Kultur : „Ich bin superelitär“

Der Schallplattendirigent: Eine neue Biografie über Herbert von Karajan seziert dessen Klangwelt

Sybill Mahlke

Keiner übertraf ihn an Prominenz. 34 Jahre amtierte er als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. In unüberschaubarer Menge gingen seine Schallplattenaufnahmen um die Welt. Sie lagen auch in den Konzertsälen Israels aus, wo dem Maestro wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft die Einreise verwehrt blieb. Ihn live zu erleben, war Pilgerfahrten und höchste Schwarzmarktpreise wert.

Umso seltsamer, wie unvermittelt Herbert von Karajans Ruhm unter den Intellektuellen in dunkle Vergessenheit versank, nachdem er am 16. Juli 1989 in Salzburg gestorben war. Irritierend, weil er, der Schallplattendirigent ohnegleichen und Medienfanatiker bis zur HomeVideo-Preisgabe, unermüdlich an seinem „künstlerischen Vermächtnis“ getüftelt hatte. Peter Uehling stellt seiner Karajan-Biografie deshalb die Frage voran, warum der Glanz des „Wunders Karajan“ so schnell verblasste. Die Antwort ist überwiegend musikalische Analyse, wuchernd, ausufernd hier, punktuell da, verquickt mit Biografischem, wo es für die Kunst eine Rolle spielt, zumal in Kapiteln, die mit „Das Parteimitglied“ oder „Krankheiten und Krisen“ überschrieben sind. Ein Rätsel, das die Lektüre aufgibt, besteht in dem Geständnis des 1970 geborenen Berliner Autors, er habe Karajan zwar ein paar Mal in der Philharmonie erlebt, dies aber ohne eine „verwertbare Erinnerung“. Sollte Uehling mit 17 oder 18 Jahren für sein Thema noch nicht empfänglich gewesen sein? Was bleibt von Karajans Charisma?

Der Werdegang wird komprimiert abgehakt, Salzburg, Ulm, Aachen, der Berliner Durchbruch 1938, bis Uehling sein eigentliches Feld betritt: „Die ersten Aufnahmen.“ Von hier an müsste der Leser im Idealfall über eine Sammlung der Platten von Furtwängler, Toscanini, Knappertsbusch, Böhm, Solti, Barbirolli, Boulez, Harnoncourt zum Vergleich mit denen Karajans verfügen. Das Buch scheut kein Detail: „Karajan jedoch bleibt die ganze Zeit über im mezzoforte, um dem Höhepunkt der Passage einen Takt vor Ziffer 6 Wirkung zu sichern“ (über Schönbergs „Pelleas“). Solcher Utopie stillvergnügten Heimkonsums gegenüber behauptet sich das Buch, indem es Klänge wach werden lässt. Und der Musikmarkt lässt ja reiche Auswahl.

Auch Uehlings Karajan-Diskografie kann nichts anderes als eine Auswahl sein. Sie beginnt mit der „Zauberflöten“- Ouvertüre 1938 und führt über das Lebenswerk zu der grandiosen „Alpensymphonie“ mit den Berliner und Wagner/Bruckner-Einspielungen durch die Wiener Philharmoniker. Zusammen mit seinem epochalen Produzenten Walter Legge verwandelt Karajan die Schallplatte vom Dokument zu einer eigenen Kunstform. Aufschlussreich sind Uehlings Vergleiche des „Londoner“ mit dem späteren „Berliner Stil“ Karajans, anhand von Beethoven natürlich, dessen Symphonien allein mit den Berlinern in drei Gesamtaufnahmen vorliegen. Aber auch von Richard Strauss: Der Autor lässt den Leser quasi horchend beobachten, wie ein moderner, artikulierender Karajan dem späteren Klangmagier vorangeht, wie dabei Opernsänger unterschiedliche Chancen haben. „Ariadne“ (1954) mit dem Philharmonia Orchestra gehört zu den Londoner Kultaufnahmen, die Uehling tiefsinnig analysiert, ohne allerdings die Titelsängerin Elisabeth Schwarzkopf zu nennen, auf der das Flair der Interpretation beruht. Auch fehlt ein Register der Aufnahmen, es hätte einen Ergänzungsband gefüllt!

„Ich bin nicht elitär, ich bin superelitär!“ Aus dem Satz spricht der Musiker wie Sportler Karajan, der seinen Perfektionismus auch in die Freizeit übertrug. Sein spezifischer Klang, der stilistische Unterschiede entschärft, wird vom Kirchenmusiker Uehling aufmerksam durchleuchtet. Wie Karajans Vorstellung von Vollkommenheit klingt, wenn die Ansatzgeräusche der Instrumente abgeschliffen werden, wie er dazu neigt, seinem Ideal von Harmonie mehr und mehr Individualität zu opfern – das lässt sich hören in diesem Buch. Gemäß Karajans Wort: „Alle Dissonanzen müssen wir so schön wie möglich spielen.“

— Peter Uehling:

Karajan. Eine

Biografie. Rowohlt- Verlag, Reinbek.

414 Seiten, 24,90 €.

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