Kultur : Ich Chef, du Turnschuh

HARALD MARTENSTEIN

Türkisch-deutsches Kino? Es ist zehn, fünfzehn Jahre her.Damals lag im Schaufenster einer dieser türkischen Videotheken in Kreuzberg ein sonderbarer Film.Ich habe ihn aus Neugierde ausgeliehen.Er hieß, glaube ich, "Polizei" und spielte in Kreuzberg.Alle Beteiligten, Schauspieler und Drehteam, waren Türken.Sogar die strengen deutschen Polizisten wurden von langhaarigen und schnauzbärtigen Türken gespielt, die sich in ihren Szenen das Grinsen nur mühsam verbeißen konnten.Die Story war zum Vergessen, die Kamera wirkte dilettantisch, die meisten Schauspieler waren bemühte Amateure.Aber das kleine Werk bewies immerhin, daß sich in der türkischen Gemeinde Berlins eine eigene Filmszene entwickelt hatte, mit eigener Weltsicht.Wir, die Deutschen, bekamen davon nichts mit.Wir kannten damals vor allem "40 Quadratmeter Deutschland" von Tevfik Baser, der in Hamburg lebte und von dem man danach nicht mehr viel gehört hat.

"40 Quadratmeter Deutschland", gedreht 1985, erzählt die Geschichte einer türkischen Frau, die von ihrem Mann in der Wohnung als ein menschliches Haustier gehalten wird.Viele Jahre lang haben düstere Filme wie dieser oder wie "Yol" von Yilmaz Günay (1982) unser Türkei-Bild bestimmt.In Frankreich und in England entstanden unterdessen sehr viele und sehr verschiedene Filme, die über das Leben der Einwanderer erzählten.Sie waren lustig, spannend oder berührend, sie waren kommerziell erfolgreich, und sie wurden sogar exportiert.So sahen wir zum Beispiel von dem Regisseur Stephen Frears, nach Drehbüchern von Hanif Kureishi, "Mein wunderbarer Waschsalon" (1985) oder "Sammy und Rosie tun es" (1987) aus England, und wir sahen "Tee im Harem des Archimedes" (1985) von Mehdi Charef aus Frankreich.

Neuerdings werden auch in Deutschland solche Filme gemacht, mehr als zehn Jahre danach."Ethno-Kino" ist dafür sicher das falsche Wort.Aber wie soll man es nennen? Während bei uns über die doppelte Staatsbürgerschaft gestritten wird, gibt es plötzlich Filme, die längst eine doppelte Staatsbürgerschaft haben.Sie werden vor allem von Türken und Kurden gemacht, die mit oder ohne deutschen Paß in Deutschland leben, für ein deutsches und türkisches Publikum.Sie sind nicht perfekt, diese Filme.Aber: sie sind formal erfrischend unterschiedlich, sie schlagen ganz verschiedene Tonlagen an.Sie sind politisch, aber sie rühren nicht die Trommel der Betroffenheit.

In "Yara" - Regie: der 30jährige Yilmaz Arslan, der in Heidelberg lebt - wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die in Deutschland aufgewachsen ist und von ihrer Familie nach Anatolien verbannt wurde, zum Onkel.Erst allmählich erfahren wir, warum: Die Frau ist krank.Verrückt.Natürlich sind es die Verhältnisse, die sie verrückt gemacht haben.Sie flieht und will zurück nach Deutschland.Denn Deutschland heißt für sie Freiheit."Aprilkinder" - Regie: der 34jährige Hamburger Yüksel Yavuz - ist eine facettenreiche Familiengeschichte aus Hamburg.Im Mittelpunkt steht Cem, der älteste Sohn, der seine anatolische Cousine heiraten soll, die er kaum kennt.Aber Cem hat sich in eine deutsche Prostituierte verliebt.Am Ende fügt er sich der Familie, aber man ahnt bereits, daß es der jüngere Bruder und die Schwester in ein paar Jahren anders machen werden."Aprilkinder" läuft bereits in den Kinos, und der charismatische Hauptdarsteller Erdal Yildiz hat das Zeug, zum Star dieser türkisch-deutschen Nouvelle vague aufzusteigen.

"Yara" kommt mit surrealistischen Einlagen und heiligem Ernst daher, "Aprilkinder" als ein lakonisches Kammerspiel."Ich Chef, du Turnschuh" ist eine Burleske.Regie: der 36jährige Hussi Kutlucan, der auch die Hauptrolle spielt.Kutlucans Biographie wurde von der Berliner Alternativszene geprägt, er arbeitete früher als Elektroinstallateur und zupfte eine Zeitlang den Baß bei der Punkband "Die Ärzte".Sein Film spielt unter Asylbewerbern und Schwarzarbeitern in der Umgebung des Potsdamer Platzes, er ist manchmal sehr komisch und manchmal so holprig wie damals "Polizei".Beim Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken, wo diese drei Beispiele der türkischen Nouvelle Vague zu sehen waren, fühlte sich ein Kritiker durch Kutlucan an die alten Italo-Klamotten mit Adriano Celentano erinnert.Jetzt, bei der Berlinale, wird im Panorama "Lola und Bilidikid" von Kutlug Ataman gezeigt, ein Film aus der deutsch-türkischen Schwulenszene.Im Forum läuft "Dealer" von Thomas Arslan, der mit "Geschwister" vor ein paar Jahren einen der ersten und schönsten Filme der neuen Welle inszeniert hat, ein bißchen im Stil des frühen Scorsese.

Kann man das neue türkisch-deutsche Kino auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Sein Feindbild sind nicht die Deutschen.Es funktioniert also nicht so, wie der traditionelle, politisch korrekte deutsche Linke es sich vorstellt, oder die nationalistische türkische Boulevardpresse.Die neuen Regisseure arbeiten sich an den Dämonen der eigenen Tradition ab.Die Hauptfiguren ihrer Filme haben die Werte der liberalen deutschen Gesellschaft mehr oder weniger verinnerlicht.Sie wollen sich ihre Liebespartner selbst aussuchen, sie sind moderne Individualisten, sie wollen sich frei bewegen, vor allem die Frauen.

In fast allen Filmen taucht der Generationskonflikt auf - zwischen den Alten, die noch ganz in der Welt der muslimischen Gesetze leben, und den Jungen, die geistig in Deutschland angekommen sind.Fast alle Filme erzählen die Integration als Familiendrama.Die deutsch-türkischen Filme wirken wie Kommentare zur aktuellen politischen Diskussion über doppelte Staatsbürgerschaft, über Integration und Islamunterricht an den Schulen.Sie handeln von Menschen, die nach einer neuen Identität suchen, von innerlich Zerrissenen, die weder ihre Familie verraten möchten noch ihren eigenen Traum von einem selbstbestimmten Leben in einem freien Land.Vielleicht sind die Türken die einzigen, die in Deutschland zur Zeit politische Gegenwartsfilme machen.

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