Kultur : Ich fürchte Kafka, wie eine große Maschine

Warum die Verbindung Kafka - Levi? Die Wahl habe nicht ich getroffen, sondern der Verlag, mir wurde der Vorschlag gemacht, und ich habe ihn angenommen. Um die Wahrheit zu sagen, ein wenig leichtfertig, denn Kafka hat nie zu meinen Lieblingsautoren gezählt. Es ist nicht gesagt, daß man die Autoren bevorzugt, zu denen man eine Affinität besitzt, oft geschieht gerade das Gegenteil. Ich denke, Kafka gegenüber war meinerseits nicht so sehr Desinteresse im Spiel, sondern ein Gefühl von Abwehr, das habe ich festgestellt, als ich den "Prozeß" übersetzte. Mir war, als ob von diesem Buch eine Aggression ausginge, und ich mußte mich dagegen wehren. Gerade weil es ein sehr starkes Buch ist, das einen wie eine Lanze, wie ein Pfeil durchbohrt. Jeder von uns fühlt, daß ihm selbst der Prozeß gemacht wird. Außerdem ist es eine Sache, ein Buch im Sessel sitzend zu lesen, in einem Zug ohne Pause, und eine andere, es Wort für Wort, Furche um Furche zu durchpflügen, wie man es beim Übersetzen tut. Ich muß sagen, daß ich beim Übersetzen des "Prozeß" den Grund meiner Abneigung gegen Kafka begriffen habe, es ist eine Abwehr, die auf Angst gründet. Vielleicht auch aus einem bestimmten Grund, Kafka war Jude, ich bin Jude, "Der Prozeß" beginnt mit einer unvorhersehbaren und ungerechtfertigten Verhaftung, und meine Laufbahn begann mit einer unvorhersehbaren und ungerechtfertigten Verhaftung. Kafka liebe ich nicht, aber ich bewundere ihn, fürchte ihn wie eine große Maschine, die dich niederwalzt, wie den Propheten, der dir dein Todesdatum verkünden wird. Welche Entscheidungen haben Sie beim Übersetzen getroffen? Ich habe versucht, den Leser die syntaktische Dichte des Deutschen nicht als Belastung spüren zu lassen. Bei einigen schwerfälligen, mühseligen Stellen habe ich die Feile angesetzt, habe einige Satzgebilde zerlegt. Ich hatte dabei keine Skrupel, wenn ich nur den Sinn wahren konnte. Kafka scheut nicht vor Wiederholungen zurück, innerhalb von zehn Zeilen wiederholt er dreimal, viermal dasselbe Substantiv. Das habe ich möglichst vermieden, weil es im Italienischen nicht üblich ist.Beim Übersetzen gibt es zwei entgegengesetzte Pole. An dem einen Extrem steht Vincenzo Monti mit seiner Fassung der Ilias: Er erzählt uns die Geschehnisse in einer Sprache, die nicht mit der ursprünglichen gemein hat, die von seinem zeitgenössischen Geschmack geprägt ist. Am anderen Extrem befindet sich die Interlinearübersetzung, die in der Schule gepflegte Wort-für-Wort-Übersetzung, die versucht, den Sinn des Textes möglichst genau wiederzugeben. Das erste Verfahren bringt den Leser dahin, etwas zu genießen, was er gewohnt ist, das zweite läßt in ihm immer den Eindruck bestehen, daß er einen übersetzten Text liest. Mir schien, zwischen diesen beiden Extremen könnte man einen Mittelweg finden, auch damit ich mich als Schriftsteller nicht zu sehr verstümmeln müßte. Vor allem bei den Dialogen kam es mir gekünstelt vor, ein entsprechendes, nach Maß gefertigtes Italienisch nachschaffen zu wollen, das die Ausdrucksweise einer in Zeit und Raum ziemlich fernen Sprache reproduziert, wie es das Prager Idiom der zwanziger Jahre ist. So sprechen meine Romanfiguren, bei Josef K. angefangen, heutiges Italienisch. In Ihrer Nachbemerkung zum "Prozeß" sprechen Sie von Ihrer mangelnden Affinität zu Kafka... Die mangelnde Affinität rührt meines Erachtens daher: Kafka ist ein von Visionen erfüllter Schriftsteller, der endlos seine Halluzinationen schildert, die großartig, bewunderungswürdig sind. Er verläßt diese Bahn nie, reicht dir nie die Hand, um zu erklären, was dahintersteckt, was sie bedeuten. Er überläßt dem Leser die gesamte Bürde der Deutung, und tatsächlich gibt es unendlich viele Deutungen Kafkas; allein für dieses Buch, "Der Prozeß", sind es mindestens zwanzig. Ich habe, wobei ich mir des abgrundtiefen Qualitätsunterschieds zwischen mir und Kafka wohl bewußt bin, in meinen Büchern einen anderen Weg eingeschlagen. Ich habe angefangen, indem ich über das Lager schrieb, dann habe ich weiter über Dinge geschrieben, die ich selbst erlebt habe, dabei habe ich immer versucht, zu erklären, Knoten zu lösen. Man hat mir diese Tendenz zum Didaktischen auch vorgeworfen. Die Hälfte von "Ist das ein Mensch?" Ist dem Versuch gewidmet, mir selbst und somit dem Leser den Grund dieser scheinbaren Anomalie, wie es die deutschen Lager darstellen, zu erklären. Ich habe nie - oder beinahe nie, in ein paar Erzählungen habe auch ich es getan - den Weg von Kafka gewählt, das heißt, dem freie Bahn zu gewähren, was aus dem Unbewußten kommt. Kafka gilt als Schriftsteller, der Fehlen von Leben und Liebe und die Sehnsucht danach besingt. Seine steilen atmosphärischen Welten sind das Destillat eines Lebens, das zugrunde ging. Bei Ihnen gibt es das nie. . . Kafka ist aufgewachsen in einem schlimmen Konflikt mit seinem Vater, er war das Produkt dreier vermischter Kulturen - der jüdischen, der Prager und der deutschen -, unglücklich in seinen Liebesbeziehungen, frustriert von seiner Arbeit, schließlich schwer krank. Er ist jung gestorben. Mir ist, trotz des Lagers, das mich tief gezeichnet hat, ein andersartiges, weniger unglückliches Leben zuteil geworden. Der für mich persönlich so glückliche Ausgang, die Tatsache, daß es mir gelang, das Lager zu überleben, hat mich zu einem törichten Optimisten gemacht. Heute bin ich nicht mehr optimistisch. Damals war ich es. Damals habe ich den für mich persönlich glücklichen Ausgang - der mich alles in allem bereichert hat, indem er mich zum Schriftsteller machte - unlogischerweise auf alle menschlichen Tragödien übertragen."Ist das ein Mensch?" besitzt, obwohl es von furchtbaren Dingen handelt, eigentlich wenig Affinität zu Kafka. Viele haben bemerkt, daß es ein optmistisches und heiter-ausgeglichenes Buch ist, in dem man diesen Weg aufwärts spürt. Zu denken, daß aus dem Abgrund, aus der Grube, aus dem Lager nicht eine bessere Welt entstehen sollte, erschien absurd. Heute denke ich ganz anders. Ich denke, daß aus dem Lager nur das Lager entstehen kann, daß aus dieser Erfahrung nur Übel hervorgehen kann. Nachdem man miterlebt hat, wie ein moderner organisierter, technisierter, bürokratisierter Staat Auschwitz hervorbringen konnte, muß man mit Grausen an die Möglichkeit denken, daß jene Erfahrung sich erneuern kann. Ich sage nicht, sie muß sich erneuern, aber daß es möglich ist, das befürchte ich. Sie haben Zeugnis abgelegt von der Barbarei der nazistischen Lager. Hat, wie man sagt, Kafka die Lager vorausgeahnt? Ein gewisses Vermögen jenseits der gängigen Vernunft muß man Kafka unbedingt zuschreiben. Er besaß sicherlich ein fast animalisches Empfindungsvermögen, so wie man von den Schlangen behauptet, daß sie Erdbeben vorausahnen. Da er in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts schrieb hat er viele Dinge vorausgesehen. Im "Prozeß" gibt es eine frühe Vorahnung, daß die Gewalt von der Bürokratie kommt. Von dieser wachsenden Macht, dieser unwiderstehlichen Macht, die Frucht unseres Jahrhunderts ist. Kafkas Schwestern sind alle im Lager umgekommen, Opfer dieser verderbten und niederträchtigen Apparatur, die er vorausgesehen hatte. Ich muß hinzufügen, daß diese meine Deutung des "Prozeß" vielleicht zu persönlich ist, ich weiß, daß es noch sehr viele andere gibt. Eine Lesart ist die, daß die den Prozeß führende Instanz kein bürokratisches Gericht ist, sondern daß die Verurteilung in der Krankheit steckt, die Kafka in sich verspürte. Oder aber, es gibt eine theologische Deutung, wonach das Gericht der unbekannte Gott ist, der Gott, den wir nicht zu erkennen vermögen.Kafkas Bücher, und besonders "Der Prozeß", sind widersprüchlich, Josef K. fühlt sich abwechselnd unschuldig und schuldig. Darin liegt kein Widerspruch. Der Mensch ist sich nicht immer gleich. Kafka ist sich nicht gleich. Man kann sich, nacheinander oder gleichzeitig, unschuldig und schuldig fühlen. Eine rationale Schlüssigkeit, eine innere Konsequenz in einem Text wie dem "Prozeß" suchen zu wollen, das hieße, seine Natur zu leugnen, ihn zu negieren, zunichte zu machen. Die Verrohung ereilt auch den Henker, nicht nur das Opfer, sie läßt Unterschiede, die Abstände verschwimmen. Dies ist vielleicht das Thema von "Ist das ein Mensch?" und ein Thema bei Kafka? Am Anfang des Buches tritt ein ungarischer Arzt auf, der in Italien studiert hat und das Italienische mit einem stark fremdländischen Akzent spricht. Er ist der Zahnarzt des Lagers. Er ist ein Krimineller, so sagt er selbst. Er ist ein "privilegierter" Häftling, ein Opfer, das zum Peiniger geworden ist. Er ist verrückt, auf uns wirkt er verrückt, vielleicht ist er es, weil er die Einzelheiten des Lagerlebens minutiös, präzise schildert und uns damit aus unserem Eindruck, niedergewalzt zu werden, löst. Zum Beispiel sagt er, wer boxen kann, der könne Koch werden. Das erscheint uns als eine sinnlose und wahnwitzige Aussage. Aber später werden wir begreifen, daß es wirklich so ist, daß es für den Koch unerläßlich ist, Fausthiebe auszuteilen, weil er das von ihm bereitete Essen verteidigen muß. Sicherlich steckt darin etwas Kafkaeskes. Diese Verzerrung der Lagerwelt ist kafkaesk. Im Lager stößt man unentwegt auf etwas Unerwartetes, und es ist recht typisch für Kafka, daß jemand eine Tür aufmacht und nicht das vorfindet, was er erwartet, sondern etwas anderes, etwas vollständig anderes. An wen richtet sich Ihr Prozeß? Ich muß sagen, daß ich beim Übersetzen des "Prozeß" vielfältige und gegensätzliche Empfindungen hatte, Interesse, sogar Begeisterung, Freude über die Lösung eines Problems, über den gelösten Knoten. Aber auch Beklemmung, tiefe Traurigkeit. Mir erschien es als ein Buch voll tiefer Vorahnung. "Mehr sag ich nicht. Doch sei dein Leben leicht / Und kommt dein Festtag spät, sei nicht betrübt." "Der Prozeß" läßt einen bewußter werden. Man denke nur daran, wie dieses Buch endet, an die letzte Szene: der blaue Himmel und die Hinrichtung auf diese Weise, durch die Hand zweier solcher Individuen, das heißt im Grunde zweier Automaten, die fast nicht sprechen, die alberne Höflichkeiten wechseln. Sie achten sehr auf die Hinrichtungsmodalitäten, sie wollen, daß alles penibel durchgeführt wird. Aber es ist ein Todesurteil, und sie drehen das Messer im Herzen um. Und dieser Schluß ist von derart unerwarteter Grausamkeit, daß ich ihn einem kleinen Sohn, wenn ich denn einen hätte, ersparen würde. Mir scheint, daß er ein Unbehagen, ein Leiden zum Ausdruck bringt, das sicherlich die Wahrheit ist. Ungefähr so werden wir sterben, ein jeder von uns.

Primo Levi wurde am 31. Juli 1919 in Turin geboren und stürzte sich dort am 11. April 1987 aus dem dritten Stock seines Wohnhauses in einen Treppenschacht. Weltberühmt war der hauptberufliche Chemiker durch seine autobiographischen Bücher "Ist das ein Mensch?" und "Die Atempause" geworden, in denen er seine Erfahrungen als jüdischer Häftling (und italienischer Partisan) in Auschwitz reflektierte. Anfang der 80er Jahre bat der Verlag Einaudi den Schriftsteller, Kafkas "Prozeß" neu zu übersetzen und startete damit eine Reihe von Klassiker-Übertragungen aus der Hand zeitgenössischer italienischer Autoren. Zur Premiere des Buchs führte Federico De Melis das zuerst in der Zeitung "Il manifesto" am 5. Mai 1983 erschienene und hier erstmals auf deutsch zu lesende Gespräch. Der für diesen Abdruck leicht gekürzte Text wird im September in dem Band "Primo Levi. Gespräche und Interviews", herausgegeben von Marco Belpoliti im Münchner Carl Hanser Verlag, enthalten sein. Übersetzung aus dem Italienischen von Joachim Meinert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben