Kultur : „Ich bin nicht Marx, ich bin Woody Guthrie“

Billy Bragg möchte mit seiner Musik nicht mehr die Welt verändern. An den Sozialismus glaubt er nur noch ein bisschen

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Mister Bragg, Sie haben Ihre Musikkarriere in den frühen 80er Jahre als Fan der Londoner Punkband „The Clash“ begonnen. Später haben Sie als „One-Man-Clash“ gegen Thatcher und für streikende Bergarbeiter agitiert. Joe Strummer, der Clash-Sänger, sagt heute: das Politisieren von Musikern war bloß Pose.

Natürlich waren Clash Poseure, aber ihre Pose war doch einfach großartig: sich auf die Bühne zu stellen und zu sagen „Wir verändern die Welt!“. Und ich hab ihnen geglaubt. Wie naiv kann man sein! Nein, ich glaube nicht, dass Popmusik die Funktion hat, die Welt zu verändern. Aber sie kann deine Wahrnehmung der Welt verändern. Und das haben die Clash für mich getan.

Als die DDR noch existierte, sind Sie einige Male beim „Festival des politischen Liedes“ in Ost-Berlin aufgetreten. Wie gefällt Ihnen Berlin seit der Wiedervereinigung?

Als ich nach der Wiedervereinigung das erste Mal wieder auf den Alexanderplatz kam, musste ich lachen: Da stand eine riesige Michael-Jackson-Statue! Vorher hatten sie Marx und Engels, jetzt war da der verdammte Jacko. Wenn das der Fortschritt ist.

Das Marx-Engels-Denkmal steht übrigens noch heute, gegenüber dem ehemaligen Palast der Republik. Bereuen Sie es heute, damals als Sänger von der DDR instrumentalisiert worden zu sein?

Nein, das „Festival des politischen Liedes“ war eine der interessantesten Sachen, die ich in den achtziger Jahren gemacht habe. Ich habe Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt getroffen: aus der Sowjetunion, Kuba, Mosambik. Leute, denen ich sonst niemals begegnet wäre. Und das hat mir eine Menge bedeutet. Andererseits haben diese Reisen nach Ost-Berlin meinen Glauben an den Sozialismus erschüttert. Weil die DDR in ihrer öden Grauheit das genaue Gegenteil war von dem, wie ich mir den Sozialismus vorstellte.

Ausgerechnet 1990, als der Realsozialismus endgültig zusammenbrach, nahmen Sie Songs wie „The Red Flag“ und die „Internationale" auf.

Ich hatte damals das Gefühl, dass in all dem Siegestaumel und der Freude über das Ende des Kalten Krieges auch eine Menge der positiven Aspekte linker Kultur den Bach runter gingen. Traditionen, die uns geprägt haben, und die uns immer noch bewegen. Traditionen wie der Maifeiertag oder der Internationalismus. Und weil ich nicht wollte, dass sie unter der Berliner Mauer zerbröckeln, hatte ich das Bedürfnis, ein Album mit der „Internationale“ als Titelsong zu machen.

Fühlen Sie sich verantwortlich, als Musiker ihre Mitmenschen über den Zustand der Welt aufzuklären?

Es ist mein Beruf, die Gesellschaft widerzuspiegeln. Meine Vorbilder sind Woody Guthrie und George Orwell. Sie haben in den dreißiger und vierziger Jahren versucht auszudrücken, wie sie die Welt um sich herum sehen. Aber es gibt auch eine Menge eskapistischer Musik, die mir gefällt. In den Achtzigern konnte ich noch ziemlich direkt schreiben: über Maggie Thatcher, Ronald Reagan, Apartheid und so weiter. Inzwischen haben sich diese Themen erledigt.Die neuen Themen sind komplizierter. Zum Beispiel die persönliche Identität in der Europäischen Union. Und wie sieht unsere Zukunft aus in der Welt, und wie gehen wir damit um? Ich möchte nicht die achtziger Jahre zurückhaben, aber heute ist es viel schwerer, über die Dinge zu schreiben. Was sind die politischen Aspekte der Globalisierung? Ist die Anti-Globalisierungsbewegung eher eine „grüne“ Bewegung oder eher anarchistisch. Geht es den Globalisierungsgegnern nur darum, die Scheiben von McDonalds einzuschlagen oder steckt mehr dahinter? Ich glaube, der Kalte Krieg hatte es ermöglicht, die Dinge sehr vereinfachend einzuordnen in „links“ oder „rechts". Heute leben wir in einer Welt ohne Ideologien.

Haben Kategorien wie „links“ oder „rechts“ noch eine Bedeutung für Sie?

Ich glaube, die Politik des 21. Jahrhunderts hat noch keine richtige Form angenommen. Vielleicht gibt es einen Keim in der Antiglobalisierungsbewegung für eine neue Richtung. Aber ich weiß es auch nicht. Ich bin kein Marx, ich bin ein Woody Guthrie .

Für ihre Alben „Mermaid Avenue I & II“ haben Sie bislang unveröffentlichte Songtexte von Guthrie vertont. Was bedeutet Ihnen Guthrie?

Er ist der Vater unserer Tradition, von Bob Dylan, The Clash, von mir. Im Gegensatz zu uns hat er das wirklich alles gemacht: ist auf Güterzügen gefahren, hat auf der Straße geschlafen, ist in Armut gestorben. Und er hatte nie eine Hit-Single. Am Ende hat eine schreckliche Nervenkrankheit sein Leben zerstört. Ein Leben wie eine griechische Tragödie. Und trotzdem hat er 2500 Songs von schmerzhafter Schönheit geschrieben. Man kann Woody Guthrie nicht genug preisen.

Hat die Beschäftigung mit Guthries Texten auch Ihr neues Album „England, Half English" beeinflusst?

Ganz bestimmt. Zum Beispiel hab ich zum ersten Mal einen Song über die Freude, Kinder zu haben, geschrieben. Aber hauptsächlich beschäftigt sich „England, Half English“ mit dem Thema nationale Identität. Man darf diese Frage nicht den Rechten überlassen. Der wichtigste Aspekt des „Britisch-Seins“ ist seine große Uneinheitlichkeit. Großbritannien ist die größte multikulturelle Gesellschaft Europas. Seit 1500 Jahren haben ständige Einwanderungswellen unsere Geschichte bereichert. Und das hat zu dieser seltsamen Wikinger-Franzmann-Deutsche-Könige-Winston-Churchill Mischung geführt. Churchill war auch nur half english. Seine Mutter war Amerikanerin. Unsere Geschichte ist voll von solchen Beispielen.

Das Gespräch führte H.P. Daniels .

Billy Bragg spielt heute im Columbia Fritz, 20.30 Uhr.

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