Kultur : „Ich fühle mich erleuchtet“

Carl St. Clair, der designierte GMD der Komischen Oper, im Gespräch

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Herr St. Clair, herzlichen Glückwunsch nach Nashville/Tennessee. Wie geht es Ihnen, was machen Sie gerade?

Ich dirigiere hier als Gast Beethovens „Egmont“-Ouvertüre, Haydns D-Dur-Cello- Konzert und Phil Glass’ „The Passion of Ramakrishna“. Und irgendwie fühle ich mich erleuchtet.

Von Ramakrishna?

Vielleicht auch, ja. Nein, ich freue mich einfach. Das klingt jetzt wahrscheinlich viel zu pathetisch, aber für mich geht mit der Komischen Oper ein Traum in Erfüllung. Wenn ich nur daran denke, wer vor mir diese Position innehatte: Otto Klemperer, Rudolf Kempe, Kurt Masur! Wir Amerikaner sind ja sehr traditionsbewusst.

Mit und seit Walter Felsenstein ist die Komische Oper aber immer auch ein Haus der starken Regisseure gewesen.

Und zwar bis heute, das ist ja das Tolle! Auf mich wirkt diese unbedingte Mesalliance zwischen Musik und Szene wie ein Magnet. Überhaupt ist an der Behrenstraße der Teamgeist ja absolut vorherrschend. Das reizt mich.

Was halten Sie vom Regietheater radikalerer Prägung, wie es an der Komischen Oper bisweilen auch vorkommt?

Ich fürchte mich nicht davor, wenn Sie das meinen. Im Gegenteil: Ich halte es für dringend nötig, dass wir die alten Stücke und Stoffe neu lesen. Das sind wir unserem Publikum schuldig. Und überhaupt der Kunstform Musiktheater: Damit sie frisch und stimmig bleibt und gesund.

Was haben Sie bei Ihrem Probedirigat im Januar eigentlich dirigiert?

Mozart und Brahms, die Vierte. Und ich sage Ihnen: Die Chemie mit dem Orchester hat sofort gestimmt! Es war ein absolut positives, erregendes Musizieren miteinander. Leider dauert es jetzt ein bisschen, bis wir wieder zusammenkommen. Wir haben das kommende Silvesterkonzert und ein anderes Symphoniekonzert verabredet sowie im Frühjahr 2008 dann eine neue „Bohème“, die Andreas Homoki selbst inszenieren wird.

Mit 58 Dirigaten pro Saison und einer sechsmonatigen Anwesenheit in Berlin werden Sie ausgiebiger vor Ort sein als Ihr Vorgänger Kirill Petrenko mit 51 Abenden und fünf Monaten.

Ich möchte das Haus richtig kennenlernen, ich möchte persönliche Beziehungen in alle Richtungen aufbauen – dafür brauche ich Zeit. Und die nehme ich mir.

Wenn Sie Ihr Amt an der Komischen Oper im Herbst 2008 antreten, waren Sie gerade einmal zwei Jahre Generalmusikdirektor in Weimar. Ist das nicht ein bisschen kurz?

Kurze Antwort: ja.

Es tut Ihnen leid?

Ich bin in meinem Leben immer ein sehr treuer Mensch gewesen, beim Stuttgarter SWR war ich sechs Jahre lang, mein kalifornisches Orchester, das Pacific Symphony, leite ich seit 17 Jahren. Insofern tut es mir leid, mich von Weimar so früh verabschieden zu müssen. Ich habe ein leidenschaftliches Verhältnis zur dortigen Staatskapelle, und ich werde versuchen, das über 2008 hinaus zu pflegen. Unseren „Ring“ aber machen wir fertig, „Siegfried“ nächsten September, „Götterdämmerung“ dann im Juni 2008.

Von Weimar nach Berlin-Mitte: Fühlt sich der deutsche Osten für Sie als kalifornischen Texaner nicht exotisch an?

Gar nicht! Abgesehen davon, dass Oper immer ein internationales Geschäft ist, begegnen mir die Menschen mit einer großen Offenheit und Freundlichkeit. Umgekehrt bin ich natürlich auch freundlich und offen – und ich schätze das ostdeutsche Arbeitsethos sehr.

Durch Ihren Lehrer Walter Ducloux sind Sie europäisch geprägt ...

... ich würde sagen: deutsch geprägt. Ducloux’ Thema war die deutsche romantische Tradition. Erst durch Leonard Bernstein hat sich mein Musikbegriff erweitert, von Seiji Ozawa habe ich gelernt, was Konzentration heißt, und Kurt Masur ist für mich untrennbar mit Brahms verknüpft. Auch im Namen meiner Lehrer ist die Einladung an die Komische Oper für mich eine Ehre.

Bisher haben Sie allerdings mehr sinfonisches Repertoire dirigiert als Oper.

Für einen amerikanischen Dirigenten ist es nicht untypisch, in die eine oder andere Schublade gesteckt zu werden. Aber ich versichere Ihnen: Die Oper fasst mich an. Und für meine Entwicklung ist sie exakt das Richtige zur richtigen Zeit.

Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Immer Mozart, das braucht dieses Haus, auch Puccini. Darüber hinaus liegt mir die amerikanische Oper sehr am Herzen, vor allem ein paar junge Komponisten, um die ich mich weiter kümmern möchte. Ich halte es für unabdingbar, dass die Opernbühne Themen verhandelt, die uns und unser Publikum heute direkt etwas angehen. John Adams’ „Doctor Atomic“ ist dafür nur ein prominentes Beispiel.

Woher kommt eigentlich Ihr Name?

Mein Großvater stammt aus Mähren, meine Großmutter aus Deutschland. Sie haben sich auf dem Schiff nach Irland kennengelernt und konnten kein einziges Wort miteinander sprechen. Eigentlich ist St. Clair nur die katholische Version von Sinclair. Fleißig zu sein, dankbar und bescheiden, so bin ich erzogen worden.

Das Gespräch führte Christine Lemke- Matwey.

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