• "Ich gehe auch über die lange Distanz" - doch bis zur letzten Runde zählt für ihn jeder Punkt

Kultur : "Ich gehe auch über die lange Distanz" - doch bis zur letzten Runde zählt für ihn jeder Punkt

Kai Müller

"Zum Boxen?" Der Taxifahrer weiß sofort Bescheid, als er die Adresse hört, und es dauert nicht lange, bis es aus ihm herausplatzt: "Das ist doch Beschiss." Thomas Langhoff jedenfalls nimmt es gelassen hin. Es gehört zum Schicksal eines romantischen Kultur-Menschen, dass er seinen Glauben an den Boxsport gegen den Verdacht verteidigen muss, dass der Erfolg käuflich ist. "Kann schon sein", erwidert Langhoff, "dass ein Weltmeister Gegner vorgesetzt bekommt, die sein Niveau nicht haben, die umfallen, ohne ihn herauszufordern. Aber irgendwann kommt einer, der tut das nicht. Boxer sind käuflich bis zum ersten Gongschlag."

Niemand versteht vielleicht das schmierige Wechselspiel aus theatralischen Gesten und schweren Schlägen besser als Thomas Langhoff, ein Mann der Bühne. Als Regisseur und Intendant des Deutschen Theaters wirkt er selbst wie ein müder, angeschlagener Boxer, der schmerzhafte Kopftreffer einstecken muss. Die Kritik an seiner Person und seinen Leistungen zwingt ihn in jüngster Zeit immer häufiger in die Defensive, von wo aus er launische und entkräftet wirkende Rechtfertigungen versucht. Zu vieles ist ihm missglückt. Zwar strömt das Publikum, sagt er mit Freude, wie nie zuvor in seine Inszenierungen. Doch die Fehlschläge, insbesondere der bislang vergebliche Versuch, die Kammerspiele des Deutschen Theaters mit einem jungen Leitungsteam wieder zu beleben, lasten schwer auf ihm. Als persönliche Kränkung empfindet er die Weigerung des vormaligen Kultursenators, Peter Radunski, seinen Vertrag über das Jahr 2001 hinaus zu verlängern. Zwar dachte er selbst bereits darüber nach, seinen Stuhl freiwillig einem anderen, jüngeren Theatermacher zu überlassen, aber dass ihm diese Entscheidung abgenommen wurde, empört ihn noch heute. Zuletzt kam die Entlassung seiner Stellvertreterin, Rosemarie Schauer, hinzu, nachdem sie als Stasi-Informantin enttarnt worden war. Jetzt muss er, für den die Arbeit am Schreibtisch der Schinderei eines Galeerensklaven gleichkommt, auch noch Verwaltungsaufgaben erfüllen.

Leise gesteht Langhoff auf dem Weg in die von Menschen wimmelnde Hotel-Lobby des Estrel, dass er Fussballfan ist. Und noch leiser, dass sein Lieblingsverein FC Union Berlin heißt. Er weiß also, was Leiden bedeutet. "Ja, schrecklich", nickt er. Lieben Sie die Verlierer? "Jede Niederlage hat eine gewisse tragische Komponente. Der Triumph des Sieges, so sehr ich ihn mir wünsche, bleibt eine eindimensionale Empfindung. Die gebrochenen Helden jedoch haben mein Mitleid, in ihnen spiegelt sich das ganze menschliche Drama."

Während sich die Halle langsam mit Publikum füllt, werden im Ring bereits Nacken gekrault, tropfende Schwämme auf zerdellte Stirnpartien gepresst, zugeschwollene Augen gekühlt und eindringliche Worte in erschöpfte Boxergesichter gesprochen. Es hat sich viel verändert, seit Langhoff in seiner Jugendzeit regelmäßig zum Boxen ging. Nichts mehr von dem verwegenen Charme der Halbwelt, die sich am Ring mit der Pracht eines Hofstaats zu präsentieren pflegte. "Im Volkshaus Weißensee haben nach dem Krieg jedes Wochenende Box-Veranstaltungen stattgefunden. Das waren eigentlich Schlägereien. Da bin ich immer hin. Und der größte Schmerz meiner Jugend war, dass ich um zehn Uhr nach Hause musste, bevor die wichtigen Kämpfe begonnen hatten. Meine Mutter war unerbittlich."

Langhoff führte damals, als die Familie aus dem Schweizer Exil in die zertrümmerte Vier-Sektoren-Stadt zurückkehrte, ein Doppelleben zwischen bürgerlichem Elternhaus und Straßengangs. Er konnte seine Mutter mit Anzug und Schleife ins Theater begleiten und kurz zuvor noch an einer Straßenecke Schmiere gestanden haben, während seine Freunde Obst- und Gemüsegärten, Schrottplätze oder Laubenkolonien plünderten. "Meine Eltern waren sehr tolerant. Sie machten sich keine Vorstellung davon, was ich tagsüber trieb. Zeitweilig gehörte ich der Schlecko-Bande an, einer Gruppe jugendlicher Kleinkrimineller, die je nach Bedarf Nahrungsmittel oder Metalle stahlen, um sie im Westen für Westgeld wieder zu verscherbeln." Das Milieu entfaltete eine ungeheure Sogkraft auf Langhoff. Er begegnete einem wölfischen Überlebensinstinkt, der in dem Kampf Mann gegen Mann seinen unmittelbarsten Ausdruck fand. "Als ich aussteigen wollte, wurde das für mich sehr unangenehm. Schlecko schwor mir ewige Rache, so dass mich ständig ein paar starke Freunde begleiten mussten."

Vitali Klitschko ist eine beeindruckende Gestalt. Ein Muster-Athlet, der seinem amerikanischen Herausforderer in allen Belangen überlegen ist. Doch Chris Byrd taucht unter seinen Schlägen weg. Gegen solche unterwürfigen Gesten ist Klitschko machtlos. Durch Langhoffs Körper geht plötzlich ein Ruck. Er sitzt kerzengerade, als würde er die Proben einer Schlüsselszene verfolgen: "Klitschko landet nicht einen Treffer."

Das glitschige politische Parkett ist Langhoff stets fremd geblieben. Als er das Deutsche Theater vor neun Jahren übernahm, besaß er nicht den Funken einer Ahnung, wie er mit Politikern umgehen sollte. Er weiß es wahrscheinlich auch heute noch nicht. Sein Auftritt vor dem Finanzausschuss, vor dem er erneut Defizite von 2,4 Millionen Mark erklären musste, glich einer öffentlichen Abmahnung. Er saß einem imaginären Gegner gegenüber, einer vielköpfigen Hydra, die ihn mit "kleinlichen Fragen" bedrängte - und er wusste sich nicht anders zu helfen als mit hilfloser Empörung. "Mit liegt das Kämpfen", sagt Langhoff, "und ich habe eine gute Kondition. Aber ich bin erschöpft von den Hinterbänklern, die Leuten wie Barenboim und mir entwürdigende Fragen stellen." Zwei Tage zuvor hatte er dem SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit in einer öffentlichen Debatte noch demonstriert, dass dessen Forderungen nach größerer Sparsamkeit der Intendanten unrealistisch seien, schon musste er miterleben, dass dieser sie ungerührt wiederholte. "Wir kämpfen gegen ein kulturfeindliches Klima an, das in Diepgens jüngsten Äußerungen auf den Punkt gebracht wurde. Die Stadt scheint noch immer nicht begriffen zu haben, dass sie außer ihren Kultureinrichtungen überhaupt nichts zu bieten hat. Aber sie wirft uns Verschwendung vor."

Es ist ein Zweifrontenkrieg, der an Langhoffs Nerven zehrt. Nach oben muss er die Mehrausgaben rechtfertigen, die sein schwerfälliger Apparat Jahr für Jahr produziert. Nach unten muss er Reformen durchsetzen, die von fünf verschiedenen Tarifgruppen blockiert werden. Das zu bewerkstelligen, fiele ihm vielleicht leichter, wenn er deren künstlerischen Sinn nicht auch noch anzweifeln müsste. "Was den strukturellen Umbau des Theaters betrifft, bin ich ein linker Konservativer. Ich halte nichts von Veränderungen, wenn sie sich zum Nachteil der künstlerischen Qualität auswirken."

"Was mir gefällt", sagt Langhoff, als die vierte Runde verstrichen ist und Chris Byrd den übermächtig scheinenden Weltmeister Vitali Klitschko frech zu attackieren beginnt, "was mir imponiert, ist die boxerische Intelligenz eines Kämpfers, der die gesamte Distanz im Kopf behält und seine Kräfte einzuteilen weiß. Er meidet den offenen Schlagabtausch. Er klammert oder duckt sich weg. Er geht nicht auf den K. o. aus. Er will boxen. Der K. o. ist lediglich ein zufälliges Resultat seiner Strategie." Und dann, nachdem er kurz seine eigene Lage bedenkt: "Ich könnte meine zehn Jahre am Deutschen Theater auch in zehn Runden einteilen. Jede Runde wird einzeln gewertet. Die ersten habe ich gewonnen, dann einige verloren. Am Ende, wenn sämtliche Punkte zusammengezählt werden, wird man sehen, wie es steht." Er hat es kaum ausgesprochen, als der Ringrichter den Kampf abbricht. Der große weiße Mann, den alle in der Halle für unbesiegbar hielten, ist geschlagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben