Kultur : "Ich bin nicht Mann, nicht Frau.Ich bin ich"

MARKUS KRAUSE

Eines kann man ihr bestimmt nicht vorwerfen: Daß sie, die jahrzehntelange Gefährtin von Alexej von Jawlensky, keinen eigenen Stil gehabt habe oder gar eine schwache, angepassungsbedürftige Persönlichkeit gewesen sei.In der mit bedeutenden Künstlerinnen nicht gerade reich gesegneten Klassischen Moderne nimmt Marianne von Werefkin eine unverwechselbare, eigenständige Position ein - und ist damit so ganz anders als etwa ihre Mitstreiterin Gabriele Münter, die wie sie in München zum 1911 gegründeten "Blauen Reiter" gehörte.Münters beste Bilder sind die, die den Arbeiten ihres Gatten Kandinsky am ähnlichsten sehen; Werefkins Gemälde hingegen erinnern nie an die von Jawlensky.Gleichwohl ist sie, die eigenwilligere, bis heute die unbekanntere geblieben.

Ist es müßig, nach den Ursachen zu fragen? Könnte es womöglich an ihrer Biografie liegen? Aber die ist nicht nur ungewöhnlich, sondern enthält auch so manches, woraus sich ein Künstlermythos stricken ließe.Man stelle sich vor, eine junge russische Malerin, geboren 1860, der Vater General, die Mutter aus einem alten Kosakengeschlecht.Mit 28 Jahren durchschießt sie sich bei einem Jagdunfall die rechte Hand, sie bleibt verkrüppelt und vermag fortan nur mit einer selbst entwickelten Konstruktion den Pinsel zu halten.Wenige Jahre später begegnet die junge Frau, die mittlerweile als "russischer Rembrandt" gerühmt wird, einem vier Jahre jüngeren Maler - Jawlensky - und zieht mit ihm nach München, nach Schwabing, dem Zentrum der Künstlerbohème.Um sich ganz der Förderung des Jüngeren zu widmen, gibt sie für zehn Jahre die eigene Arbeit auf.Er schwängert nun die gemeinsame Haushälterin, und es beginnt eine unglückselige ménage à trois.Doch als sie mit Kandinsky, Jawlensky, Münter und anderen 1909 die "Neue Künstlervereinigung München" gründet, aus der später der berühmte "Blaue Reiter" hervorgeht, hat sie längst wieder zu malen begonnen.Binnen kurzem erobert sie sich in diesem avantgardistischen Kreis einen eigenen Platz, und es folgen zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, die ihr ein hohes Renommée in der Kunstwelt sichern.

Soviel zu ihrem Leben.Irgendwie müssen also doch die Bilder schuld sein - was nicht heißen soll, daß es ihnen an künstlerischer Qualität mangelte.Überzeugen kann man sich hiervon in der Galerie Zunge am Prenzlauer Berg, die mit gut zwanzig Gemälden aus der Zeit zwischen 1907 und 1930 einen geradezu musealen Querschnitt durch Werefkins Schaffen bietet.Zustandegekommen istdie Ausstellung durch die Unterstützung derFondazione Marianne von Werefkin in Ascona, wo die Künstlerin 1938 verstorben ist.Man sieht in der Galerie leuchtende, oft ungebrochene Farben, eine Gestaltung, die mal zur großzügigen Flächigkeit tendiert, dann wieder mit nervösem, erregtem Pinselstrich das Motiv umkreist.Sicher, man spürt bei diesen Bildern das Umfeld, in dem sie entstanden.Nicht nur formal, sondern auch in der betont naiven Frömmigkeit, die dem Betrachter etwa bei dem 1932 entstandenen "Mönch" entgegentritt.Die Blaue-Reiter-Künstler sind begeistert gewesen von der kraftvollen, "unverbildeten" Volkskunst, etwa den alten, auf Glas gemalten bäuerlichen Heiligenbildern.

Was Marianne von Werefkin tatsächlich so unverwechselbar macht, ist der merkwürdig traumartige Charakter, der die meisten ihrer Bilder auszeichnet, eine Stimmung, die nicht selten etwas Bedrohliches, Unheimliches besitzt.Das eigentliche Element der Künstlerin ist die Nacht.Die Menschen, die fast jedes ihrer Bilder bevölkern, scheinen irgendein dunkles Geheimnis zu hüten.Auf dem Gemälde "Schlittschuhläufer" etwa, das sie um 1911 malte, ziehen die schwarzen Silhouetten der Läufer ihre gleichförmige Bahn im tiefen Blau der Nacht, so als hätte sie ein wirbelnder Strudel erfaßt.Werefkin hüllt ihre Gestalten gerne in schwarze Gewänder, und sie liebt endlose, sich in den Tiefen des Raumes verlierende Straßen, auf denen lange Prozessionen dahinschreiten.Wohin, zu welchem Zweck? Wir erfahren es nicht.Der monotone Gleichklang der Schritte, die tiefe Verbundenheit der Schreitenden wirken auf den Betrachter wie ein beredtes Schweigen, das nicht zu durchdringen ist.

So rätselhaft das Bildgeschehen auch sein mag, die Arbeiten erzählen doch fast immer eine Geschichte.Dieses narrative Element behält die Künstlerin bis zu ihrem Lebensende bei.Damit unterscheidet sie sich stark von ihren Weggefährten aus dem Umkreis des "Blauen Reiter", die im Laufe der Zeit das Individuelle, Subjektive immer stärker in den Hintergrund rückten: seien es die von allen irdischen Schlacken befreiten Geometrien von Kandinsky, oder die mystischen, ikonenartigen Bildnis-Varationen von Jawlensky.Eine Gestaltung, die das Persönliche transzendierte, hat Werefkin nicht interessiert, sie ist zeitlebens Expressionistin geblieben.Eine Expressionistin, die sich konsequent den eigenen, inneren Gesichten stellte.Auf ihre persönlichen Träume hat sie bestanden, so wie sie überhaupt auf ihrem unverwechselbaren Erleben beharrte."Ich bin nicht Mann, ich bin nicht Frau.Ich bin ich", hat sie in ihr Tagebuch geschrieben.Wer sich so radikal zu sich selbst bekennt, der kann wohl nur eine begrenzte Anzahl Menschen erreichen.

Galerie Zunge, Wichertstraße 71, bis 26.Februar; Dienstag bis Freitag 14-20 Uhr.

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