Kultur : Ich glaube, also bin ich

Das Leipziger Dokfilm-Festival erforscht die Sehnsucht nach Spiritualität

Silvia Hallensleben

Nicht nur beim gesellschaftlichen Wandel gehen Gewinn und Verlust Hand in Hand. Auch im Kleinen wird Fortschritt meist mit Schmerz bezahlt. Das Leipziger Dokumentarfilmfestival ist in seinem 48. Jahr in den lichtdurchfluteten Neubau des Museums der bildenen Künste umgezogen. Dort aber, wo zuvor die Luft von cineastischer Fachsimpelei vibrierte, hat jetzt ein Textilkaufhaus Revier bezogen, das ausgerechnet mit dem Hinweis auf das geschlachtete Traditionskino wirbt: „Erleben Sie im ehemaligen Capitol-Kino die wichtigsten Mode-Marken!“

Auch am traditionsreichen Festival für Dokumentar- und Animationsfilm selbst geht der Fortschritt nicht vorüber. Nicht nur, dass die zerzauste Picasso-Friedenstaube im Logo – zum Ärger der Lokalpresse – adrett zurechtgerupftwurde. Auch programmatisch stehen die Zeichen auf Umbruch: Der seit 2004 amtierende Leiter Claas Danielsen will das Publikumsfestival zu einem internationalen Branchentreff hochrüsten, mit Pitchings, in denen Filmemacher ihre Projekte potenziellen Förderern vorstellen, einem Koproduktionstreffen und einem DOK-Markt, der die fertigen Filme zum Kauf feilbietet.

Konkret ist so ein Filmmarkt eine Ansammlung von Sichtungskabinen, in denen mit Kopfhörern abgeschirmte Menschen sich einsamem Filmgenuss hingeben. Dem Festivalbesucher kann die professionelle Peep-Show egal sein – schließlich dient sie der guten Sache, die Filme ins Kino oder zumindest ins Fernsehen zu bekommen. Problematischer dagegen das spürbare Minus bei den Zuschauerzahlen: Mit Rücksicht auf die Fachbesucher war das Festival um zwei Wochen – und damit noch in die Semesterferien – vorverlegt worden. Und so warnte auch Otto Alder, der scheidende Leiter des Animationsprogramms, eindringlich vor einer drohenden Virtualisierung des Festivals.

Bisher allerdings finden die Filme im Kino statt. Und auffällig viele thematisieren genau jenen Verlust von Erfahrung, der mit dem Verschwinden kontinuierlicher Lebens- und Arbeitszusammenhänge einhergeht. So besucht der mit mehreren Preisen bedachte „L’avenir“ von Claudio Zulian den ehemaligen Grubenort Meurchin in Nordfrankreich: Effektvoll werden dabei die Statements der Bewohner zur Zukunft des Städtchens mit langen Kamerafahrten durch ärmliche Küchen, sterile Büros und Villenwohnzimmer unterlegt. Erst beim konzentrierten Hinsehen sichtbar werden dagegen die Qualitäten von Erkko Lyytinens „The North Star“: Der Film erzählt von den Nöten einer Waggonfabrik im finnischen Norden, die dem spanischen Talgo-Konzern gehört. Nur ein Auftrag der Staatsbahn kann den Betrieb retten. Immer wieder reisen Firmenvertreter und Bürgermeister in die ferne Hauptstadt, doch EU- Regeln und Sachzwänge machen auch dort eigenes Handeln fast unmöglich.

Der Verlust traditioneller Arbeitszusammenhänge war das eine große Thema des Festivals, das andere die Suche nach Gegenwelten. Das Soziale wird darin allerdings weitgehend ausgeklammert – die Retrospektive mit politischen Filmen aus Deutschland erwies sich dazu als augenfälliger Kontrast. Die Utopien heute sind eher ästhetischer oder spiritueller Natur. Am konkretesten ist da noch die Parallelwelt der Hutterer, die Klaus Stanjek in seiner „Kommune der Seligen“ porträtiert. Es geht um ein Dorf der Gemeinde der protestantischen Glaubens- und Lebensgemeinschaft, die sich aus dem bauernrevolutionären Aufbruch des 16. Jahrhunderts fast unverändert ins heutige Nordamerika gerettet hat. Dem Film, dessen Realisierung Stanjek mehrere Jahrzehnte hartnäckig betrieben hat, gelingt bewundernswert die Balance zwischen Zurückhaltung und naturgemäß neugierigem Blick.

Ist Stanjeks Film das sachliche Porträt einer fremden Gemeinschaft, schmiegt sich Philip Grönings „Die große Stille“ seinem Gegenstand – einem Kartäuserkloster – fast mimetisch an und entwickelt seine Stärke in der sinnlichen Vergegenwärtigung religiöser Stimmungen, während er die materiellen Grundlagen des Klosterlebens bewusst ausspart. Christian Freis mit der Silbernen Taube ausgezeichneter Reportage-Essay „The Giant Buddha“ dagegen, der die Bedeutung der beiden von den Taliban gesprengten Buddhafiguren in Bamiya untersucht, verliert sich bald in Geschwätz – und begibt sich damit, künstlich geheimnistuerisch, ins seichte Fahrwasser entsprechender TV-Expeditionen.

Ist der aktuelle Dokumentarfilm mit seiner Suche nach dem emotionalen Kick auch eine Form des Religionsersatzes? Michael Glawoggers „Working Man’s Death“ legt das nahe: Hier werden Szenen globaler Schwerstarbeit so gefilmt, als seien sie einer durch „GEO“-Filter ästhetisierten Apokalypse entsprungen. Indonesische Lastenträger im Schwefeldampf, eine nigerianische Schlachtszene, die von Hieronymus Bosch sein könnte. Herren gibt es hier nicht, nur Sklaven. So lässt einen Glawoggers bildgewaltiges Monument weltweiter Schweißarbeit zwar durchaus überwältigt, doch ratlos zurück. Vielleicht wollte die Jury mit ihrem ersten Preis da ein Gegengewicht setzen: „Before Flying Back to Earth“ ist ein auffallend stiller, beobachtender Film aus einer litauischen Kinder-Leukämiestation. Religiöse Untertöne aber auch hier: Fliegen die Seelen der Kinder am Ende aus dem Fenster davon?

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