Kultur : Ich bin viele

Eiferer gegen das amerikanische Pharisäertum: Todd Solondz und sein Film „Palindrome“

Julian Hanich

Hier sind ein paar Dinge, mit denen dieser Film nicht einverstanden ist: heuchlerische amerikanische Eltern, heuchlerische amerikanische Kinder, heuchlerische amerikanische Christen, heuchlerische amerikanische Juden. Der Film macht sich lustig über Abtreibungsgegner, wiedererweckte Christen und übergewichtige Teenager (wenn nicht alles täuscht, gab es seit „Gilbert Grape“ keine dickere Frau mehr im Kino zu sehen als hier). Er rümpft die Nase über den rituellen Fahnen-Eid. Und an einer Stelle hat man sogar den Eindruck, als ob ihm auch die Emotionen im Schatten des 11. Septembers nicht passen. Man darf also mit ruhigem Gewissen behaupten: Regisseur Todd Solondz fällt nicht in die Kategorie Amerikaner, bei denen der Begriff „glühender Patriot“ seine volle Beschreibungskraft entfaltet. (Es wäre sicher ein Spaß, „Palindrome“ mit einem Rechtsausleger wie Bill O’Reilly oder John Ashcroft anzusehen. Rumpelstilzchen käme im Vergleich einem unterkühlten Stoiker gleich).

Der Film beginnt auf einer Beerdigung – wesentlich erfreulicher wird es nicht mehr. Aufgebahrt steht der Sarg von Dawn Wiener, der Hauptfigur von „Willkommen im Tollhaus“ (1995). Die tote Dawn reicht den Staffelstab der verhunzten Teenager an Aviva Victor weiter. Diese ist 13 Jahre alt und hat bereits ein hehres Ziel: Sie will schwanger werden. Das gelingt ihr ausgesprochen schnell. Die Mutter (Ellen Barkin) findet: zu schnell. Das Kind des Kindes wird abgetrieben. Aviva flieht. Was dann beginnt, ist eine pikareske Reise ins Landesinnere, die uns an „Huck Finn“ erinnern soll. Und hier gehen die Provokationen des Regisseurs erst richtig los.

Solondz, der unbeirrbare Eiferer gegen das Pharisäertum der amerikanischen Mittelschicht, zerrt wieder einmal gnadenlos Dinge ans Licht, die sich andere Regisseure nicht mal anzurühren wagen. In Filmen wie „Happiness“ (1998) und „Storytelling“ (2001) waren das: Geschlechtsverkehr zwischen schwarzen Männern und blonden Mädchen, Vergewaltigung, Masturbation und Kindesmissbrauch. Folglich war auch in „Palindrome“ einiges von ihm zu erwarten. Und tatsächlich, diesmal überrascht er völlig: Todd Solondz hat seinen ersten belanglosen Film gedreht.

Das liegt ausgerechnet an einem Stilmittel, das „Palindrome“ zu etwas Besonderem machen soll. In die Rolle der Hauptfigur schlüpfen sieben verschiedene Darstellerinnen und ein Darsteller – Buñuel hat sich bei „Dieses obskure Objekt der Begierde“ mit einem Viertel davon begnügt. Außerdem sind Solondz’ junge Damen das leibhaftige Gegenteil von Carole Bouquet und Angela Molina: moppelige Teenager-Ichs in zu kurzen T-Shirts. Aber das ist noch nicht alles. Irgendwann taucht die 43-jährige Jennifer Jason Leigh in der Rolle der 13-jährigen Aviva auf. Obskur. Was immer Solondz vorhatte – Verfremdung, Verwirrung –, es tut seinem Film nicht gut.

In „Happiness“ war es Solondz gelungen, den Zuschauer Anteil an der Zerrissenheit eines Päderasten nehmen zu lassen. Diesmal behandelt er seine Figuren so liebevoll wie ein Dreijähriger seine Spielzeugautos. Mit statischer Kamera hält er drauf auf die winselnden Versuche, Mensch zu sein, auf die, wie es bei Mel Brooks heißt, „Möter – halb Mensch, halb Köter“. Und auch den eisigen Humor, mit dem er seine gnadenlosen Exerzitien würzt, senkt er auf Kalauer-Niveau: Sein Abtreibungsarzt heißt „Dr. Fleischer“.

Solondz behauptet, „Palindrome“ sei ein Liebesfilm. Das trifft den Punkt so akkurat, als hätte John McNaughton „Henry – Portrait of a Serial Killer“ zur Kinderkomödie erklärt. Andererseits: Es gibt so etwas wie ein Happy End. Aviva findet Otto. Gut. Für die beiden. Für den Zuschauer ist es da längst zu spät.

Central (OmU), Eiszeit , Filmkunst 66

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