Kultur : Ich, der Enkel

Erinnerung und Kultur: Auch in Estland beginnt die Zukunft in der Vergangenheit / Von Emil Tode

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Das französische Städtchen Domme hockt auf einem hohen Hügel aus Kalkstein wie auf dem Scheitel eines Erdriesen, ein wenig so wie in Tallinn das Domviertel. Nur ist dieser Felsen hier viel höher, und unter ihm breitet sich nicht der kalte Finnische Meerbusen, sondern die mütterliche Dordogne, und im Hintergrund die Felshöhen auf der anderen Seite des breiten Tals. Der Fluss hatte viel Zeit, dieses Tal zu formen, und sein Werk wurde nicht wie dort oben im Norden von den Gletschern der letzten Eiszeit zunichte gemacht. Der Kalkstein selbst ist natürlich eine Hinterlassenschaft – ich bin nicht sicher, ob des Silur, des Jura oder der Kreidezeit, als sich hier ein tropisches Meer voller Korallen erstreckte, womöglich bis hinauf nach Estland. Das Gestein, das jene Lebewesen geschaffen haben, ist weich, und das Wasser konnte im Lauf der Jahrtausende ohne Schwierigkeit seine Höhlen hineingraben. Auch der Felsen, auf dem Domme steht, ist voll davon.

Viel später boten diese Höhlen einem anderen Lebewesen Wohnstatt. Ich weiß nicht, welchen Namen es sich selbst gab, wir jedenfalls nennen es Homo, Homme, Mensch. Welchen Begriff machten sich jene Menschen von der Welt und vom Vergehen der Zeit? Wie sahen sie die Zukunft, und hatten sie überhaupt ein Wort für jenes imaginäre Etwas? Bestimmt sprachen sie über die Vergangenheit, erzählten sich im Schein des Feuers Geschichten, oder sie schwiegen, und die Geschichten erzählten sich selbst.

Einer meiner Bekannten hat zu Hause keinen Fernseher, und somit fehlt der Familie der bequeme Babysitter. Dafür gibt es einen Kamin, und wenn seine kleinen Söhne abends zu sehr außer Rand und Band sind, zündet er ein Feuer an und sitzt mit den Jungen davor, bis ihnen die Augen zufallen.

Für jene vorzeitlichen Menschen (wir nennen sie heute nach dem ganz in der Nähe gelegenen Ort Cro-Magnon) kam irgendwann der Tag, an dem sie zu den Hügeln nördlich des Flusses nicht nur hinüberschauten, sondern aufbrachen. Es war vielleicht gegen Ende des Winters, und der noch zugefrorene Fluss war leicht zu überqueren. Das Abschmelzen der europäischen Gletschermassen hatte ja erst vor wenigen Jahrtausenden begonnen, und der Vorfrühling war damals in Südfrankreich ebenso rau wie heute in Estland oder Finnland. Allerdings stieg die Sonne höher als im Norden, auch damals.

Warum sie aufbrachen, weiß ich nicht. Warum gehen Menschen überhaupt woanders hin, wo doch so viel die Rede von Zuhause und Sicherheit ist, und vom Verwurzeltsein, gerade als ob sie am liebsten Bäume wären?

Gestern fuhr ich in meinem Mietwagen mit Tempo 130 auf der Autobahn Toulouse–Paris in Richtung Norden. Von einer Anhöhe sah ich unter mir in der Ebene die Autos, die in der Abendsonne dahinkrochen wie glänzende Käfer, nach Norden und nach Süden. Wozu geht man fort, wenn man denselben Weg gleich wieder zurückkommt? Im Endeffekt haben es meine Vorfahren weiter gebracht, die in wenigen Jahrtausenden oder auch nur Jahrhunderten die zweitausend Kilometer von der Dordogne bis zum Finnischen Meerbusen zurücklegten.

Ja, warum gingen sie fort? War Wandertrieb die Ursache oder das Traumgesicht eines Schamanen? Hatten sie ein Tabu übertreten und dafür eine Strafe abzubüßen? Dann war sie sicher hart. Heute sind sieben Jahre schon ein hohes Strafmaß. In biblischen Zeiten galt ein Fluch über sieben Generationen. Zu den Zeiten der Schamanen im Dordogne-Tal müssen es sieben mal siebzig Generationen gewesen sein.

Solchen Gedanken hing ich nach, während ich in Domme auf einer Aussichtsterrasse für Touristen saß und den Blick nach Norden schweifen ließ. Der Kuckuck rief, und um das Dach der romanischen Kirche strichen die Schwalben. Ganz wie bei uns. Doch wo ist das eigentlich: bei uns? Vielleicht, ging es mir durch den Kopf, bin ich ja der Erste meines Geschlechts, der nach Ablauf der sieben mal siebzig Generationen wieder zurückdarf, hierher nach Domme, nach Hause.

Denn so weit es sich zurückverfolgen lässt, haben meine Vorfahren, Jahrhunderte hindurch meist Bauern und Handwerker, niemals nennenswerte Reisen unternommen. Erst meine Großväter sind weiter in der Welt herumgekommen, wenn auch unfreiwillig. Der Vater meiner Mutter nahm am russisch-japanischen Krieg teil, und der Vater meines Vaters wurde 1941 nach Russland deportiert, wo er spurlos verschwand.

Erst 1989, als die KGB-Archive geöffnet wurden, erfuhren wir, dass er ein halbes Jahr nach seiner Verhaftung in Nowosibirsk im Gefängnis gestorben war. Man hatte ihn zum Tode verurteilt, weil er jemanden vor der Erschießung gerettet hatte. Doch bevor sie ihn selbst erschießen konnten, starb er, wahrscheinlich an Auszehrung. Genau am estnischen Nationalfeiertag. Er war ihnen auf seine Art entwischt, und irgendwie war ich froh darüber. Wissen zu müssen, dass er erschossen wurde, wäre viel bedrückender. Es würde bedeuten, dass der alte Fluch immer noch mächtig ist. So aber kann man das Gefühl haben, dass er nach und nach seine Kraft verliert. Ich, der Enkel, kann mich jetzt frei in diesem großen Land Europa bewegen, in dem jedenfalls zurzeit über niemanden mehr die Todesstrafe verhängt wird.

Vielleicht, dachte ich noch, ist an dem ganzen Gerede vom Ende der Geschichte doch etwas dran. Was ist die Geschichte anderes als ein Haufen blutrünstiger Romane, jeder mit einem anderen Volk als Helden. Die Menschheit hat keine Geschichte, sondern eine Vergangenheit. Im Gegensatz zur Geschichte ist sie real und beständig. Sie steht jedem frei, so wie die Gegenwart, und niemandem fällt es ein, ihretwegen jemanden umzubringen. Geschichte ist beunruhigend und angsteinflößend, Vergangenheit besänftigend wie der Feuerschein an der Höhlenwand. Und vielleicht dauert es nicht mehr gar so viele Jahrtausende, bis Europa und die ganze Menschheit unter ihrer Geschichte diese Vergangenheit wiederfinden.

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