um den Kern eines Charakters.Den als Schauspieler in sich zu entdecken und nach außen zu stülpen, ist immer wieder die Aufgabe."Frauenrollen bringen eine andere Gefühlswelt auf die Bühne." Julia zum Beispiel sei trotz ihrer Jugend schon eine kluge Frau.Sie verliebt sich und läßt nicht locker, gegen alle Widerstände.So etwas darzustellen, findet der Schauspieler "spannend".

Noack arbeitet sonst als freier Schauspieler für Bühnen und Fernsehproduktionen.Bei festen Engagements ginge es oft vorrangig um den Platz auf der Besetzungsliste und um die Ideen des Regisseurs."Den lassen die Schauspieler dann bisweilen aus Rache auflaufen." Kein gutes Klima für eine Produktion.Das sei beim Männerensemble anders."Es gibt keine Hierachien.Alle sind an der Inszenierung beteiligt", faßt er zusammen.

Das bestätigt auch Tim Herbert."Jeder darf Schwäche zeigen, Kollegen helfen sich gegenseitig", sagt der Schauspieler.Bei den "Bakchen" zum Beispiel war unklar, warum alle die ganze Zeit auf der Bühne sitzen sollten."Daran haben wir dann gearbeitet: Warum wir das tun und wie." Bei anderen Regisseuren sei die Freiheit der Darsteller meist sehr beschränkt.Oft sei man Erfüllungsgehilfe einer verschrobenen Idee.

Gerade weil das ganze Ensemble so in die Inszenierungen einbezogen ist, steckt allen die harsche Kritik an der letzten Inszenierung, "The One You Love", in den Knochen."An unserer Arbeitsweise hat sich eigentlich nichts verändert", sagt Herbert.Er versteht nicht, warum manche Zuschauer die Inszenierung anstößig finden.War die DT-Baracke, wo das Berliner Männerensemble mit Luscombes Stück erstmals auftrat, meistens noch ausverkauft, so ist die Kartennachfrage am Theater Zerbrochene Fenster, dem neuen Spielort, eingebrochen.Die Feuerprobe für das Ensemble? Eine Einschätzung, die Giesker und Oberndorff ablehnen."Das klingt wie: Schauen wir mal, wie lange sie es durchhalten nach ihrem Anfangserfolg", sagt der Regisseur und runzelt dabei die Stirn.Die Metallkugelkette ist um den Hals gelegt, er hat beide Hände frei.Sicher ist das Stück provokativ, aber Sexualität gehört eben dazu - zum Leben wie zum Theater.Es geht um die Energie, die sich auch körperlich ausdrückt."Vielleicht haben wir das dem Publikum nicht richtig vermittelt", überlegt er.Darüber müsse man sicher nachdenken.Ansonsten will das Berliner Männerensemble nicht festgelegt werden, sondern weiter in andere Welten vordringen.Das nächste Mal im Herbst mit der Novelle "Lenz" von Büchner: Für fünf Schauspieler und eine Violine.

Das Berliner Männerensemble spielt noch bis zum 21.Juni das Stück "The One You Love" im Theater Zerbrochene Fenster, Schwiebusser Straße 16 (Kreuzberg).Donnerstag bis Montag 20.30 Uhr

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