Kultur : Ich Chef, du Turnschuh

Achill, Hitler, Alexander: die Sehnsucht nach dem starken Mann und die Last, ein Held zu sein

Christiane Peitz

So viele Chefs gab’s noch nie. Das Kinojahr 2004 bescherte uns die ganz großen Männer der Geschichte: Welteroberer, Weltzerstörer, Staatslenker, Menschheitserlöser. Es begann im Frühjahr mit Mel Gibsons Jesusfilm und Wolfgang Petersens „Troja“. Nach der Aufregung um Hitlers „Untergang“ und dem jüngsten Fernseh-Fantasy-Ausflug in Siegfrieds „Nibelungen“-Reich steht zum Jahresende der erfolgreichste Feldherr aller Zeiten ins Haus: „Alexander“ der Große, in der Regie von Oliver Stone. Und im Januar folgt „Comandante“ Fidel Castro, ebenfalls von Stone.

Wir machen uns gerne ein Bild von denen, die Geschichte schreiben. Mit voyeuristischer Lust giert der Zuschauer nach dem privaten Moment hinter der Maske der Macht. History? Ja, aber bitte in Nahaufnahme. Napoleon, das war im supererfolgreichen TV-Vierteiler 2003 der Despot als Womanizer. Mel Gibsons Jesus, das ist der bis auf die Knochen geschundene, unter der Last des Kreuzes zusammenbrechende Schmerzensmann. Achill alias Brad Pitt ist eine kapriziöse Kampfmaschine, die mit geschwollenem Bizeps über dem Leichnam des Feindes in Tränen ausbricht. Bruno Ganz als Hitler kleckert mit zittriger Parkinson-Hand beim Nudelessen, Benno Fürmann erscheint als Drachentöter Siegfried wie der linkische Junge von nebenan, und Colin Farrells Alexander trägt zwar einen gefiederten Löwenkopf-Helm, macht aber wegen seiner homosexuellen Züge von sich reden: Das Dreistunden-Epos um den mazedonischen Feldherrn soll in Griechenland nur zensiert auf die Leinwände kommen.

Will heißen: Die Globalisierer und Geostrategen der Antike, die Götter und Dämonen des Abendlandes – sie sind auch nur Menschen. Die Filmbilder lassen das Alphatier zwar nicht zum Jammerlappen schrumpfen, wohl aber zum Normalsterblichen mit gewöhnlichen Begierden und Macken. Ein seltsamer Widerspruch. Da werden Abermillionen investiert – 200 Millionen Dollar allein für „Troja“ und 160 Millionen für „Alexander“ – und ganze Armeen von Komparsen, Kulissenschiebern und Computeranimateuren aufgeboten. Aber bei aller Action im Zuge siegreicher Invasionen oder untergehender Imperien geht es im Kern doch um die Kehrseite der Macht. Nicht die Taten der Tatmenschen sind von Interesse, sondern die Liaison von Größe und Wahn, Hybris und Scheitern, Kraftakt und Einsamkeit.

Mag sein, dass die Häufung der Chef- Filme etwas über die aktuelle Sehnsucht nach dem starken Mann verrät. Nach dem Charismatiker, dem Visionär, der die krisengeschüttelte Welt aus den Angeln hebt. Power sells: Die fünf bestverkauften „Spiegel“-Titelhelden der letzten zehn Jahre sind Schröder, Kohl, Hitler, Bush und Jesus. Schröder? Wohl eher kein Charismatiker. Von den lebenden „Spiegel“-Bestsellern hat am ehesten der US-Präsident das Zeug zum Filmhelden, zumindest in den Augen vieler Amerikaner. Und der Bush-Film des Jahres, Michael Moores „Fahrenheit 9/11“, ist ja irgendwie auch eine Saga vom Big Boss mit menschlichem Antlitz, allerdings unter beißend negativem Vorzeichen.

Doch in den Chefetagen ist die Luft dünn, und in der Höhle des Bösen erst recht. Der Glamour verflüchtigt sich. Tauschen möchte man mit den Mächtigen nicht. Nicht von ungefähr erinnern Hitlers letzte Tage im Bunker an die Bilder des aus seinem Erdloch gezerrten zauseligen Saddam. Sympathy for the Devil? Das nicht, aber Empathie schon. Chef zu sein, ob mit gigantischen Armeen, unerschütterlichem Glauben oder überirdischen Kräften ausgestattet, ist keine Lust, sondern eine Last. Wegen des moralischen Dilemmas, nicht unbedingt zu wissen, was richtig und falsch ist und trotzdem handeln zu müssen. Hollywood lieferte mit „Spider Man 2“ übrigens die Comic-Variante dieser Erkenntnis, als Spinnenmann Tobey Maguire seinen sozialen Überflieger-Dienst kurzerhand quittieren wollte.

Seit „Troja“ ist klar: Die jüngste History-Welle reflektiert auch den Irakkriegskomplex. Homers „Ilias“-Helden und Alexander der Große tummeln sich auf der Achse des Bösen; „Troja“-Regisseur Wolfgang Petersein verglich Weltkriegstreiber Agamemnon gar mit Bush. Falsche Kriegsgründe, Terror, Folter und Geostrategie – das gab’s schon bei den alten Griechen. Und schon damals war der Krieg schmutzig: Mann gegen Mann, mit Messer und Lanze, Pfeil und Bogen. Im Land von Milch und Honig fließen Blut, Schweiß und Tränen. So fantasiert sich die virtuelle Gegenwart das brutal-archaische Altertum herbei, um die Realität des Kriegs zu begreifen.

Eifrig um Authentizität bemüht, zeigt das Kino, was die TV-Bilder von Irakfeldzug und Terroranschlägen nur ahnen lassen: nackte Männerbeine, offene Wunden, Leichen im Wüstenstaub, Nahkampf im Straßendreck. Und der Feuerschein modelliert das Muskelspiel unter der Haut. Das Sinnliche, Physische hat Konjunktur in der Internet-Welt. Dabei geht mit dem Grauen vor der Barbarei ein wohliger Schauder einher. Die Filmpublizistin Sabine Horst schrieb in der „Zeit“ über unser Defizit an Urtümlichkeit: „Wer gerade vergeblich versucht hat, mit der Nagelfeile die SIM-Karte ins neue, extracoole Handy einzusetzen, könnte die Vorstellung, mit Schwert oder Dreizack loszustürmen, durchaus als attraktiv empfinden.“ Auch deshalb zeigen sich Siegfried, Achill und Alexander zum Anfassen nah.

Dass die Helden unserer Zeit so unheldenhaft daherkommen, hat natürlich auch etwas mit dem heutigen Männerbild zu tun. Schwarzeneggers Macho-Ära ist passé, aber die der tugendhaften AllAmerican-Boys à la Kevin Costner genauso. Echte Kerle sollen es auf der Leinwand schon sein, nicht solche mediokren Politiker wie in der Wirklichkeit. Dabei gehören Teamgeist und das Zeigen kleiner menschlicher Schwächen längst zu den Führungsqualitäten. Die hatte schon Hitler: Seine Sekretärinnen behandelte er mit liebenswürdigem Respekt,seine Generäle waren ihm bis zur letzten Stunde im Bunker ergeben. Und Alexander mag homoerotische Vorlieben gehabt haben, eine Kämpfernatur war er trotzdem.

Eine verwirrende Lage. Dass Angst nützlich sein kann, wussten die antiken Recken. Ihre Filmdialoge über die eigene Verletzbarkeit klingen wie ein fernes Echo auf das aktuelle Erschrecken über Foltergefängnisse und Soldatengehorsam. Beruhigende Vorstellung: Zwar erfüllen sich Produzenten und Filmemacher ihre Kinderwünsche und filmen die Leinwandschlacht ihres Lebens, während der Kinogänger seine Lust auf Stärke befriedigt. Aber richtig ernst ist all das nicht gemeint: Munter changiert das Genre zwischen Doku-Drama und Retro-Trash, Fantasy-Epos und Ritterburg-Spektakel. Die Filme selbst wissen um ihr kindisches Moment. Machen die Brustpanzer-bewehrten Feldherrn und mythischen Jünglinge im Fellgewand nicht eher eine komische Figur – zu schweigen vom großdeutschen Bürstenbartträger in Uniform? Und so lange solche Siegertypen nur im Kino erwünscht sind, braucht man sich um die Demokratie ohnehin keine Sorgen zu machen.

In Godards „Verachtung“ schwärmt der amerikanische Produzent: „Götter! Ich mag Götter! Ich weiß genau, wie sie sich fühlen.“ Worauf „Nibelungen“-Regisseur Fritz Lang persönlich ihn daran erinnert, dass nicht die Götter die Menschen, sondern die Menschen die Götter geschaffen haben.

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