Kultur : „Ich gehörte zum Mobiliar“

Am 25. August wäre Erich Honecker 100 Jahre alt geworden. Sein Butler berichtet, wie er privat war.

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Im Zentrum der Macht. Auch Sigmund Jähn bekommt 1978 ein Glas Sekt von Lothar Herzog (Mitte) serviert. Foto:
Im Zentrum der Macht. Auch Sigmund Jähn bekommt 1978 ein Glas Sekt von Lothar Herzog (Mitte) serviert. Foto:Foto: picture alliance / dpa

Erst beim Sichten seiner Unterlagen sei ihm klar geworden, schreibt der 69-Jährige Lothar Herzog, dass er an den „meisten wichtigen historischen Ereignissen im Ostblock teilgenommen“ habe. So sei er bei allen „Parteitagen der Bruderparteien“ dabei gewesen, „um die vierhundert Mal“ nach Moskau gereist, und Erich Honecker habe er in über dreißig Staaten begleitet.

Lothar Herzog ist also ein Insider, sollte man meinen, ein begehrter Zeitzeuge womöglich, der mit pikanten wie unbekannten Details zur Zeitgeschichte aufwarten kann. Zwölf Jahre lang, von 1972 bis 1984, war Lothar Herzog der „persönliche Kellner“ von Erich Honecker, seit 1962 war er im Ministerium für Staatssicherheit als Personenschützer abgestellt. Seine Tätigkeit bei den Honeckers beschränkte sich vor allem auf das Essen und die Getränke, auf Gläser und Geschirr, er war so etwas wie der private Butler beim Staats- und Parteichef.

„Ich gehörte zum Mobiliar“, schreibt Herzog einmal. „Ich hatte Weisung, nur zu antworten, wenn ich gefragt werde. Und da er mich nie fragte, gab es auch keinen Anlass, dass wir uns unterhielten … Ich servierte nur und schwieg.“ Und das ist die Krux des Buches seines Butlers. Herzog war der brave Diener und Untertan, ein stiller Beobachter, der eher wegschaute. Sein Blick hinter die Kulissen der Macht ist höchst fragmentarisch und unbefriedigend. Auf persönliche Gespräche oder Gesprächsnotizen von politischen Begegnungen kann er sich nicht stützen.

Neben allerlei biografischen Einzelheiten zur eigenen Person erfahren wir zunächst, dass Herzog bei einem Treffen von Walter Ulbricht und Alexander Dubcek 1968 dabei war, in höchst aufgeladener Zeit also, kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Soldaten. Doch interessante Details? Fehlanzeige. Von „innenpolitischer Krise des Bruderlandes“, spricht Herzog , „am 20. August intervenierten die Verbündeten militärisch“ – das war’s.

Auch Willi Stoph begleitete Herzog, so war er beim „ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen“ mit Willy Brandt im März 1970 dabei. Dass der Ministerpräsident der DDR „so mürrisch und sauertöpfisch wie immer“ wirkte, ist noch die interessanteste Information zu der Begegnung.

Herzog erwähnt allerlei Namen, doch zu Charakterisierungen kommt es in den seltensten Fällen. Von Pjotr Abrassimow, 1975 bis 1983 sowjetischer Botschafter in der DDR, nehmen wir „das anmaßende und selbstherrliche Auftreten des eitlen Diplomaten“ zur Kenntnis. Franz Josef Strauß hingegen sei beim Besuch 1983 „liebenswürdig und sympathisch“ aufgetreten.

Der Titel des Buchs lautet „Honecker privat“. Doch ein Drittel des Buchs widmet sich anderen Beschreibungen. Und der Rest ist leider nicht so erhellend, wie der Titel glauben lässt. So erfahren wir, dass der Staatsratsvorsitzende der DDR – ein kleiner und eher schüchterner Mann – jeden Morgen eine Zitrone trank, „pur und ungesüßt“; dass es zum Frühstück „bitterer Instantkaffee“ sein musste und kein Filterkaffee, dafür der Honig aber die Marke Langnese sein sollte; dass Honecker kein Genussmensch war, „die Tätigkeit ,Speisen’ eher eine lästige Notwendigkeit“.

Zu einem persönlichen Wort scheint es zwischen Honecker und Herzog in den zwölf Jahren tatsächlich nicht gekommen zu sein. „Honecker registrierte zwar täglich meine Anwesenheit“, schreibt Herzog, „aber er nahm mich nicht als Person wahr.“ Und nur einmal versteigt sich der treue Diener zu einer verquasten, aber doch kritischen Äußerung, als er Honeckers Starrsinn anspricht: „Realismus schien ihm wie Verrat, eine Zustandsbeschreibung galt ihm bereits als Kapitulation. Er war nicht nur menschlich einsam, sondern wurde es zunehmend auch in seinem Urteil.“ Nach dem Rauswurf bei Honecker, für den der heute 68-Jährige noch immer keine Erklärung hat, kellnerte Herzog „im zivilen Bereich“, nach der Wende schließlich im Berliner ICC.

„Honecker läuft immer“, verkündete der Verleger Frank Schumann im Frühjahr stolz, als er über die Verkaufszahlen der „Letzten Aufzeichnungen“ Honeckers aus dem Moabiter Gefängnis Auskunft gab. In diesem privaten Tagebuch beklagt sich der todkranke Honecker über die miese Behandlung der „Klassenjustiz“, über seine Schlafstörungen, Krämpfe, Zahnschmerzen, das „Gruselbild von mir“, das die Staatsanwaltschaft vermittle. Das Buch schaffte es auf die Bestsellerlisten. So schielt der Verleger nun wohl weiter auf den 100. Geburtstag Erich Honeckers an diesem Freitag und hob noch das leichte Buch des Butlers ins Programm.

Lothar Herzog: Honecker privat. Ein Personenschützer berichtet. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2012. 192 Seiten, 12, 95 Euro.

Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen. Verlag Edition Ost, Berlin 2012. 192 Seiten, 14, 95 Euro

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