Kultur : Ich Faust, du Claus

Die Theaterbücher des Jahres: Brecht, Müller, Grüber, Peymann & Co.

Peter Becker

So viele Namen, und fast alle doch gute, alte Bekannte. Was auffällt und hervorragt im großen Theaterbücherstapel des Jahres, sind Geschichten von und über die Herren Klassiker der Moderne. Den dicksten Einzelband kriegt dabei, passend zum Ego, der Peymann ab, die größte Ausgabe aber gehört Heiner Müller.

Eben sind bei Suhrkamp die „Gespräche“ als Bände 10 bis 12 der somit abgeschlossenen zwölfbändigen Heiner-Müller-Gesamtausgabe erschienen (die es im Paket und mit 7100 Seiten für 298 € gibt). Wer Müller nun in einer Krebszangenbewegung rückwärts, seitwärts ausscherend kennenlernen oder wiederbegegnen möchte, dem seien noch vor seinen Stücken und Stück-Übersetzungen die Gedichte im ersten Band sowie jetzt die Gespräche empfohlen. Da schmecken Müllers Poesie und Poetik, seine dramatische und politische Philosophie konzentriert wie ein starker Espresso: sehr bitter, durch Witz versüßt, die Müllermilch von keiner frommen Denkungsart, nur Blutschaum und Lachtränen, seine singuläre Mischung.

Davon wird demnächst noch die Rede sein, weil am 9. Januar der schlaueste Kopf der untergegangenen DDR und des wiedervereinigten Deutschlands 80 Jahre alt geworden wäre. Mal sehen, mal hören, ob auf den schon aufgebauten Podien und Bühnen dann wieder Müllers Interviewdiktum gilt, dass „zehn Deutsche“ logischerweise „dümmer sind als fünf Deutsche“.

Der Satz hätte wahrscheinlich auch Bert Brecht gefallen. Im Übrigen tut der Kapitalismus derzeit alles, dem Antikapitalismus der Dichter Brecht & Müller wieder auf die Sprünge zu verhelfen. Andererseits ist die Brecht-Industrie im weltweiten Imperium der B.B.-Sekundärliteratur völlig konjunkturunabhängig. Zumal es ja immer noch Ausgräber gibt.

So porträtiert Jürgen Hillesheim in „Bertolt Brecht – Erste Liebe und Krieg“nicht nur einmal mehr Brechts frühe Liaison mit Paula Banholzer, der ein im Zweiten Weltkrieg gefallener Sohn entsprang. Hillesheim präsentiert auch ein paar neue alte Fotos der Augsburger Gymnasial Lover Bert und Paula (alias „Bi“), und nun lesen wir zum ersten Mal auch einen im Juli 1918 vom damals 20-jährigen B. B. anonym veröffentlichten Aufsatz in den „Augsburger Neuesten Nachrichten“, in denen der Jungdichter die „Schlussfeier der Maria-Theresia- Schule“ wie eine Aufführung rezensiert – wohl um die Abiturientin Paula B. damit zu beeindrucken. Das Fundgrüblein tut sich auf als hübsch gestaltetes „pocket“ im Augsbuch Verlag, der uns über Brechts Augsburger Anfänge und seine Familie immer wieder ein paar Rara und Kuriosa beschert (98 Seiten, 14,80 €).

In der Flut der ganzen Brechtiana herausragend ist freilich die kürzlich erschienene erste große Biografie über Brechts 1941 im Moskauer Exil elendig jung gestorbene Mitarbeiterin und Geliebte Margarete Steffin: seine von ihm als „Lehrerin“ und treuer kleiner „Soldat“ bezeichnete „Grete“. Der Berliner Dramaturg Hartmut Reiber, der einst schon Steffins hinterlassenes Theaterstück „Wenn er einen Engel hätte“ entdeckt und 1978 uraufgeführt hatte, ist in „Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin“ (Eulenspiegel Verlag Berlin , 384 Seiten, 24,90 €) allen auffindbaren Spuren Steffins in deutschen und russischen Archiven nachgegangen und hat noch mit Zeitzeuginnen wie Lou Eisler und Asja Lacis gesprochen. Diesem eindringlichen Stück deutscher Kultur- und Künstlerinnengeschichte sind viele Leser zu wünschen.

Keine richtige, nicht mal eine halbe Biografie ergeben die Gespräche und Notizen, die Dario Fo zusammen mit der Mailänder Journalistin Giuseppina Manin unter dem allzu verheißungsvollen Titel „Die Welt, wie ich sie sehe“ vorstellt (Rotbuch Berlin, 191 S., 19,90 €). Der große Komödiant und Farcen-Verfasser, 1997 mit dem Literaturnobelpreis überrascht, hätte eine weniger fahrige Würdigung verdient – und im Deutschen endlich mal seine Entdeckung als Kunsthistoriker. Kleiner Tipp: Man übersetze nur, was Dario Fo über Mantegna geschrieben hat.

Gar nichts geschrieben, nur oft anregend, intelligent, zornig, selbstbewusst geredet hat der Schauspieler, Regisseur und Musiker Thomas Thieme mit dem Journalisten Frank Quilitzsch: Da haben sich zwei gebürtige Thüringer getroffen und den gut geballten Paperback „Thomas Thieme. Ich Faust“ als unterhaltsame Biografieausrede zustande gebracht (Verlag Theater der Zeit, 264 Seiten, 18 €).

Nicht nur Gerede, Gespräche, Interviews, sondern auch ein riesiger Zettel kasten mit Zitaten, Briefen, Tagebuch aufzeichnungen, kulturpolitischen und anderen Dokumenten mitsamt Karikaturen und Fotoschnipseln haben das vorerst ultimative „Peymann von A bis Z“- Lexikon ergeben, das Hans-Dieter Schütt im Verlag Das Neue Berlin herausgewuchtet hat (479 Seiten, bis jetzt 19,90, ab 1. Januar 24,80 €). Stuttgart, Bochum, Wien, Berlin und Tutti Quanti, die Autorenheroen von Thomas Bernhard bis Peter Handke und die ungenannten Scheißkritiker passieren Revue: Sprüche und Widersprüche, und überall schaut Claus heraus, wie er einst brannte und jetzt sich wärmt.

Noch tiefere Einsichten fordert der im Sommer verstorbene Regiekünstler Klaus Michael Grüber heraus. Im Berliner Alexander Verlag, der 2008 seinen 25. Geburtstag feiert(e), hat der Theaterwissenschaftler Friedemann Kreuder nach „Formen des Erinnerns im Theater Klaus Michael Grübers“ gesucht und eine gründliche Studie vorgelegt, die bis zu den Berliner „Bakchen“ von 1974 zurückgeht (175 Seiten, 9,90 €). Dagegen ist der Kritiker Klaus Dermutz in „Klaus Michael Grüber. Passagen und Transformationen“ bis zu Grübers Anfängen bei Giorgio Strehler im Mailand der 60er Jahre zurückgetaucht – und hat zudem eindrucksvolle Gespräche mit Grübers Weggenossen geführt. Schon was Peter Stein, Bruno Ganz, Peter Zadek, der Dirigent Claudio Abbado oder der Künstler Anselm Kiefer erzählen, ist das Buch wert (Lit Verlag Münster, 181 S., 14, 90 €).

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