Kultur : „Ich bin quasi auch ein Prozess“

Armin Petras, Chef des Maxim-Gorki-Theaters, über Verrat, Berliner Tempo und sein neues Stück „Mala Zementbaum“

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Herr Petras, Sie sind seit vier Monaten Intendant des Maxim-Gorki-Theaters. Wie sieht Ihre erste Bilanz aus?

Alles in allem: gut. Wir haben 26 Premieren herausgebracht. Eine Produktion mussten wir absagen, zwei fand ich peinlich – ich sage nicht, welche –, und alles andere ist meiner Meinung nach Theater, was man machen kann.

Wie fühlen Sie sich als Intendant? In Ihrem Arbeitszimmer stehen lauter Taschen. Kürzlich haben Sie am Schauspiel Frankfurt die Gorki-Koproduktion „Prinz Friedrich von Homburg“ inszeniert – man hat den Eindruck, Sie sitzen immer auf gepackten Koffern.

Das ist nichts Neues für mich. Vor zehn Jahren habe ich immer gesagt, meine Heimat ist der Interregio, jetzt ist es halt der ICE. Das Problem war für mich eher, ob ich das überhaupt will: Chef sein. Ob ich mich mit anderen Dingen beschäftigen möchte, als zu schreiben und zu inszenieren. Das weiß ich bis heute nicht, das werden erst die nächsten Jahre zeigen.

Was ist das Schwierige am Chefposten?

Ich mag keine offiziellen Verpflichtungen. Ich mag nirgends hingehen, wo ich nicht hingehen will, nur weil ich muss. Ich bin sehr schlecht darin, meine Gefühle zu verstecken.

26 Premieren in etwas mehr als hundert Tagen – das ist wahrscheinlich deutscher Theaterrekord. Vieles wirkte da ein wenig hektisch, weil man um neun Uhr schon wieder auf der Straße stand. Ist das das ureigene Petras-Tempo, oder ist das eher ein Berliner Phänomen?

Wenn dieser flüchtige Eindruck entstanden ist, hat das sicherlich damit zu tun, dass wir anfangs Stücke brauchten, um überhaupt ein Repertoire aufzubauen. Ich glaube, das hat sich jetzt schon entspannt. Ende März wird Stefan Bachmann zum Beispiel Paul Claudels Trilogie „Die Gottlosen“ inszenieren, ein Sechsstundenprojekt, an dem er schon seit Monaten arbeitet. Aber es stimmt schon: Die Produktionsweise meiner Lieblingsregisseure – also Alvis Hermanis in Riga oder Alain Platel, der ein Jahr lang in Gent mit Leuten aus dem Stadtgebiet und Tänzern arbeitet – ist in dieser Stadt, an diesem Theater, unter diesen Bedingungen vollständig unmöglich. Es ist ein anderer Traffic hier, da muss man anders reagieren. Zumindest in dem Stadium, in dem wir jetzt sind.

Am Freitag hat „Mala Zementbaum“ Premiere, ein Stück, das Sie zusammen mit dem Schauspieler Thomas Lawinky geschrieben haben. Lawinky hatte letztes Jahr während einer Aufführung am Schauspiel Frankfurt dem „FAZ“-Kritiker Gerhard Stadelmaier den Block entrissen und seine daraus resultierende Bekanntheit genutzt, sich als ehemaliger inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit zu outen. Warum interessiert Sie dieses Thema?

Es gehört zu den Themen, die sich – genau wie „Baumeister Solness“, „Prinz Friedrich von Homburg“ oder „Café Vaterland“, was Ende Februar Premiere hat – mit unserer programmatischen Spurensuche beschäftigen: Was ist in den letzten zwanzig, in den letzten hundert, in den letzten dreihundert Jahren in dieser Stadt passiert? Für uns war klar, dass das Kapitel Stasi, Zusammenbruch der DDR im Moment wiederkommt, dass es die Menschen interessiert. Erstaunlicherweise gibt es im Theater gar keine Reflexion darüber. Nur diesen inzwischen sehr berühmten Film.

„Das Leben der Anderen“. Es gibt aber auch eine stattliche Fraktion auf beiden deutschen Seiten, die meint, man solle die Akten endlich schließen.

(lacht) Ich habe auch Kritiker getroffen, die mir sagten: „Was wollen Sie denn mit Ibsen? Das ist ja ganz großer Quatsch!“

Aber was genau ist denn der Punkt? Von außen wirkt es, als hätten sich viele Ostler im Alltag weitestgehend freigemacht von DDR und Stasidebatten.

DDR, Stasi, das ist eigentlich gar nicht das Thema des Stückes. Sondern es geht um die Frage: Wie gehe ich mit Verrat und Schuld um? Das beschäftigt das Theater schon seit über 2000 Jahren, zum Beispiel in der „Orestie“. Deswegen heißt das Stück ja auch nicht „Thomas Lawinky hat mal vor fünfundzwanzig Jahren jemanden verpfiffen und leidet noch jetzt darunter – wie gehen wir damit um?“, sondern es heißt „Mala Zementbaum“. Nach einer jüdischen Frau ...

... Mala Zimetbaum, die mit ihrem polnischen Geliebten Edward Galinski aus dem Konzentrationslager Auschwitz geflüchtet ist, denunziert und hingerichtet wurde. Aber trotz dieser nicht unproblematischen Parallele behandelt das Stück sehr konkret und unverschlüsselt die Biografie Thomas Lawinkys, eine Lebensgeschichte, die so nur in der DDR stattgefunden haben kann.

Das will ich gar nicht bestreiten. Wir haben ja auch von Anfang an gesagt: Wir suchen uns Autoren, die am Rande sind: Rolf Dieter Brinkmann, Einar Schleef, Wolfgang Borchert. Genauso geht es mir um angeblich abgearbeitete Biografien. Ich will jetzt hier gar nicht das Fass aufmachen für Ost-Berlin; ich bin selber ja quasi Return-Ostler nach fünfzehn Jahren im Westen und sehe mich längst als Zwitter. Aber es wundert mich schon, in welcher Striktheit dieser Teil Berlins einfach gar nicht vorhanden ist.

Der Fall Thomas Lawinky ist insofern kompliziert, als Lawinky sowohl Mitarbeiter als auch Observierungsopfer der Stasi war; die klassische Täter-Opfer-Opposition also durchkreuzt. Dennoch: Er ließ sich während seiner Armeezeit anwerben; Sie landeten während Ihrer in Schwedt in der Strafkompanie.

Natürlich ist das ein Problem, schon beim Schreiben. Und es ist auch der Grund, warum ich das Stück nicht selbst inszenieren wollte – abgesehen davon, dass wir mit Milan Peschel einen sehr begabten Regisseur gefunden haben. Aber ich hätte wirklich nicht gewusst, ob ich das schaffe: mich zu trennen vom Material und ein Werkzeug zu finden, um es zu bearbeiten.

Die Stadelmaier-Geschichte spielt keine Rolle fürs Stück?

Ich brauche keine Theaterskandale, um etwas zu sagen. Wir hätten das Stück auch später so geschrieben.

Teilen Sie die Welt noch klar ein, zum Beispiel in Ostautoren und Westautoren?

Es existiert so etwas wie eine biografische Herkunft. Für mich gibt es auch bayerische oder österreichische Autoren und sogar bayerische Schauspieler, wenn ich an Bierbichler denke. Oder Achternbusch – das ist für mich zum Beispiel der größte lebende bayrische Dramatiker. Ich muss zugeben: Ich liebe Hitlisten. Ich habe für alles welche im Kopf, das habe ich von Fassbinder.

Was sind Sie nach dieser Kleinstaaterei?

Zwitter. Ich bin Berliner, und ich bin Brandenburger.

Und Sie haben mit Kleist zweifelsohne den größten brandenburgischen Autor der Weltgeschichte im Repertoire. Wer steht denn an der Spitze Ihrer Berlin-Hitliste?

Mit Berlin is et schwierig, würd ick ma sagen. Denn: Was ist Berlin? Am Prenzlauer Berg hat sich Landshut mit Stuttgart vereinigt und schöpft sehr viel Geld noch aus München und Hamburg ab. Und in Lichtenberg sind die paar übrig Gebliebenen. Das Berlin, was ich kannte, lebt jetzt in Frankfurt am Main oder in Hoechst, weil es dort Jobs bekommen hat. Berlin ist mittlerweile am ehesten Hauptbahnhof: so eine Art Drehscheibe, wo man sich trifft. Insofern ist die Frage schwierig zu beantworten: Maxim Biller ist wahrscheinlich inzwischen genauso ein Berliner Autor, wie es Sascha Anderson immer noch ist.

Das klingt, als nähmen Sie die Welt sehr lokalorientiert wahr. Wenn selbst Prenzlauer Berg schon zu groß ist ...

Klar. Ich habe sehr viele Raster im Kopf. Mir hilft lokales Denken, Werkzeuge zu finden, konkret mit Texten umzugehen. Als wir Goethes „Werther“ geplant haben, waren wir uns zum Beispiel einig: Das ist eine Geschichte für Berlin–Mitte. Und das muss unbedingt der Jan Bosse machen, weil das für mich ein Regisseur ist, der in seiner Lebensweise, seinem Auftreten, seiner Freundlichkeit und Klugheit genau dieses neue Personal Berlin-Mitte darstellt. Fast ikonografisch.

Sie haben einmal gesagt, der Arbeitsprozess sei für Sie wichtiger als das Ergebnis. Kann man sich solche Ansichten noch leisten als Intendant?

Natürlich leben wir in einer Warengesellschaft, und ich würde nie bestreiten, dass das, was danach herauskommt, extrem wichtig ist, weil die Ware verkauft werden muss. Aber mich persönlich – und ich bin neben meiner Funktion ja auch noch ein Mensch – interessiert beispielsweise beim Schreiben tatsächlich nicht, dass da am Schluss ein Stück steht, was Leute toll finden. Sondern ich schreibe, weil das für mich – neben vielleicht anderthalb anderen Dingen – die intensivste Erfahrung ist, die ich machen kann. Bei anderen ist das das Oktoberfest oder das Hochkraxeln auf den Kilimandscharo.

Aber die Ware selber, also die Aufführung, kann ja durchaus etwas Prozessuales haben. An welchem Punkt ist für Sie eine Arbeit fertig? Manchmal wirkt es, als könnte das ewig weiterlaufen, man macht nur mit dem Premierentermin halt einen Schnitt.

Sehr interessant, darüber werde ich nachdenken. Dazu kann ich jetzt gar nichts sagen. Ich bin quasi auch ein Prozess: Ich habe nicht immer gleich eine Antwort.

Das Gespräch führten Christine Wahl und Rüdiger Schaper.

Deutsche Lebensläufe: Armin Petras , 1964 im Sauerland geboren, wuchs in Ost-Berlin auf. Er hat seit 1992 landauf, landab inszeniert, Seine größten Erfolge hatte er bisher am Thalia-Theater Hamburg. Seit Beginn dieser

Spielzeit ist er Intendant des Maxim-Gorki-Theaters Berlin.

Unter dem Namen Fritz Kater schrieb Petras zahlreiche Theaterstücke. Für „Zeit zu lieben Zeit zu sterben“ (Regie: er selbst) erhielt Kater/Petras 2003 den Mülheimer Dramatikerpreis.

„Mala Zementbaum“ hat Armin Petras unter seinem eigenen Namen geschrieben. Co-Autor ist der Schauspieler Thomas Lawinky , ein alter Petras-Freund. Lawinky wurde 2006 durch die Frankfurter „Spiralblockaffäre um den Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier und sein Stasigeständnis bekannt. Uraufführung am 9. 2. im Gorki-Theater, Regie: Milan Peschel .

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