Kultur : Ich bin nicht Justin Bieber

Pianist Jan Lisiecki begeistert in Berlin.

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Foto: Mathias Bothor/DG
Foto: Mathias Bothor/DG

Er ist vielleicht ein Wunder, ein Kind aber ist Jan Lisiecki auf jeden Fall nicht mehr. Mit einer Frühreife, der alles Altkluge fehlt, begeistert der gerade 17 Jahre jung gewordene Pianist derzeit die Musikwelt. Ganz ohne Virtuosenklimbim und Justin-Bieber-der-Klassik-Geschrei will sich der hochbegabte Kanadier, Sohn polnischer Einwanderer, Respekt beim Publikum erarbeiten. Lediglich durch die Qualität seines Spiels. Als ihm die Deutsche Grammophon jüngst einen Exklusivvertrag anbot, nahm er nur unter der Bedingung an, als Erstes drei Mozart-Klavierkonzerte einspielen zu dürfen – die gerade erschienene CD ist entsprechend gut geraten, atmosphärisch dicht und interpretatorisch stimmig.

Beim Berlin-Debüt Lisieckis hatte Veranstalter Till Schoneberg die Nase vorn: Er präsentiert ihn in seiner After-Work-Konzertreihe „Neue Namen“, passend unspektakulär, am Mittwoch um 18.30 Uhr im kleinen Konzerthaus-Saal. Ein schlaksiger, bescheiden lächelnder Typ betritt das Podium, traditionell gekleidet im Oberkellner- Look mit schwarzer Fliege und Anzugjacke, der sich mit kerniger Stimme selber moderiert. Auf Englisch natürlich, was in Berlin unweigerlich dazu führt, dass bald eine Stimme aus den hinteren Reihen nach dem Übersetzer ruft.

Sorry, aber muss man immer jedes Wort verstehen? Zumal die Musik für sich selber spricht, so wie Jan Lisiecki sie spielt. Er startet mit Bach, nicht zum Aufwärmen, sondern als Konzentrationsübung, als Einladung an die Zuhörer, zu sich zu kommen, während er die unter seinen Fingern entstehenden Fugen-Stimmen bei ihrem autonomen Verlauf beobachtet. Beethovens Fis-Dur-Sonate nimmt er erstaunlich rasch, von jugendlichem Elan angetrieben. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr es ihm um Anschlagsdifferenzierung geht, um die Suche nach Farbenvielfalt auf dem Schlaginstrument Klavier. Kalt und metallisch, wie bei vielen seiner Kollegen, klingt der Steinway bei Jan Lisiecki nie.

Wie weit bei diesem jungen Mann der Ausdruckswille über alle Verlockungen des Zirkushaft-Virtuosen triumphiert, ist in Liszts Konzertetüden zu erleben, in denen er Tiefe entdeckt und ehrliches Gefühl. Nach „Un sospiro“, dessen Melodie er eine betörende, fast puccineske Süße gibt, klingen erste Bravi durch den Saal.

Spannend, wie er mit Mendelssohn-Bartholdys „Variations sérieuses“ das romantische Bach-Bild in all seiner emotionsgeladenen Überspanntheit nachzeichnet, großartig, wie er in Chopins Etüden Opus 12 selbst nach den donnernden Oktavparallelen der Nr. 10 den Schlussakkord ganz zart setzen kann, ein offenes Ende, bei dem der jugendliche Interpret mit leicht schräg gestelltem Kopf den in der Luft verzitternden Tönen nachlauscht. Anhaltender, verblüffter, prasselnder Applaus. Frederik Hanssen

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